Sprachgebrauch im Landtagswahlkampf in Hessen – Wie Politiker*innen in Krisenzeiten um Zustimmung werben

Wahlkämp­fe können als Phasen verdich­te­ter politi­scher Kommu­ni­ka­ti­on aufge­fasst werden, denn in ihnen spitzen sich die Positi­ons­kämp­fe der Parteien auf einen ganz bestimm­ten, relativ kurzen Zeitraum zu, in ihnen werden Themen und Personen fokus­siert. Eine zentrale Funktion der Wahlkampf­kom­mu­ni­ka­ti­on und der politi­schen Kommu­ni­ka­ti­on insgesamt ist Persua­si­on, also der Versuch, Meinungen und Einstel­lun­gen der Adressat*innen zu beein­flus­sen, um letztlich möglichst viele Wähler*innenstimmen für die eigene Partei zu bekommen. Dabei konzen­trie­ren sich die Akteur*innen auf prägnante, kurze Slogans oder Schlag­wör­ter, um von der je eigenen Position zu überzeu­gen und um die eigene Anhän­ger­schaft zu mobili­sie­ren, wozu spezi­fi­sche sprach­li­che Strate­gien bemüht werden. Die sprach­li­chen Strate­gien kommen in verschie­de­nen Wahlkampf­text­sor­ten und ‑redegat­tun­gen zur Geltung. Das Wahlpro­gramm spielt dabei eine zentrale Rolle, denn auf diesen Text lassen sich alle anderen Wahlkampf­text­sor­ten und ‑redegat­tun­gen zurück­füh­ren. Wahlpro­gram­me gelten mitunter aber als klassi­sche Bleiwüs­ten. Sie sind nicht nur lang, sondern auch – gespickt mit Fremd- und Fachwör­tern beispiels­wei­se – sprach­lich komplex. Deshalb gibt es Plakate, Flyer, Kurzpro­gram­me und solche in Leichter Sprache, um die breite Wähler­schaft und bestimmte Rezipi­en­tin­nen und Rezipi­en­ten zu erreichen.

Wahlkampfsprache von CDU und SPD

Die beiden Parteien SPD und CDU eint vor allem der Fokus auf das Thema Bildung. Ein Blick in beide Wahlpro­gram­me zeigt, dass das Lexem Schulen bei beiden Parteien zu den zehn häufigs­ten Substan­ti­ven gehört. Bildung kommt im Wahlpro­gramm der CDU 41-mal vor und im SPD-Wahlprogramm 47-mal. Bildung ist somit das am häufigs­ten genannte Wahlkampf­the­ma (in Relation zu den Themen Sicher­heit, Mobilität, Gesund­heit, Wohnen) beider Parteien. Neben den Themen sind vor allem die multi­mo­da­len kommu­ni­ka­ti­ven Strate­gien hervor­zu­he­ben, die die Wahlkampf­rhe­to­rik prägen. Diese fokus­sie­ren sich u. a. auf die Image­pfle­ge des Spitzenkandidaten/der Spitzen­kan­di­da­tin. So präsen­tiert sich im Wahlkampfspot der CDU Boris Rhein als großmü­ti­ger und anerken­nen­der Landes­va­ter, indem er aus dem Off ins Bild gesetzte „normale“ Menschen und Orte als wichtig und zukunfts­ent­schei­dend benennt. Konse­quenz und Führungs­stär­ke signa­li­siert er mit der Absicht, die Ausbil­dung von Handwerks­meis­tern sowie den Erwerb von Eigenheim kostenlos und steuer­frei zu gestalten. Während die Integra­ti­on eher von selbst auf den Sport­plät­zen geschehen soll, gilt seine aktive Solida­ri­tät den weißen und älteren Menschen des Mittel­stan­des. Der CDU-Slogan Hessen weiter­füh­ren spielt in diesem Zusam­men­hang rheto­risch mit einer Doppel­deu­tig­keit: Während Rhein als Landes­va­ter Hessen weiter führen will (Konti­nui­tät), soll die Entwick­lung des Landes weiter­ge­führt werden (Progres­si­vi­tät). Spitzen­kan­di­da­tin Faeser streicht im SPD-Wahlwerbespot demge­gen­über vor allem ihre hessi­schen Wurzeln heraus. Sie gewährt Einblicke in ihre Kindheit, in ihren beruf­li­chen Werdegang und in ihre anhal­ten­de Verbun­den­heit mit Hessen durch ihre Familie. (Eine ähnliche Strategie findet sich auf der Website des grünen Politi­kers Tarek Al-Wazir, der grünen Politi­ke­rin Angela Dorn und des FDP-Politikers Stefan Naas, s. u.) Ihre gegen­wär­ti­ge Funktion als oberste und strenge Dienst­her­rin der bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Exekutive bleibt unerwähnt. Statt­des­sen lässt sie die Zuschau­en­den durch innere Monologe in idylli­scher Park- und Natur­land­schaft an ihren empathi­schen Wünschen für die Hess*innen teilhaben. In ihrer direkten Ansprache an die Bürger*innen in der Schluss­se­quenz zeigt sie sich jedoch ebenfalls entschlos­sen und visionär, indem sie ihre feste Absicht bekundet, Hessen mit neuen Fachkräf­ten wieder (!) an die Spitze zu bringen. Diese geäußerte Comeback-Strategie verbleibt jedoch ohne konkreten Bezug. Während die persön­li­chen Social-Media-Kanäle von Boris Rhein den CDU-Kandidaten eher unein­heit­li­cher und im persön­li­chen Austausch auf Veran­stal­tun­gen und mit Politiker-Kolleg*innen zeigen, rahmen ihn die CDU-Auftritte mit zugespitz­ten Botschaf­ten im einheit­li­chen grau-blau-weißen Design. Immer wieder taucht der Haupt­slo­gan „Hessen weiter­füh­ren“ wie ein Stempel sowie als Hashtag #hessen­wei­ter­fueh­ren auf, häufig gepaart mit #starkes­hes­sen. Auch hier tritt die oben bereits beschrie­be­ne Doppel­deu­tig­keit von Konti­nui­tät und Progres­si­vi­tät deutlich zu Tage. Wie diese Absichten konkreter umgesetzt werden sollen, deuten die etwas überspitz­ten Botschaf­ten wie „Kurs oder Chaos“, „Freiheit oder Verbote“, „Stabi­li­tät oder Streit“, „Chancen­schu­le vs. Einheits­schu­le“ an, die slogan­haft sowie polari­sie­rend der Strategie ‚Aufwer­tung durch Abgren­zung‘ folgen.  Klarer politi­scher Gegner ist weniger die SPD-Spitzenkandidatin, sondern die Ampel­re­gie­rung im Bund, was sich im Hashtag #ampelfrei nieder­schlägt und auch im Wahlpla­kat (Abb.1) deutlich wird. 

