Die Benrather Linie ist keine syntaktische Grenze!

In der Dialekt­for­schung wurde die Syntax, wie jüngst in einem Sprachspuren-Beitrag von Hanna Fischer, Simon Kasper und Jeffrey Pheiff (2022) aufge­zeigt wurde, lange Zeit vernach­läs­sigt, unter anderem, weil man nicht glaubte, dass sprach­geo­gra­phisch relevante Unter­schie­de in syntak­ti­scher Hinsicht überhaupt existie­ren. Diese Ansicht kann heute als unbegrün­det zurück­ge­wie­sen werden, wie man etwa anhand der Dialekte, die im Bundes­land Hessen gespro­chen werden, zeigen kann. 

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Sprachspürli: Wie (un)bewusst sind Dialektstereotype?

Sprache ist das Holodeck, mit dem wir die Welt konzep­tio­na­li­sie­ren und entspre­chend begreifen. Sie ist omniprä­sent. Entspre­chend überrascht es nicht, dass jede:r Sprecher:in auch reflek­tie­ren­de Konzepte und Vorstel­lun­gen von Sprache und dem jewei­li­gen Sprach(en)kosmos, in dem er/sie sich bewegt, hat. Gespeist werden diese Vorstel­lun­gen von Metadis­kur­sen über Sprache (z.B. in schuli­schen oder kultu­rel­len Kontexten) und durch die unmit­tel­ba­re Sprach­pro­duk­ti­on und ‑perzep­ti­on.

Solche Diskurse über Sprache sind in vielerlei Hinsicht lingu­is­tisch inter­es­sant und relevant. Ein Aspekt, den ich hier heraus­grei­fen möchte, ist ihr Einfluss als externer Faktor auf Sprach­wan­del­pro­zes­se. Diskurse können Sprach­wan­del z.B. im Rahmen von präskrip­tiv formu­lier­ten Standar­di­sie­run­gen, Stigma­ti­sie­run­gen oder auch Aufwer­tung bestimm­ter (vermeint­lich) identi­fi­zier­ter Struk­tu­ren beein­flus­sen. Entspre­chend ist die Beschäf­ti­gung mit laien- bzw. perzep­ti­ons­lin­gu­is­ti­schen Aspekten nicht nur für die Psycho- und Kongi­ti­ons­lin­gu­is­tik, sondern auch für die histo­ri­sche Lingu­is­tik von Interesse.

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800 Jahre Dialekt in Marburg

Wie man in Marburg vor 800 Jahren gespro­chen hat, kann man nur vermuten. Uns liegen keine Quellen vor, die uns einen direkten Einblick in die gespro­che­ne Sprache vermit­tel­ten. Doch nach allem, was wir heute über die Entwick­lung des Deutschen wissen, dürften die heutigen Dialekte dem damaligen Sprach­stand einiger­ma­ßen nahe kommen, wenn sie auch kein konse­quen­tes Abbild liefern. Es könnte also gut sein, dass ein Satz des Typs merr sey mäure enn hu Doscht (wir sind müde und haben Durst), wie er aus Wehrda überlie­fert ist oder ois Berj sei net sihr huk, au sei viel hiher (unsere Berge sind nicht sehr hoch, eure sind viel höher) aus Altenvers schon zur Zeit der Stadt­grün­dung verstan­den worden wäre. Ob die Menschen damals aller­dings auch genau so gespro­chen haben, lässt sich schwer sagen. 

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Wenkerbögen neu kartiert

Die handge­zeich­ne­ten Karten des „Sprach­at­las des Deutschen Reichs“ (Wenker­kar­ten) sind ein eindrucks­vol­les Resultat einer enormen Daten­er­he­bung und eines detail­lier­ten manuellen Kartie­rungs­ver­fah­rens. Ich will hier einen Versuch einer zeitge­mä­ßen Visua­li­sie­rung vorstel­len, die genauso detail­ge­treu und zugleich intuitiv leichter verständ­lich ist als Wenkers Origi­nal­kar­ten. Das zentrale Problem besteht dabei darin, alle einzelnen Formen eines Erhebungs­phä­no­mens zu reprä­sen­tie­ren, ohne die Karte unüber­sicht­lich werden zu lassen. Vor allem bei der Kartie­rung der Vielfalt an vokali­schen Varianten ist das eine große Herausforderung.

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Regionalsprachliche Korpora des Deutschen — Repositorien des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas

Um Forschungs­da­ten einer­seits für die wissen­schaft­li­che Community sowie die inter­es­sier­te Öffent­lich­keit verfügbar zu machen und sie anderer­seits in eine Langzeit­ar­chi­vie­rung zu überfüh­ren, wurde in den letzten Jahren das Manage­ment dieser Ressour­cen und damit auch der Umgang mit Daten im wissen­schaft­li­chen Alltag stärker fokus­siert. Darunter fällt auch der Aufbau von Reposi­to­ri­en, der als wichtige Aufgabe von empirisch arbei­ten­den Forschungs­ein­rich­tun­gen gelten kann.

