Sprachspürli: Wie (un)bewusst sind Dialektstereotype?

Sprache ist das Holodeck, mit dem wir die Welt konzep­tio­na­li­sie­ren und entspre­chend begreifen. Sie ist omniprä­sent. Entspre­chend überrascht es nicht, dass jede:r Sprecher:in auch reflek­tie­ren­de Konzepte und Vorstel­lun­gen von Sprache und dem jewei­li­gen Sprach(en)kosmos, in dem er/sie sich bewegt, hat. Gespeist werden diese Vorstel­lun­gen von Metadis­kur­sen über Sprache (z.B. in schuli­schen oder kultu­rel­len Kontexten) und durch die unmit­tel­ba­re Sprach­pro­duk­ti­on und ‑perzep­ti­on.

Solche Diskurse über Sprache sind in vielerlei Hinsicht lingu­is­tisch inter­es­sant und relevant. Ein Aspekt, den ich hier heraus­grei­fen möchte, ist ihr Einfluss als externer Faktor auf Sprach­wan­del­pro­zes­se. Diskurse können Sprach­wan­del z.B. im Rahmen von präskrip­tiv formu­lier­ten Standar­di­sie­run­gen, Stigma­ti­sie­run­gen oder auch Aufwer­tung bestimm­ter (vermeint­lich) identi­fi­zier­ter Struk­tu­ren beein­flus­sen. Entspre­chend ist die Beschäf­ti­gung mit laien- bzw. perzep­ti­ons­lin­gu­is­ti­schen Aspekten nicht nur für die Psycho- und Kongi­ti­ons­lin­gu­is­tik, sondern auch für die histo­ri­sche Lingu­is­tik von Interesse.

Dabei steht die histo­ri­sche Lingu­is­tik selbst­ver­ständ­lich auch hier vor dem Problem der einge­schränk­ten Datenlage. Auskünfte über histo­ri­sche Sprach­per­zep­ti­on und Diskurse bekommt man nicht über Sprecher:innenbefragung, sondern nur über den kleinen Ausschnitt, den wir aus der schrift­li­chen Überlie­fe­rung heran­zie­hen können: „Histo­ri­cal documents survive by chance, not by design“ (Labov 2010: 11). Tatsäch­lich sind Sprach­wan­del und ‑variation nicht erst seit der Dativ dem Genitiv sein Tod ist ein wichtiger Aspekt des gesell­schaft­li­chen Sprach­dis­kur­ses, sondern bereits in mittel­hoch­deut­scher Zeit (zwischen ca. 1050 und 1350) finden wir schrift­li­che Zeugnisse darüber, dass der deutsche Sprach­raum als regional variie­rend wahrge­nom­men wurde. So zum Beispiel in einem Abschnitt der christ­li­chen Lebens­leh­re „Der Renner“ des Bamberger Schul­meis­ters Hugo von Trimberg, die zwischen 1300 und 1313 entstan­den ist. Darin bekommen wir nicht nur Auskunft über die regionale Vielfalt des damaligen Deutschen, sondern es werden auch einzelne Sprecher­grup­pen mit bestimm­ten sprach­li­chen Eigen­hei­ten identi­fi­ziert, wie in folgendem Ausschnitt illustriert:

Swer tiutsche will eben tihten,
Wer auf deutsch dichten möchte
Der muoz sîn herze rihten
Der muss sein Herz richten
Ûf maniger­leie sprâche
Auf maniger­lei Sprache
[]
An sprâche, an mâze und an gewande
An Sprache, an Recht und an Trachten
Ist under­schei­den lant von lande
unter­schei­det sich Region von Region
[]
Swâben ir wörter spaltent,
Schwaben spalten ihre Wörter
Die Franken ein teil si valtent,
Die Franken falten sie zum Teil
Die Beier si zezerrent,
Die Bayern verzerren sie
Die Düringe si ûf sperrent,
Die Thüringer schließen sie auf
Die Sahsen si bezückent,
Die Sachsen bezücken sie
Die Rînliute si verdrü­ckent,
Die Rhein­leu­te zerdrü­cken sie
Die Weterei­ber si würgent
Die Wetter­au­er würgen sie
[]

Dass insbe­son­de­re litera­ri­sche Texte eine für die histo­ri­sche Dialek­to­lo­gie ergiebige Quelle darstel­len, zeigt bereits Agathe Lasch am Beispiel mittel­nie­der­deut­scher Zwischen­spie­le (Lasch 1920: 360; s.a. jüngst Denkler & Elmen­ta­ler 2022). Aktuell wird am Institut für Germa­nis­ti­sche Sprach­wis­sen­schaft / Forschungs­zen­trum Deutscher Sprach­at­las im Rahmen des von der deutschen Forschungs­ge­mein­schaft geför­der­ten Projekts „Adaptio­nen deutscher Varie­tä­ten in deutsch­spra­chi­gen Dramen (16.–19. Jahrhun­dert) (AdViD)“ dieser Quelltyp näher unter­sucht.1Das Projekt befinden sich aktuell im Aufbau; neuster Stand und Datenbank werden in Kürze hier abrufbar sein. Wie aus der Projekt­be­zeich­nung ersicht­lich, stehen dabei Theater­stü­cke im Zentrum, die den Vorteil haben, der gespro­che­nen, dialo­gi­schen Sprache konzep­tio­nell nahezustehen.