Abb.1 Wahlpla­kat CDU ‚Auto verbieten‘

Damit insze­niert sich die Hessen-CDU und Boris Rhein zur ordnenden und stabi­li­sie­ren­den Regie­rungs­in­stanz im Gegensatz zu einer ebenfalls möglichen Ampel in Hessen. Innova­ti­on und Aufbruch sind die zentralen Botschaf­ten des digitalen Wahlkampfs der Hessen-SPD, was durch folgende Formu­lie­run­gen flankiert wird: „Hessen wieder gestalten“; „wieder Ehrgeiz und frische Ideen“; „Gestal­tungs­wil­le“; „Hessen stark für die Zukunft machen“; „mit Nancy Faeser eine Minis­ter­prä­si­den­tin bekommen, die gestalten will und Zukunfts­fra­gen anpackt“; „Nancy Faeser will das Land gestalten und Richtung Zukunft führen. Zeit für den Wechsel in Hessen!“. Gleich­zei­tig ergibt sich dadurch eine Abgren­zung zur CDU Hessens, der Still­stand und Rückwärts­ge­wandt­heit unter­stellt wird, wie die folgenden Formu­lie­run­gen verdeut­li­chen: „25 Jahre CDU-Verwaltung“; „nur noch Mittelmaß“; „Rückstän­de der letzten 25 Jahre beheben“; „mehr als 24 Jahre CDU-geführte Landes­re­gie­rung hinter­lässt ihre Spuren in Hessen“; „handeln, statt tatenlos zuzuschau­en, wie es die CDU-geführte Landes­re­gie­rung aktuell macht“.  Die SPD insze­niert sich dabei nicht nur als Partei, die anpackt (‚Anpacker‘-Framing), sondern auch als eine, die sich kümmert (‚Kümmerer‘-Framing). Außer in Formu­lie­run­gen wie „Mieter besser schützen“ äußert sich dies in der wieder­holt auftre­ten­den Formu­lie­rung „[die SPD/Nancy Faeser] steht fest an der Seite von [Industrie, Handwerk etc.]“, die zudem multi­mo­dal durch die visuelle Darstel­lung eines Schul­ter­schlus­ses Faesers mit unter­schied­li­chen Fachkräf­ten unter­mau­ert wird:

Abb.2: Wahlwer­bung SPD ‚Fachkräf­te‘

Wahlkampfsprache von FDP und den Grünen

Das Wahlpro­gramm der FDP umfasst 120 Seiten und ist in knalligen Farben gestaltet. Das der Grünen ist mit 80 Seiten kürzer und vom Textde­sign her wesent­lich nüchter­ner. In beiden Program­men werden mit unter­schied­li­cher Gewich­tung erwart­ba­re Themen behandelt: Von Bildung über Wirtschaft und Finanzen bis hin zu Umwelt und Klima­schutz. Bei der FDP liegt quer zu allem das Thema Digita­li­sie­rung, bei den Grünen das Thema Klima. Das meist­ver­wen­de­te Schlag­wort in beiden Program­men ist das Perso­nal­pro­no­men wir. Bei der FDP kommt es 911-mal vor und bei den Grünen 1421-mal. Auffällig ist, dass es in sehr unter­schied­li­chen Bedeu­tun­gen vorliegt: Wird bei der FDP mit wir in den meisten Fällen die Eigen­grup­pe, also die Partei, angespro­chen (in häufig vorkom­men­den Sätzen wie Wir wollen/fordern X), beziehen die Grünen größere Gruppen ein, etwa die in Hessen lebenden Bürger*innen. Man unter­schei­det dabei zwischen einem exklu­si­ven (FDP) und einem inklu­si­ven (Grüne) wir. Ein Beispiel für Letzteres ist der freund­li­che Imperativ (Handlungs­auf­for­de­rung) bei den Grünen: Gehen wir gemeinsam den nächsten Schritt. Davon einmal abgesehen werden in beiden Wahlpro­gram­men viele Vorhaben im Modus der Ankün­di­gung formu­liert („Wahlver­spre­chen“), ohne diese sprach­lich mit dem Verb verspre­chen zu benennen, was sprach­stra­te­gisch auch nicht klug wäre, weil man darauf im Nachhin­ein von der Wähler­schaft festge­legt werden könnte. Insbe­son­de­re am Vokabular der FDP fällt auf, dass herge­brach­te partei­ty­pi­sche Wörter wie Eigen­ver­ant­wor­tung, Leistung, Markt­wirt­schaft oder Wachstum nur selten auftau­chen. Lediglich das Hochwert­wort Freiheit ist mehr als 20-mal belegt. In Krisen­zei­ten erfolgt im öffentlich-politischen Sprach­ge­brauch und damit auch in der Wahlkampf­kom­mu­ni­ka­ti­on die Legiti­ma­ti­on politi­schen Handelns aus bestimm­ten, mitein­an­der vernetz­ten Typen von Gründen (Römer 2017): Daten­to­pos (als das Beschrei­ben einer Ausgangs­si­tua­ti­on), Ursachen-Topos (als das Anführen von Ursachen; häufig auch im Sinne einer Schuld­zu­schrei­bung), Topos aus den Maximen (Werte, mit denen argumen­tiert wird) und Final­to­pos (Handlungs­zie­le, mit denen argumen­tiert wird). Sucht man in den Program­men nach dem Wort Krise, findet man bei der FDP vier Themen, innerhalb derer mit Krise argumen­tiert wird: Steuern und Finanzen, Migration, Europa sowie Digita­li­sie­rung. Die Grünen sehen eine Krise konkret im Bereich Kultur und daneben die Klima­kri­se, die mindes­tens implizit alle im Programm aufge­führ­ten Themen berührt. Im Wahlpro­gramm der FDP sieht eine solche Krisen-Argumentation wie folgt aus: Zunächst wird eine Ausgangs­si­tua­ti­on beschrie­ben (Daten­to­pos): Städte und Gemeinden würden unter finan­zi­el­len Einbußen leiden. Diese Ausgangs­si­tua­ti­on wird erklärt aus bestimm­ten Ursachen (Ursachen-Topos), und da kommen dann die Krisen ins Spiel: Zum einen ist die Rede vom „Krieg in der Ukraine“ und einer dadurch ausge­lös­ten „Krisen­stim­mung“, zum anderen von der „Corona-Pandemie“. Vor dem Hinter­grund des Leitbil­des möglichst autonomer Kommunen (Topos aus den Maximen) und des Ziels, „kommunale Selbst­ver­wal­tung [zu] erhalten und [zu] stärken“ sowie „finan­zi­el­le Souve­rä­ni­tät der Städte und Gemeinden [zu] erweitern“ (Final­to­pos), wird beispiels­wei­se gefolgert, dass es besser sei, die sogenann­te Gewer­be­steu­er­um­la­ge abzuschaf­fen. Bei den Grünen liegt der Fokus auf der Betonung einer „Klima­kri­se“. Diese wirke sich negativ auf verschie­de­ne gesell­schaft­li­che Bereiche aus, weshalb bestimmte politi­sche Handlun­gen notwendig seien, um Schlim­me­res zu verhin­dern. Im Sinne der inklu­die­ren­den Sprach­ver­wen­dung bei den Grünen könne die Krise am besten gemeinsam bewältigt werden. Auch der Inter­net­auf­tritt beider Parteien verrät ein Bewusst­sein um Krisen, die zur Legiti­ma­ti­on politi­scher Handlun­gen genutzt werden. Die FDP versprach­licht Krisen dabei wesent­lich häufiger und expli­zi­ter als die Grünen. Im Gegensatz zu den Wahlpro­gram­men sind Webseite und Instagram-Kanal multi­mo­dal konstru­iert, also durch audio­vi­su­el­le Zeichen wie bewegtes und stehendes Bild, gespro­che­ne Sprache sowie Musik erweitert. Die Parteien nutzen unter­schied­li­che Perso­na­li­sie­rungs­stra­te­gien, um den Wahlkampf persön­li­cher zu gestalten. Dazu gehört auf den Webseiten zum Beispiel das Erzählen der Lebens­ge­schich­te der Spitzenkandidat*innen Stefan Naas, Tarek Al-Wazir und Angela Dorn. Indem diese nicht nur ihren politi­schen Werdegang beschrei­ben, sondern aus der Ich-Perspektive auch von ihrem persön­li­chen Lebens­lauf, ihrer Motiva­ti­on und Verbun­den­heit mit dem Land Hessen berichten, stärken sie das Nähever­hält­nis zu den Rezipient*innen. Die poten­zi­el­len Wähler*innen werden dabei meist direkt angespro­chen, wodurch ein stärkerer Bezug herge­stellt werden soll (vgl. Abb. 3). Auch der Unter­hal­tungs­aspekt spielt dabei eine Rolle (insbe­son­de­re auf Instagram). Die FDP setzt vor allem visuell auf eine ‚schril­le­re‘ Ansprache in FDP-Gelb und Pink sowie auf eine für Opposi­ti­ons­par­tei­en typisch provo­kan­te­re Wahlkampf­spra­che, wenn sie zum Beispiel andere Parteien direkt angreift und deren vermeint­li­che Verfeh­lun­gen aufzählt. Zudem betont sie wie schon im Wahlpro­gramm verstärkt das Indivi­du­um und betreibt Politik ‚für dich‘ (ergo ihre Stamm­wäh­ler­schaft). Dahin­ge­gen gestalten die Grünen ihren Webauf­tritt nahezu nüchtern in gedeckten Grüntönen und setzen auf „Politik für alle“, betonen also stärker die Gemein­schaft. Auch der Instagram-Kanal der Grünen ist, einer Regie­rungs­par­tei entspre­chend, sprach­lich verhal­te­ner. So wird weniger kriti­siert, sondern verstärkt auf bereits erreichte Erfolge verwiesen (vgl. Abb. 4). Insgesamt lässt sich feststel­len, dass der Krisen­be­zug bei der FDP multi­mo­dal wesent­lich präsenter ist, typisch für die Wahlkampf­spra­che einer Opposi­ti­ons­par­tei. Sie zieht aus den konstru­ier­ten Krisen die Konse­quenz, dass nur die Wahl der FDP aus der komplett defizi­tä­ren aktuellen Lage retten kann. Auch die Grünen zeigen Krisen auf, obgleich weit weniger explizit, ebenfalls typisch für eine amtie­ren­de Partei. Sie betonen Krisen im Zusam­men­hang mit bereits geleis­te­ten Erfolgen und weisen gleich­zei­tig darauf hin, dass noch Potenzial besteht – sozusagen als Legiti­ma­ti­on für die Wiederwahl.

