Sprachspürli: Wie (un)bewusst sind Dialektstereotype?

Sprache ist das Holodeck, mit dem wir die Welt konzep­tio­na­li­sie­ren und entspre­chend begreifen. Sie ist omniprä­sent. Entspre­chend überrascht es nicht, dass jede:r Sprecher:in auch reflek­tie­ren­de Konzepte und Vorstel­lun­gen von Sprache und dem jewei­li­gen Sprach(en)kosmos, in dem er/sie sich bewegt, hat. Gespeist werden diese Vorstel­lun­gen von Metadis­kur­sen über Sprache (z.B. in schuli­schen oder kultu­rel­len Kontexten) und durch die unmit­tel­ba­re Sprach­pro­duk­ti­on und ‑perzep­ti­on.

Solche Diskurse über Sprache sind in vielerlei Hinsicht lingu­is­tisch inter­es­sant und relevant. Ein Aspekt, den ich hier heraus­grei­fen möchte, ist ihr Einfluss als externer Faktor auf Sprach­wan­del­pro­zes­se. Diskurse können Sprach­wan­del z.B. im Rahmen von präskrip­tiv formu­lier­ten Standar­di­sie­run­gen, Stigma­ti­sie­run­gen oder auch Aufwer­tung bestimm­ter (vermeint­lich) identi­fi­zier­ter Struk­tu­ren beein­flus­sen. Entspre­chend ist die Beschäf­ti­gung mit laien- bzw. perzep­ti­ons­lin­gu­is­ti­schen Aspekten nicht nur für die Psycho- und Kongi­ti­ons­lin­gu­is­tik, sondern auch für die histo­ri­sche Lingu­is­tik von Interesse.

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800 Jahre Dialekt in Marburg

Wie man in Marburg vor 800 Jahren gespro­chen hat, kann man nur vermuten. Uns liegen keine Quellen vor, die uns einen direkten Einblick in die gespro­che­ne Sprache vermit­tel­ten. Doch nach allem, was wir heute über die Entwick­lung des Deutschen wissen, dürften die heutigen Dialekte dem damaligen Sprach­stand einiger­ma­ßen nahe kommen, wenn sie auch kein konse­quen­tes Abbild liefern. Es könnte also gut sein, dass ein Satz des Typs merr sey mäure enn hu Doscht (wir sind müde und haben Durst), wie er aus Wehrda überlie­fert ist oder ois Berj sei net sihr huk, au sei viel hiher (unsere Berge sind nicht sehr hoch, eure sind viel höher) aus Altenvers schon zur Zeit der Stadt­grün­dung verstan­den worden wäre. Ob die Menschen damals aller­dings auch genau so gespro­chen haben, lässt sich schwer sagen. 

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Wenkerbögen neu kartiert

Die handge­zeich­ne­ten Karten des „Sprach­at­las des Deutschen Reichs“ (Wenker­kar­ten) sind ein eindrucks­vol­les Resultat einer enormen Daten­er­he­bung und eines detail­lier­ten manuellen Kartie­rungs­ver­fah­rens. Ich will hier einen Versuch einer zeitge­mä­ßen Visua­li­sie­rung vorstel­len, die genauso detail­ge­treu und zugleich intuitiv leichter verständ­lich ist als Wenkers Origi­nal­kar­ten. Das zentrale Problem besteht dabei darin, alle einzelnen Formen eines Erhebungs­phä­no­mens zu reprä­sen­tie­ren, ohne die Karte unüber­sicht­lich werden zu lassen. Vor allem bei der Kartie­rung der Vielfalt an vokali­schen Varianten ist das eine große Herausforderung.

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Regionalsprachliche Korpora des Deutschen — Repositorien des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas

Um Forschungs­da­ten einer­seits für die wissen­schaft­li­che Community sowie die inter­es­sier­te Öffent­lich­keit verfügbar zu machen und sie anderer­seits in eine Langzeit­ar­chi­vie­rung zu überfüh­ren, wurde in den letzten Jahren das Manage­ment dieser Ressour­cen und damit auch der Umgang mit Daten im wissen­schaft­li­chen Alltag stärker fokus­siert. Darunter fällt auch der Aufbau von Reposi­to­ri­en, der als wichtige Aufgabe von empirisch arbei­ten­den Forschungs­ein­rich­tun­gen gelten kann.

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Echtzeit-MRT in der Phonetik: Einblicke in Details der Artikulation

Im Bereich der artiku­la­to­ri­schen Phonetik ermög­li­chen bildge­ben­de Verfahren einen erheb­li­chen Erkennt­nis­ge­winn hinsicht­lich der Bewegungs­ab­läu­fe während der Sprach­pro­duk­ti­on. Zwei Methoden erlauben eine relativ gute zeitliche und räumliche Auflösung. Seit den 60er-Jahren steht hier das Ultra­schall­ver­fah­ren (Wein 1990, Wilson 2014) zur Verfügung. Es beruht auf der Reflexion von unhör­ba­rem Schall über 20 000 Hz an Gewebe­grenz­flä­chen (z. B. von Zungen­ober­flä­che und Umgebungs­luft) und erlaubt insbe­son­de­re die Visua­li­sie­rung der Zungenbewegung.