Unter ›Adaption‹ wird im Rahmen des AdViD-Projekts die Einbet­tung nicht-schriftsprachlicher Varie­tä­ten in eine schrift­sprach­li­che Rahmens­pra­che verstan­den, wie im folgenden Auszug aus Theodor Fontanes Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ (1889) zu sehen, in dem der Autor seine eigene nieder­deut­sche Mündlich­keit in die rahmen­bil­den­de hochdeut­sche Schrift­spra­che einbettet:

Und kommt ein Jung’ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „Wiste ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew’ di ne Birn.“

Perzep­ti­ons­lin­gu­is­tisch besonders inter­es­sant sind nun Fälle, in denen nicht die autor­ei­ge­ne, sondern eine fremde Varietät adaptiert wird, wie man dies z.B. im Drama „Die Ratten“ (1911) des aus Schlesien stammen­den Gerhart Hauptmann2Seine eigene Mündlich­keit findet sich im zunächst in schle­si­schem Dialekt verfass­ten Stück „De Waber“ ‘Die Weber’ (1891) verschrift­licht. in der Figuren­re­de von Alice Rütter­busch findet:

Alice Rütter­busch: Das war aber net grad, weißt, sehr freind­schaft­lich, daß d’ mir auf alle die sauberen und langen Brief kein Wörtel geantwort hast.


Direktor Hassen­reu­ter: Wozu, ha ha ha, einem kleinen Mädchen antworten, wenn man genug mit sich selber zu tun hat und in keiner Beziehung was nützen kann? Sessa! E nihilo nihil fit! Das heißt auf deutsch: aus nichts kann nichts werden! Motten und Staub! Staub und Motten! ha ha ha! Das ist alles, was ich von meiner deutschen Kultur­ar­beit an der westli­chen Grenze geerntet habe.


Alice Rütter­busch: Du hast also den Fundus net an den Direktor Kurz abgetreten?

Diese sprach­li­chen Auffäl­lig­kei­ten der offen­sicht­lich aus dem bairi­schen Sprach­raum stammen­den Figur fußen auf den Laien­kon­zep­ten Haupt­manns, die zum einen aus dem allge­mei­nen Sprach­dis­kurs und zum anderen seiner der direkten Dialekt­per­zep­ti­on gespeist sind. Diese Merkmale können sowohl allge­mei­ne Struk­tu­ren von Mündlich­keit darstel­len (z.B. weißt ‘weißt=du’) als auch spezi­fi­sche Charak­te­ris­ti­ka des inten­dier­ten Dialekts (z.B. Wörtel ‘Wörtchen’).3Am Text des Direktors Hassen­reu­ter ist zu sehen, dass solche Adaptio­nen nicht nur auf nah verwandte Varie­tä­ten beschränkt ist, sondern auch die Imple­men­tie­rung von L2-Akzenten oder Fremd­spra­chen mit einschließen.