Abb. 3: FDP Instagram
Abb. 4: Die Grünen Instagram

Bei der Plakat­kom­mu­ni­ka­ti­on erregt die FDP durch auffäl­li­ge Slogans Aufmerk­sam­keit und nimmt dabei zugleich Bezug auf die Bundes­po­li­tik oder auf gesell­schaft­lich brisante Themen („Make Inflation Small Again“, „Verbieten wir uns nicht die Wirtschaft kaputt“, „Vom Gendern kommen auch nicht mehr Lehre­rin­nen“), um sich als die Partei auszu­wei­sen, die die großen Probleme mit ihrem Programm lösen kann. Der Slogan „Make Inflation Small Again“ ist zugleich eine Anlehnung an den in US-amerikanischen Präsi­dent­schafts­wahl­kämp­fen gebrauch­ten und im kollek­ti­ven Bewusst­sein veran­ker­ten Slogan „Make America Great Again“. Die Grünen dagegen insze­nie­ren sich mit ihren Plakaten als boden­stän­dig. Im Gegensatz zu früheren Plakat­kam­pa­gnen im Wahlkampf werden im aktuellen Wahlkampf Inter­ak­ti­ons­si­tua­tio­nen mit Bürger*innen fokus­siert. In der Stilistik nähern sich die Grünen somit den Plakaten von CDU und SPD an. Der Slogan in Schreib­schrift lässt Dynamik assoziieren.

Abb. 5: Wahlpla­kat FDP ‚Inflation‘
Abb. 6 Wahlpla­kat Die Grünen ‚verändern‘

Wahlkampfsprache von AfD und Die Linke

Beide Parteien weisen sich im Landtags­wahl­kampf in Hessen 2023 als klare Opposi­ti­ons­par­tei­en aus, was in der Forschung als Lager­wahl­kampf beschrie­ben wird und sich sprach­lich v. a. durch verschie­de­ne Formen von Polari­sie­rungs­stra­te­gien zeigt. Polari­sie­rungs­hand­lun­gen findet man in allen Themen­be­rei­chen der beiden Parteien, wobei sich die Art und Weise der Polari­sie­rung bei beiden deutlich unter­schei­det. Das beginnt u. a. schon bei der Frage danach, was die beiden Parteien jeweils als Krise ausweisen oder als krisen­haft bestimmten.