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Wenn Thomas “größer wie” sein Bruder ist. Regionale Variation im Satzbau

Dass das Deutsche regio­nal­sprach­li­che Variation aufweist, wissen viele: Was dem Berliner die Schrippen sind, heißt in Bayern Semmel und in Schwaben Weck. Auch Unter­schie­de im lautli­chen Bereich sind Ihnen wahrschein­lich mehr oder weniger bekannt. Heißt es beispiels­wei­se in Bayern I hob, so findet man in Norddeutsch­land Ik heff, Ik hewwe und dazwi­schen, im Mittel­hes­si­schen, Aich hon, Ech hu und Äich ho. Doch wie steht es um den Satzbau? Tradi­tio­nell wurde er bei der Frage nach dialek­ta­len Unter­schie­den eher stief­müt­ter­lich behandelt. Aber gibt es hier vergleich­ba­re regionale Unter­schie­de? Diese Frage wird gerade am Forschungs­zen­trum Deutscher Sprach­at­las erforscht. 

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Phonemzusammenfall von altdeutschen und frühneuhochdeutschen Diphthongen in hessischen Dialekten?

Eine der wichtigs­ten Lautent­wick­lun­gen in der Sprach­ge­schich­te des Deutschen ist der Zusam­men­fall der Altdi­phthon­ge mhd. ei-öu-ou mit denen aus î‑iu‑û neu entstan­de­nen Diphthon­gen ai-oi-au (= frühneu­hoch­deut­sche Diphthon­gie­rung). Nach bishe­ri­ger Auffas­sung erfolgte dieser Zusam­men­fall jedoch nur in der Schrift, der Standard­spra­che und den meisten Regio­lek­ten – in älteren Sprach­stu­fen und fast allen Dialekten werden die „alten“ und „neuen“ Diphthon­ge bis heute unter­schie­den. Wie es in der neuhoch­deut­schen Schrift­spra­che und der Standard­spra­che zum Zusam­men­fall gekommen sein soll, ist gewis­ser­ma­ßen ein Rätsel. Das soll an zwei entge­gen­ge­setz­ten Meinungen zu den Ursprün­gen des frühneu­hoch­deut­schen Phonem­zu­sam­men­falls verdeut­licht werden. 

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Das Hessen-Nassauische Wörterbuch

Das Hessen-Nassauische Wörter­buch gehört zu den großland­schaft­li­chen Dialekt­wör­ter­bü­chern, die im vorigen Jahrhun­dert einge­rich­tet wurden, um den mundart­li­chen Wortschatz einer Region zu sammeln und in Form eines Wörter­buchs zu beschrei­ben. Durch die zuneh­men­de Indus­tria­li­sie­rung zeichnete sich ein tiefgrei­fen­der Wandel in der Gesell­schaft ab. So starben alte Handwerks­be­ru­fe wie die Hauswe­be­rei durch den Einsatz von Maschinen ganz aus und damit verbunden auch der Fachwort­schatz dieser Handwer­ker. Seit 1914 verschick­te die Kanzlei des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs in Marburg Frage­bo­gen, um gezielt Wortma­te­ri­al für das Wörter­buch zu erheben. 

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„Wie heißt du und wie nennst du dich?“ – Hausnamen in Mittelhessen

Katasterkarte von Großseelheim, um 1755 (aus Block et al. 2016)

Was sind Hausnamen?

In vielen Regionen Deutsch­lands gibt es auf dem Dorf ganz besondere Namen: die Hausnamen (auch Dorfnamen oder Hofnamen genannt). Will man über einen Bekannten aus dem Dorf sprechen, so bezeich­net man ihn nicht mit dem Famili­en­na­men (Müller, Wolf, Schultz), sondern mit dem sogenann­ten Hausnamen (Zellersch, Wisskeb­jes, Buchben­nersch). So könnte jemand, der Heinrich Dörr heißt, im Dorf Verwäl­täsch Hein genannt werden. Man unter­schei­det also, wie man heißt (Vorname), wie man sich nennt (Hausname) und wie man sich schreibt (Famili­en­na­me). Kennt man den Hausnamen, weiß man zugleich, wo jemand wohnt und zu welcher Familie die Person gehört. Während die offizi­el­len Famili­en­na­men im Perso­nal­aus­weis stehen, sind die Hausnamen inoffi­zi­ell und werden nur in der mündli­chen Kommu­ni­ka­ti­on in der Dorfge­mein­schaft verwendet.

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Die Anfänge der Sprachkartographie

Fast 50.000 handge­schrie­be­ne Formulare mit Dialekt­über­set­zun­gen auf dem Schreib­tisch, aus denen ein Sprach­at­las entstehen soll. Wie lässt sich eine solche Masse an Material auswerten und kartieren zu einer Zeit als es noch keinen Computer gab? Im folgenden Video können Sie in einer Animation sehen, wie Georg Wenker diese Mammut­auf­ga­be bewäl­tig­te und der “Sprach­at­las des Deutschen Reichs” entstand.

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