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Echtzeit-MRT in der Phonetik: Einblicke in Details der Artikulation

Im Bereich der artiku­la­to­ri­schen Phonetik ermög­li­chen bildge­ben­de Verfahren einen erheb­li­chen Erkennt­nis­ge­winn hinsicht­lich der Bewegungs­ab­läu­fe während der Sprach­pro­duk­ti­on. Zwei Methoden erlauben eine relativ gute zeitliche und räumliche Auflösung. Seit den 60er-Jahren steht hier das Ultra­schall­ver­fah­ren (Wein 1990, Wilson 2014) zur Verfügung. Es beruht auf der Reflexion von unhör­ba­rem Schall über 20 000 Hz an Gewebe­grenz­flä­chen (z. B. von Zungen­ober­flä­che und Umgebungs­luft) und erlaubt insbe­son­de­re die Visua­li­sie­rung der Zungenbewegung.

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Wenn Thomas “größer wie” sein Bruder ist. Regionale Variation im Satzbau

Dass das Deutsche regio­nal­sprach­li­che Variation aufweist, wissen viele: Was dem Berliner die Schrippen sind, heißt in Bayern Semmel und in Schwaben Weck. Auch Unter­schie­de im lautli­chen Bereich sind Ihnen wahrschein­lich mehr oder weniger bekannt. Heißt es beispiels­wei­se in Bayern I hob, so findet man in Norddeutsch­land Ik heff, Ik hewwe und dazwi­schen, im Mittel­hes­si­schen, Aich hon, Ech hu und Äich ho. Doch wie steht es um den Satzbau? Tradi­tio­nell wurde er bei der Frage nach dialek­ta­len Unter­schie­den eher stief­müt­ter­lich behandelt. Aber gibt es hier vergleich­ba­re regionale Unter­schie­de? Diese Frage wird gerade am Forschungs­zen­trum Deutscher Sprach­at­las erforscht. 

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Phonemzusammenfall von altdeutschen und frühneuhochdeutschen Diphthongen in hessischen Dialekten?

Eine der wichtigs­ten Lautent­wick­lun­gen in der Sprach­ge­schich­te des Deutschen ist der Zusam­men­fall der Altdi­phthon­ge mhd. ei-öu-ou mit denen aus î‑iu‑û neu entstan­de­nen Diphthon­gen ai-oi-au (= frühneu­hoch­deut­sche Diphthon­gie­rung). Nach bishe­ri­ger Auffas­sung erfolgte dieser Zusam­men­fall jedoch nur in der Schrift, der Standard­spra­che und den meisten Regio­lek­ten – in älteren Sprach­stu­fen und fast allen Dialekten werden die „alten“ und „neuen“ Diphthon­ge bis heute unter­schie­den. Wie es in der neuhoch­deut­schen Schrift­spra­che und der Standard­spra­che zum Zusam­men­fall gekommen sein soll, ist gewis­ser­ma­ßen ein Rätsel. Das soll an zwei entge­gen­ge­setz­ten Meinungen zu den Ursprün­gen des frühneu­hoch­deut­schen Phonem­zu­sam­men­falls verdeut­licht werden. 

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Das Hessen-Nassauische Wörterbuch

Das Hessen-Nassauische Wörter­buch gehört zu den großland­schaft­li­chen Dialekt­wör­ter­bü­chern, die im vorigen Jahrhun­dert einge­rich­tet wurden, um den mundart­li­chen Wortschatz einer Region zu sammeln und in Form eines Wörter­buchs zu beschrei­ben. Durch die zuneh­men­de Indus­tria­li­sie­rung zeichnete sich ein tiefgrei­fen­der Wandel in der Gesell­schaft ab. So starben alte Handwerks­be­ru­fe wie die Hauswe­be­rei durch den Einsatz von Maschinen ganz aus und damit verbunden auch der Fachwort­schatz dieser Handwer­ker. Seit 1914 verschick­te die Kanzlei des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs in Marburg Frage­bo­gen, um gezielt Wortma­te­ri­al für das Wörter­buch zu erheben. 

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„Wie heißt du und wie nennst du dich?“ – Hausnamen in Mittelhessen

Katasterkarte von Großseelheim, um 1755 (aus Block et al. 2016)

Was sind Hausnamen?

In vielen Regionen Deutsch­lands gibt es auf dem Dorf ganz besondere Namen: die Hausnamen (auch Dorfnamen oder Hofnamen genannt). Will man über einen Bekannten aus dem Dorf sprechen, so bezeich­net man ihn nicht mit dem Famili­en­na­men (Müller, Wolf, Schultz), sondern mit dem sogenann­ten Hausnamen (Zellersch, Wisskeb­jes, Buchben­nersch). So könnte jemand, der Heinrich Dörr heißt, im Dorf Verwäl­täsch Hein genannt werden. Man unter­schei­det also, wie man heißt (Vorname), wie man sich nennt (Hausname) und wie man sich schreibt (Famili­en­na­me). Kennt man den Hausnamen, weiß man zugleich, wo jemand wohnt und zu welcher Familie die Person gehört. Während die offizi­el­len Famili­en­na­men im Perso­nal­aus­weis stehen, sind die Hausnamen inoffi­zi­ell und werden nur in der mündli­chen Kommu­ni­ka­ti­on in der Dorfge­mein­schaft verwendet.

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