Tab. 1: Krisen in den Wahlpro­gram­men von AfD (58 Seiten Umfang) und Die Linke (116 Seiten Umfang)

Die Partei Die Linke identi­fi­ziert neun Krisen, die aktuell bestehen oder in der jüngeren Vergan­gen­heit bestanden. Im weniger krisen­di­ver­sen Wahlpro­gramm der AfD wird lediglich auf fünf verschie­de­ne Krisen sprach­lich Bezug genommen. 

Der Themen­be­reich Geschlecht und Gender bietet den beiden Parteien Raum zur Polari­sie­rung, indem sich AfD und Die Linke diesem öffent­lich kontro­vers disku­tier­ten Thema sowohl inhalt­lich als auch auf der sprach­li­chen Oberflä­che nähern. Auf inhalt­li­cher Ebene positio­nie­ren sich beide Parteien bspw. zum Thema Geschlech­ter­ge­rech­te Sprache, indem sie diese begrüßen („Geschlechts­neu­tra­le Sprache fördern“, WP Die Linke: 103) oder katego­risch ablehnen („Die AfD Hessen fordert die sofortige Abschaf­fung der sogenann­ten geschlech­ter­ge­rech­ten Sprache in Wort und Schrift.“, WP AfD: 21), auf Vertreter*innen geschlech­ter­sen­si­blen Sprach­ge­brauchs nimmt die AfD mit dem Vorwurf der Gender­ideo­lo­gie Bezug (WP AfD: 20), wodurch in den Texten v. a. die Grünen als Feindbild konstru­iert werden. Deutlich wird die Konstruk­ti­on des grünen Feind­bilds auch in anderen Themen­fel­dern in der Plakat­kom­mu­ni­ka­ti­on, die mit Slogans wie „Auto fahren, wie wir es wollen“, „Grüne stoppen! Wir setzen Grenzen“ (Abb. 8) und „Bildung schützt vor grüner Ideologie“ operiert und Bezug auf die Bundes­po­li­tik nimmt. Argumen­tiert wird bei beiden Parteien mit dem gesell­schaft­li­chen Nutzen geschlech­ter­ge­rech­ter Sprache, der aller­dings aufgrund der je unter­schied­li­chen Partei­po­si­ti­on zu unter­schied­li­chen Positio­nen in puncto Gendern bei AfD und Die Linke führt. Diese Positio­nen und die damit verbun­de­ne Polari­sie­rung lassen sich nicht nur in der Argumen­ta­ti­on, sondern konkret an der sprach­li­chen Oberflä­che beider Wahlpro­gram­me ablesen: Die AfD nutzt ausschließ­lich das Masku­li­num, um damit auf Personen aller geschlecht­li­cher Identi­tä­ten zu verweisen. Die Linke dagegen nutzt das Gender­stern­chen, Beidnen­nun­gen, Verlaufs­for­men und neutrale Formen, um auf Personen zu verweisen. Wird die geschlecht­li­che Identität von Personen fokus­siert, bspw. im Kontext von Benach­tei­li­gung am Arbeits­platz, referiert die AfD in den Texten lediglich auf Männer und Frauen. Die Linke spricht dagegen von Männern, Frauen sowie Frauen*, FLINTA* und queeren Personen, ohne diese Konzepte aller­dings einzu­füh­ren oder zu erklären. Als ein zu allen Themen­be­rei­chen querlie­gen­des Thema artiku­lie­ren Die Linken das Thema Klima (so auch bei den Grünen). Wenngleich die Brisanz des Klimathe­mas in aller Deutlich­keit vermit­telt wird, werden doch Ausdrucks­wei­sen wie Klima­kri­se oder Klima­ka­ta­stro­phe als Stigma­wör­ter nur sehr selten verwendet. Statt­des­sen werden Ausdrucks­for­men wie klima­ge­recht, klima­scho­nend, klimafest, klima­freund­lich etc. im Kontext von als notwendig erach­te­ten Klima­schutz­maß­nah­men und im Kontext der Thema­ti­sie­rung von sozialer Gerech­tig­keit gebraucht. Die Linke insze­niert sich dadurch als sozial gerechte Klima­par­tei („Hessen sozialer, ökolo­gi­scher und gerechter machen“, WP: 5), was auch im Zusam­men­spiel von Text und Bild auf den Plakaten zur Geltung kommt (z. B. Abb. 7 „Freie Fahrt fürs Klima in Stadt & Land“ oder „ Energie darf nicht die Welt kosten“).

Abb. 7 Wahlpla­kat Die Linke ‚Klima‘
Abb. 8 Wahlpla­kat AfD ‚Grüne stoppen!‘

Die AfD zeigt im Hinblick auf den Themen­be­reich Klima und Klima­schutz Konti­nui­tät zu früheren Wahlkämp­fen und Äußerun­gen. Der Ausdruck Klima­schutz wird grund­sätz­lich nur in distan­zie­ren­der Schrei­bung mit Anfüh­rungs­zei­chen in Kombi­na­ti­on mit dem Adjektiv sogenannt verwendet, Klima­schutz wird explizit abgelehnt (WP: 44). Grund dafür ist die Auffas­sung der AfD, dass es einen menschen­ge­mach­ten Klima­wan­del nicht gibt, statt­des­sen spricht die AfD von Klima­ent­wick­lung und Klima­re­si­li­enz. Den anderen Parteien wird implizit Alarmis­mus beim Klima­wan­del unter­stellt, gegen den sie sich explizit ausspre­chen (WP: 44). In diesem Zusam­men­hang wird die Tatsache, dass die Erder­wär­mung durch CO2 verur­sacht wird, in Zweifel gezogen, indem behauptet wird, dass diese These „von vielen Klima­wis­sen­schaft­lern bestrit­ten“ wird (WP: 44), ohne dabei aber auf entspre­chen­de Studien zu verweisen. Während die AfD als Haupt­geg­ner in ihren Wahlkampf­tex­ten und ‑reden die Grünen ausmachen (vgl. TV-Werbespot und s. o.), verbindet Die Linke mit der sprach­li­chen Krisen­mar­kie­rung eine grund­sätz­li­che Kapita­lis­mus­kri­tik, wobei innerhalb des Topos der Ursache (der Krisen) der Kapita­lis­mus als Schul­di­ger bestimmt wird. „Grenzen­lo­ses Profit­stre­ben, Kriege und Klima­ka­ta­stro­phen: Der Kapita­lis­mus bleibt die zentrale Ursache für viele Probleme auf unserem Planeten. Als dessen Folge jagt eine Krise die nächste.“ (WP Die Linke, S. 5) Visuell unter­stützt wird diese Argumen­ta­ti­on auf Plakaten, Flyern und auf der Webseite durch den rot gefärbten Robin-Hood-Hut, der zugleich die Konti­nui­tät der Argumen­ta­ti­on in den Wahlkämp­fen der Linken unter­streicht. Eine weitere, für rechts­po­pu­lis­ti­sche Parteien typische Strategie ist das Spiel mit der kalku­lier­ten Ambiva­lenz. Dabei werden bewusst Wider­sprü­che gesetzt, aber nicht aufgelöst. Zum einen kann die AfD durch diese Strategie Kritik an ihrem Profil zurück­wei­sen, zum anderen können damit ganz unter­schied­li­che Adressat*innengruppen angespro­chen werden. So sieht sich die AfD beispiels­wei­se in der Kultur der Aufklä­rung und betont in diesem Zusam­men­hang die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau sowie die freie Religi­ons­aus­übung (WP: 21), während sie an anderer Stelle im Programm dem Islam das Recht auf freie Religi­ons­aus­übung aber abspricht (WP: 26), was mit einer Normen­kol­li­si­on begründet wird. „Wie jedes andere Grund­recht kann auch die Religions- und Weltan­schau­ungs­frei­heit mit anderen Grund­rech­ten kolli­die­ren. Im Fall des Islam halten wir diese sogenann­te ‚Normen­kol­li­si­on‘ in vielen Aspekten für gegeben. Die AfD Hessen sagt Nein zu Verschleie­rung, Kopftuch, Scharia, Minarett und Muezzin­ruf.“ (WP: 26) Diese hier erwähnten Strate­gien der beiden Parteien finden sich auch bei der Plakat­ge­stal­tung. Die AfD arbeitet darüber hinaus bei den Plakaten mit der Assozia­ti­ons­kraft und dem Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum von Aussagen („Wir setzen Grenzen“, Abb. 9),  mit vagen Drohungen („Wir vergessen nicht“) oder mit der Selbst­po­si­tio­nie­rung als Opfer („Weil wir für Euch sind, sind sie gegen uns!“) während sich Die Linke mit der Propa­gie­rung einer Millio­närs­steu­er („Wir haben etwas gegen Armut“) in ihrer Kapita­lis­mus­kri­tik treu bleibt.

„Wir beschaffen, was fehlt“!? – Zur Konstruktion von Mangel in den Wahlprogrammen

Mangel ist „das Fehlen oder Nicht-Vorhandensein einer (dringend) benötig­ten Sache oder Person“ (https://www.dwds.de/wb/Mangel#1). Dass das eng mit Krisen zusam­men­hängt, zeigen Begriffe wie Energie­man­gel, Wasser­man­gel oder Fachkräf­te­man­gel, die vielleicht nicht zwangs­läu­fig für alle konkret erfahrbar sind, aber – wie die Krise selbst – immer auch diskursiv herge­stellt werden. Dies zeigt sich auch im Landtags­wahl­kampf in Hessen bei den im hessi­schen Landtag vertre­te­nen und zur Wieder­wahl angetre­te­nen Parteien in den Wahlpro­gram­men (z. B. Fachkräf­te­man­gel, Wohnungs­man­gel, Armut etc.). Welche Strate­gien werden anhand der sprach­li­chen Konstruk­ti­on von Mangel im Wahlkampf von den Parteien verwirk­licht? Mangel wird nicht nur explizit mit dem Ausdruck Mangel artiku­liert, deswegen wurde in den Program­men auch nach Lexemen mit dem Stamm fehl*, defizit*, knapp*, lücke*, ausfall*, einbuße*, gering*, wenig*, kein*, not* und armut* recher­chiert. Im Wahlkampf dominie­ren persua­si­ve Wahlkampf­stra­te­gien, zu ihnen zählen bspw. die Profi­lie­rung, der positive Bezug auf das Erreichte und die daraus abgelei­te­ten zukünf­ti­gen Handlun­gen (Prolon­gie­rung), die Polari­sie­rung und die Entlar­vung (vgl. Efing 2005: 228 f.). Den Parteien geht es vor allem darum, mit Hilfe sprach­li­cher Mittel die Meinungen und Einstel­lun­gen zugunsten der eigenen Partei zu prägen und Vertrauen in das Gesagte und in die politi­schen Akteur*innen zu schaffen (vgl. Girnth 2016; Klein 2009, 2011). Es wird also davon ausge­gan­gen, dass Mangel im Wahlkampf strate­gisch kommu­ni­ziert wird, um entweder im Sinne der Profi­lie­rung oder Prolon­gie­rung eigene Stärken und Lösungen hervor­zu­he­ben oder Verant­wort­lich­kei­ten zur Entlar­vung von Defiziten der aktuellen Politik aufzu­zei­gen. Es kann aber auch dazu dienen, die eigenen Ziele dem Versagen der anderen Parteien polari­sie­rend gegen­über­zu­stel­len. Diese Strate­gien werden jedoch sehr unter­schied­lich reali­siert, wie die Beispiele aus den unter­such­ten Program­men zeigen. Bei der Profi­lie­rung zeigen sich vor allem positiv wertende Begriffe (Fahnen‑, Hochwert­wör­ter) einher­ge­hend mit dem Muster „Wir [Selbst­re­fe­renz] wollen [Modalverb] X schaffen [positive Verbde­on­tik], so dass wir [Selbst­re­fe­renz] den Mangel (durch Y) beheben [negative Verbde­on­tik]“. Positive Verbde­on­tik (sich einsetzen für, etwas fordern) und negative Verbde­on­tik (verhin­dern, abschaf­fen) impli­zie­ren Zustände, die entweder herbei­ge­führt werden oder verschwin­den sollen (vgl. Schröter 2013; Hermanns 1989). Hier geht es um konkrete Lösungs­stra­te­gien, wobei die Verant­wor­tung für den Mangel nicht benannt wird bzw. der Mangel somit implizit als gegeben konsta­tiert wird. Diese Strategie zeigt sich vor allem bei der SPD:

Die SPD möchte die Arbeit und den Wohlstand von morgen sichern. (…) Dem Fachkräftemangel werden wir mit Anreizen entgegenwirken (…). (WP SPD: 6)

Bei der CDU und bei den Grünen sind ebensol­che Profi­lie­rungs­mus­ter zu finden. Hier kommt aber noch die Prolon­gie­rungs­stra­te­gie hinzu, bei der sich der Nachweis von Konti­nui­tät und Zukunfts­si­cher­heit der Regie­rungs­par­tei­en über „weiter“-Konstruktionen sowie durch den Bezug zur Regierung und zu Erreich­tem gefunden werden kann, wie bspw. bei den Grünen:

Dem Fachkräftemangel wollen wir konsequent begegnen. Wir werden alle Aktivitäten der Landesregierung zu diesem Thema in der Staatskanzlei bündeln und gemeinsam mit Gewerkschaften und Unternehmensverbänden diese Maßnahmen weiter ausbauen. (WP Die Grünen: 9)

Bei der Polari­sie­rungs­stra­te­gie werden zwei Strate­gien bei der Thema­ti­sie­rung von Mangel mitein­an­der kombi­niert. Dies manifes­tiert sich anhand der schon gezeigten Profi­lie­rungs­mus­ter gepaart mit der Gegen­über­stel­lung von negativ und positiv wertenden Wörtern, oder auch von wir vs. die anderen.  Es wird auf aktuelle Defizite oder Versäum­nis­se Bezug genommen, aber auch Betrof­fe­ne werden benannt, wie bei der FDP zu sehen ist:

Oft fehlt es vor Ort an Know-how und Personal. Die Landesregierung lässt die Städte und Kommunen hier im Regen stehen. Wir werden dafür sorgen, dass das Landesamt für Gesundheit und Pflege ihnen künftig Hilfestellung leistet (…), die auch wirklich bei den Menschen ankommen. (WP FDP: 73)

Bei der Strategie der Entlar­vung wird die Legiti­ma­ti­on der gegne­ri­schen Parteien infrage gestellt und/oder Missstän­de und Verant­wort­lich­kei­ten aufge­deckt. Dies passiert über vorwie­gend negativ wertende Wörter, Gradpar­ti­keln zur Ausdrucks­ver­stär­kung (bspw. gravie­rend, eklatant), die häufige Nennung von Verant­wort­li­chen, aber auch von Betrof­fe­nen und Folgen. Eine Selbst­re­fe­renz oder Lösungen sind hier nicht zu erwarten, wie das Beispiel der AfD zeigt:

Die hessische Bildungspolitik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte ist durch gravierende Fehlentwicklungen gekennzeichnet: eklatanter Lehrermangel und eine daraus resultierende mangelhafte Unterrichtsversorgung, Lern- und Leistungsrückstände auch aufgrund der politisch verordneten unverhältnismäßigen Corona-Maßnahmen, sowie einer unregulierten Migrationspolitik, (…). Diese Entwicklungen sind die Folge jahrzehntelanger, unterdurchschnittlicher Bildungsinvestitionen des Landes Hessen. (WP AfD: 15) 

Das Thema Mangel wird also durchaus strate­gisch in den Wahlpro­gram­men platziert. Dies zeigt sich bspw. darin, dass der Begriff bei den Regie­rungs­par­tei­en am seltens­ten, in denen der Opposi­ti­on am häufigs­ten vorkommt. Innerhalb der Profilierungs- und Prolon­gie­rungs­stra­te­gie wird Mangel als behebbare Heraus­for­de­rung konsta­tiert – also ganz im Sinne einer Lösungs­ori­en­tie­rung oder sogar Rettungs­ver­hei­ßung – Ursachen des Mangels werden hier nicht beschrie­ben. Beim Polari­sie­ren wird Mangel als ein fremd­ver­schul­de­ter Schaden darge­stellt, für den die Eigen­grup­pe die Lösung präsen­tiert. Damit grenzt man sich klar von „der anderen Seite“ ab. Durch eine zum Teil ausführ­li­che Beschrei­bung der Missstän­de findet zudem eine Emotio­na­li­sie­rung im Allge­mei­nen und eine Morali­sie­rung der eigenen Seite statt. Dies passiert auch in der Strategie der Gegner­ab­wer­tung. An diesen Stellen findet keine Selbst­re­fe­renz statt, weshalb der Mangel ausschließ­lich als fremd­ver­schul­det darge­stellt und z. T. ausführ­lich beschrie­ben wird. Hier werden „die anderen“ als Sünden­bö­cke konsta­tiert und die Gesell­schaft oder das Land als Opfer darge­stellt. Es wird deutlich, dass die Thema­ti­sie­rung von Mangel in Wahlpro­gram­men vor allem in Zeiten von Mehrfach­kri­sen ein probates Mittel zur Persua­si­on und Gruppen­kon­struk­ti­on ist, um bspw. sich selbst als Heilsbringer*in oder die Gesell­schaft als Opfer zu positionieren.

Ungesagtes und Mitgemeintes

Eine spezielle Form persua­si­ver Strategie besteht darin, Meinungen und Einstel­lun­gen mit Hilfe des Ungesag­ten und „nur“ Mitge­mein­ten zu trans­por­tie­ren und zu beein­flus­sen. Die Gründe hierfür können vielfäl­tig sein: Kandidat*innen bzw. Parteien halten sich strate­gi­sche Optionen offen, eindeu­ti­ge Festle­gun­gen werden vermieden und Rückzugs­mög­lich­kei­ten auf das nur Gesagte, aber vermeint­lich nicht Gemeinte, bleiben erhalten. Zudem lässt Vagheit in der Ausdrucks­wei­se mehr Spielraum für Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten seitens der Wähler*innen, die die nur mitge­mein­ten „Leerstel­len“ auf der Grundlage ihrer eigenen politi­schen Einstel­lun­gen füllen können. Es gibt verschie­de­ne Möglich­kei­ten etwas mit zu meinen, es also nicht explizit zu sagen. Unter­schie­den werden können hier Impli­ka­tu­ren, Präsup­po­si­tio­nen und pragma­ti­sche Anrei­che­run­gen bzw. referen­ti­el­le Unter­be­stimmt­heit, die sowohl einzeln als auch im Zusam­men­spiel für persua­si­ve Zwecke genutzt werden können. Bei einer Impli­ka­tur wird etwas gesagt und etwas darüber Hinaus­ge­hen­des, Zusätz­li­ches gemeint. Die Bedeutung des Gemeinten muss von den Rezipient*innen durch einen Schluss­pro­zess ermittelt werden. Ein typisches Beispiel für eine Impli­ka­tur ist das Auswei­chen des Grünen-Politikers Tarek Al-Wazir in nachfol­gen­dem Interview mit der „Frank­fur­ter Rundschau“:

Frankfurter Rundschau: „Gegner:innen des Flughafen- oder Autobahnausbaus werfen den Grünen Verrat vor. Wie wollen Sie diese Klientel zurückgewinnen?“ 

Tarek Al-Wazir: „Alle Umfragen zeigen, dass eine große Mehrheit unseren Kurs in der Verkehrspolitik richtig findet. Und dass sich unsere Ergebnisse sehen lassen können. Das Deutschland-Ticket wurde in Hessen erfunden. (…)“ (Interview in der Frankfurter Rundschau vom 12.9.2023)

Al-Wazir beant­wor­tet die Frage nicht, sondern weicht aus, indem er auf „eine große Mehrheit“ verweist, die seine Verkehrs­po­li­tik für richtig halte. Er impli­ka­tiert somit, dass die Gegner*innen des Ausbaus in der Minder­heit sind und er Politik für die Mehrheit macht. Ob und wie er die Gegner*innen des Ausbaus zurück­ge­win­nen will, lässt er offen. Unter Präsup­po­si­tio­nen versteht man Voraus­set­zun­gen, die von Sprecher*innen in einer Kommu­ni­ka­ti­ons­si­tua­ti­on still­schwei­gend angenom­men werden und ohne die Aussagen nicht als sinnvoll erachtet werden können. Für die politi­sche Kommu­ni­ka­ti­on sind sogenann­te Existenz­prä­sup­po­si­tio­nen von beson­de­rer Bedeutung, bei denen die Existenz von entspre­chen­den Referenz­ob­jek­ten als gegeben voraus­ge­setzt wird. Die persua­si­ve Kraft von Existenz­prä­sup­po­si­tio­nen darf nicht unter­schätzt werden, was am Beispiel von Heraus­for­de­run­gen, einer auch im hessi­schen Wahlkampf beliebten Inter­ak­ti­ons­vo­ka­bel, die vor allem die Grünen, SPD und CDU an promi­nen­ter Stelle hervor­he­ben, veran­schau­licht werden kann:

[W]ir leben in einer Zeit mit vielfältigen Herausforderungen. (…) Gerade in Zeiten wie diesen kommt es auf die richtigen politischen Entscheidungen an. Wir können uns die Krisen und Herausforderungen nicht aussuchen. Wir haben es aber in der Hand, wie wir damit umgehen. (Regierungsprogramm Die Grünen: 5)

Der Krieg stellt uns vor gewaltige Herausforderungen, ohne dass die alten Herausforderungen kleiner geworden sind (…). Und ich möchte eine aktiv gestaltende Politik, die dafür sorgt, dass wir die Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam, solidarisch und sozial gerecht bewältigen. (https://www.nancy-faeser.de/was-mir-wichtig-ist/) 

Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Aber noch nie waren es so viele auf einmal. (…) Wir wollen die vor uns liegenden Herausforderungen so bewältigen, dass niemand zurückbleibt (…). (www.boris-rhein.de [29.9.2023]). 

Präsup­po­niert wird bei Grünen, SPD und CDU die Existenz von Heraus­for­de­run­gen als ‚schwie­ri­ge politi­sche Aufgaben‘, die entschie­de­nes politi­sches Handeln legiti­mie­ren. Zugleich liegt die normative Präsup­po­si­ti­on vor, dass Politiker*innen sich Heraus­for­de­run­gen stellen müssen, um diese im Interesse der Bürger*innen des Landes zu bewäl­ti­gen. Neben Existenz­prä­sup­po­si­tio­nen spielen auch sogenann­te lexika­li­sche Präsup­po­si­tio­nen eine Rolle. So benutzt beispiels­wei­se die AfD die Wörter wieder, wieder­her­stel­len und Wieder­her­stel­lung dazu, die Existenz in der Vergan­gen­heit existie­ren­der und im Sinne der AfD positiver Werte als gegeben zu sehen, um deren Wieder­her­stel­lung in der Gegenwart als politi­sche Aufgabe zu betonen: So heißt es auf einem Wahlpla­kat der AfD „Wir bringen Hessen wieder auf Kurs“ (Präsup­po­si­ti­on: Hessen ist vom Kurs abgekom­men) und im Wahlpro­gramm findet sich beispiels­wei­se folgende Passage:

Der Schutz der traditionellen Familie als Keimzelle der Gesellschaft muss wieder in das Zentrum der politischen Aufmerksamkeit gerückt werden. (WP AfD: 12) 

Pragma­ti­sche Anrei­che­rung und referen­ti­el­le Unter­be­stimmt­heit liegen immer dann vor, wenn das Gesagte, um vollstän­dig erfasst zu werden, um etwas ergänzt werden muss, sei es um etwas Spezi­fi­sche­res oder Unspe­zi­fi­sche­res. Das Gesagte ist dabei oft seman­tisch vage, in Bezug auf die Referenz flexibel und kann einen weiten Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum eröffnen. Als ein für politi­sches Sprach­han­deln typisches Beispiel kann hier die folgende Aussage von Boris Rhein angeführt werden (das zu Ergän­zen­de ist jeweils in eckige Klammern eingefügt):

Liebe Hessinnen und Hessen, Hessen ist ein starkes [in Bezug auf die Wirtschaft?], wunderschönes [in Bezug auf seine Landschaft?] und vielfältiges [in Bezug auf seine Menschen/ Natur?] Land. (…) Jede Zeit hat ihre Herausforderungen [Klimakrise]. Aber noch nie [in der Geschichte der Bundesrepublik] waren es so viele [wie viele?] auf einmal. (www.Boris-Rhein.de). 

Anhand des Wahlpla­ka­tes der AfD (Abb. 9) lassen sich noch einmal anschau­lich die verschie­de­nen Möglich­kei­ten, Ungesag­tes und Mitge­mein­tes zu reali­sie­ren, wie gebündelt demons­trie­ren. Das Wahlpla­kat ist zugleich ein instruk­ti­ves Beispiel dafür, wie die Strategie der AfD, das Gesagte zu minimie­ren und zugleich den Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum des Mitge­mein­ten zu erhöhen zum Ziel hat, für eine größere Gruppe von Wähler*innen wählbarer zu werden.

Abb. 9 Wahlpla­kat AfD ‚Grenzen‘

Der Slogan Hessen kann’s ist – wie im Übrigen sehr viele Wahlkampf­slo­gans – referen­ti­ell unter­be­stimmt. Worin das es können besteht, ist seman­tisch vage. Das Referenz­po­ten­ti­al ist hoch und die Referenz flexibel. Wir setzen Grenzen!, dem durch das Ausru­fe­zei­chen noch einmal Nachdruck verliehen wird, impli­ka­tiert, dass andere Parteien dies nicht tun. Die Ambigui­tät von Grenzen setzen (‚jemandem Grenzen setzen‘, Grenzen im Sinne von ‚Landes­gren­zen‘) wird hier durch das Bild des Schran­ken­zauns aufgelöst. Von beson­de­rer Brisanz erweisen sich die pragma­ti­schen Anrei­che­run­gen. Welcher Art sind die Grenzen, handelt es sich um EU-Außengrenzen oder Binnen­gren­zen? Wozu dienen die Grenzen? Und vor allem: Vor wem und vor was sollen die Grenzen schützen? Insbe­son­de­re letzteres lässt sich vor dem Hinter­grund des aktuellen politi­schen Diskurses zweifels­oh­ne mit Asylsu­chen­de bzw. Migration ergänzen, es kann aber, betrach­tet man Äußerun­gen von AfD-Politiker*innen auch mit Invasion und all seinen Impli­ka­tio­nen (‚feind­li­cher, militä­ri­scher Einfall, illegal; etwas, was bekämpft und mit Gewalt zurück­ge­drängt werden muss‘) ergänzt werden. In einem Bericht der Frank­fur­ter Rundschau vom 12.9.2023 über den Wahlkampf­auf­takt der AfD in Hessen heißt es dann auch entspre­chend: „Immer wieder schürten sie Ressen­ti­ments gegen Asylsu­chen­de und Angst. Schon das Wort ‚Flücht­ling‘ sei eine Unver­schämt­heit, so Weidel, es handele sich in erster Linie um ‚Einwan­de­rer in die Sozial­sys­te­me‘. Chrupalla sprach von einer gefähr­li­chen ‚Invasion‘.“ Von einer Invasion bzw. Invasoren spricht auch der AfD Bundes­tags­ab­ge­ord­ne­te Bernd Baumann im Rahmen der Bundes­tags­de­bat­te vom 22.9.2023, die die Beratung des Antrags der CDU/CSU Fraktion: Deutschland-Pakt in der Migra­ti­ons­po­li­tik – Irregu­lä­re Migration stoppen, zum Gegen­stand hatte:

Ein italienischer Bürgermeister sagt, was die Übrigen denken: Das ist eine Invasion. Das sind Invasoren aus Afrika und aus dem Orient. - Recht hat er; denn die, die da kommen, sind weitenteils keine Schutzsuchenden. Das sind Männer, vor denen wir Schutz brauchen. (Bernd Baumann: Bundestagsrede vom 22.9.2023)

Damit dürfte deutlich geworden sein, dass das Ungesagte bzw. Mitge­mein­te immer Teil der Inter­pre­ta­ti­on sein muss und Äußerun­gen im Wahlkampf einer Kontex­tua­li­sie­rung bedürfen, die erst ihre inten­dier­te Bedeutung, das Ungesagte und Mitge­mein­te, zum Vorschein bringt.

Abbildungen:

Abb. 1: https://www.cdu-kassel-land.de/aktuelles/landtagswahl2/

Abb. 2: https://www.instagram.com/spdhessen/

Abb. 3: https://www.instagram.com/p/CxVrm8nIV2s/

Abb. 4: https://www.instagram.com/p/Cxaf3aLqFYG/

Abb. 5: https://fdp-hessen.de/kampagnenlinie/

Abb. 6: https://www.gruene-hessen.de/wp-content/uploads/2023/06/LTW23-Motiv5-1.jpg

Abb. 7: https://www.die-linke-hessen.de/images/2023/06/25/klima.jpg

Abb. 8: https://afd-hessen.de/

Abb. 9: https://afd-hessen.de/

Wahlprogramme:

https://rtk.afd-hessen.org/wp-content/uploads/2023/06/AfD-Hessen-Wahlprogramm-zur-LTW23.pdf

https://www.die-linke-hessen.de/images/Downloads/2023-aktuell/LTW/wahlprogramm-ltw2023.pdf

https://www.spd-hessen.de/wp-content/uploads/sites/269/2023/07/SPD_Hessen_Wahlprogramm_2023_V3.pdf

https://fdp-hessen.de/wp-content/uploads/2023/07/FDP_HE23_LTW-Programm_2023.pdf

https://landtagswahl.gruene-hessen.de/wp-content/uploads/2023/08/Regierungsprogramm-GRUENE-Hessen.pdf

https://www.cduhessen.de/data/documents/2023/07/05/2831-64a58181dffad.pdf

Literatur:

Efing, Christian (2005): Rhetorik in der Demokra­tie. Argumen­ta­ti­on und Persua­si­on in politi­scher ‚Wahl-Werbung‘. In: Kilian, Jörg (Hg.): Sprache und Politik. Deutsch im demokra­ti­schen Staat. Mannheim [u.a.]: Duden­ver­lag, 222–240.

Girnth, Heiko (2016): Wahlkampf in Zeiten politi­scher Umbrüche. Persua­si­ve Strate­gien von CDU und SPD im rheinland-pfälzischen Landtags­wahl­kampf. In: aptum. Zeitschrift für Sprach­kri­tik und Sprach­kul­tur 12 (3), 225–235.

Hermanns, Fritz (1989): Deonti­sche Tauto­lo­gien. Ein lingu­is­ti­scher Beitrag zur Inter­pre­ta­ti­on des Godes­ber­ger Programms (1959) der Sozial­de­mo­kra­ti­schen Partei Deutsch­lands. In: Klein, Josef (Hg.): Politi­sche Semantik. Bedeu­tungs­ana­ly­ti­sche und sprach­kri­ti­sche Beiträge zur politi­schen Sprach­ver­wen­dung. Opladen: Westdeut­scher Verlag, 69–149.

Klein, Josef (2009): Rhetorisch-stilistische Eigen­schaf­ten der Sprache der Politik. In: Fix, Ulla / Andreas Gardt / Joachim Knape (Hg.): Rhetorik und Stilistik – Rhetoric and Styli­stics. Ein inter­na­tio­na­les Handbuch histo­ri­scher und syste­ma­ti­scher Forschung. 2. Halbband. Berlin/New York: De Gruyter, 2112–2131.

Klein, Josef (2011): Diskurse, Kampagnen, Verfahren. Politi­sche Texte und Textsor­ten in Funktion. In: Mittei­lun­gen des Deutschen Germa­nis­ten­ver­ban­des 3, 289–298.

Römer, David (2017): Wirtschafts­kri­sen. Eine lingu­is­ti­sche Diskurs­ge­schich­te. Berlin/Boston: De Gruyter.

Schröter, Melani (2013): Was macht eine Protest- bzw. Opposi­ti­ons­par­tei (aus)? Das Wahlpro­gramm der Piraten­par­tei aus verglei­chen­der und korpus­ana­ly­ti­scher Sicht. In: aptum. Zeitschrift für Sprach­kri­tik und Sprach­kul­tur 9 (3) 261–274.

Diesen Beitrag zitieren als:

Girnth, Heiko, Haid, Janett, Kern, Lesley-Ann, Meier, Stefan, Michel, Sascha, Poloschek, Hanna, Riess, Christine, Römer, David, Spieß, Constanze & Völker, Hanna. 2023. Sprach­ge­brauch im Landtags­wahl­kampf in Hessen — Wie Politiker*innen in Krisen­zei­ten um Zustim­mung werben. In: Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 3(11). https://doi.org/10.57712/2023-11

Heiko Girnth, Janett Haid, Lesley-Ann Kern, Stefan Meier, Sascha Michel, Hanna Poloschek, Christine Riess, David Römer, Constanze Spieß und Hanna Völker