Solche sprach­li­chen Merkmale, die als charak­te­ris­tisch für eine bestimmte Varietät gelten, wurden im Prozess der sogenann­ten Indexi­ka­li­sie­rung mit sozio-kulturellen Vorstel­lun­gen von bestimm­ten Sprecher­grup­pen assozi­iert. Der Begriff ›Indexi­ka­li­sie­rung‹ stammt aus der ameri­ka­ni­schen Sozio­lin­gu­is­tik (insbes. Labov 1972; Silver­stein 2003; Agha 2003) und beschreibt die Verortung von gramma­tisch variie­ren­den Struk­tu­ren einer belie­bi­gen Varietät auf einer Skala zwischen minimal und maximal indexi­ka­li­siert (vgl. schema­ti­sche Darstel­lung in Abb. 1). Gramma­ti­sche Merkmale, die zwar (areale) sprecher­spe­zi­fi­sche Variation aufweisen, aber noch nicht bewusst mit sozio-kulturellen Schemata verknüpf­te sind, bezeich­net man als Indikator (›indicator‹). Sobald ein Indikator etwas stärker indexi­ka­li­siert wird und damit nun kontext­ab­hän­gig, z.B. stilis­tisch variiert, wurden diese zu sogenann­ten Markern (›markers‹) indexi­ka­li­siert. Diese können, müssen aber nicht der Sprach­ge­mein­schaft bewusst sein. Maximal indexi­ka­li­sier­te gramma­ti­sche Merkmale sind schluss­end­lich Stereo­ty­pe (›stereo­ty­pes‹), die regis­triert (›enregis­ter­ment‹) und mit einem sozio-kulturellen Schema identi­fi­ziert wurden. Entspre­chend sind Stereo­ty­pe Gegen­stand von öffent­li­chen Äußerun­gen über die jeweilige Varietät bzw. die jeweilige Sprecher­grup­pe und können bewusst verwendet oder vermieden werden. Eine wichtige Eigen­schaft von Stereo­ty­pen ist auch, dass gramma­ti­sche Struk­tu­ren losgelöst von ihrem eigent­li­chen Gebrauch verwendet werden können und damit produktiv im Sinne der sprach­li­chen Kreati­vi­tät4Zum Begriff der sprach­li­chen Kreati­vi­tät siehe Bossong (1979). sind. So beein­flusst der Prozess der Indexi­ka­li­sie­rung auf verschie­de­ne Arten auch Sprach­wan­del­pro­zes­se (insbes. Kerswill & Williams 2011; bereits Trudgill 2000 [1974]; Labov 1966; Victor Schir­munski 1928).

Abb. 1: Prozess der Indexi­ka­li­sie­rung (eigene Darstel­lung nach Labov 1972, Silver­stein 2003, Agha 2003, Johnstone, Andrus & Danielson 2006)

Die Struk­tu­ren, die im Rahmen von Dialekt­ad­ap­tio­nen wieder­holt und syste­ma­tisch auftreten, sind – sofern es sich nicht um Produkte der autor­ei­ge­nen Mündlich­keit handelt – Marker und Stereo­ty­pe. Die Adaptio­nen sind sowohl gespeist durch indexi­ka­li­sier­te Struk­tu­ren des Sprach­dis­kurs und füttern diesen zugleich. Im AdViD-Projekt geht es in einem ersten Schritt darum, die dialek­ta­len Charak­te­ris­ti­ka in Adaptio­nen unter­schied­li­cher Dialekte in einem Korpus von aktuell 200 Dramen syste­ma­tisch zu erfassen, um anschlie­ßend darauf aufbauend eine Typologie verwen­de­ter Marker und Stereo­ty­pe entwi­ckeln zu können.

Eine wichtige grund­sätz­li­che Frage, die damit einher­geht, wie valide litera­ri­sche Dialekt­ad­ap­tio­nen tatsäch­li­che Dialekt­ste­reo­ty­pe (re)produzieren und wahrge­nom­men werden, ist die, wie (un)bewusst Dialekt­ste­reo­ty­pe eigent­lich sind. Setzen Autor:innen bewusst bestimmte Struk­tu­ren ein oder wenden sie bestimmte Regeln an, um die gewünsch­te adaptier­te Zielva­rie­tät zu evozieren, oder funktio­niert die Adaption nach einmalig erwor­be­nen Mustern automa­tisch, unter­be­wusst? Im Rahmen einer kleinen Online-Umfrage, deren Ergeb­nis­se im Anschluss vorge­stellt werden, wurde aus Sicht der Perzep­ti­on (und nicht der aktiven Produk­ti­on5Eine erste Studie zur Produk­ti­on erwor­be­ner Stereo­ty­pe findet sich in Schäfer, Leser & Cysouw (2016). getestet, wie stark gramma­ti­sche Muster mit räumli­chen Konzepten von Dialekt­va­ri­an­ten inter­agie­ren, wenn sie nicht explizit dialektal geframed sind. Die Grund­vor­aus­set­zung hierfür ist, dass in unseren erwor­be­nen Konzepten sprach­li­cher Variation auch eine Verknüp­fung zu räumli­cher Variation besteht, wie dies perzep­ti­on­lin­gu­is­ti­sche Arbeiten zeigen (vgl. Purschke & Stoeckle 2019). Sprach­li­che Marker bzw. Stereo­ty­pe rufen nun diese Perzepte ab, was uns ermög­licht, eine bestimmte sprach­li­che Äußerung einer bestimm­ten geogra­phi­schen Region im Sprach­raum zuzuord­nen. Exempla­risch wurde hierzu die (un)bewusste regionale Assozia­ti­on von Verklei­ne­rungs­for­men von Substan­ti­va (im Folgenden ›Diminu­ti­va‹) abgetes­tet, da es sich hierbei um ein im deutschen Dialekt­ge­biet stark areal­ge­bun­de­nes variie­ren­des gramma­ti­sches Feature handelt, das regionale Assozia­tio­nen befördert und das im sprach­li­chen Metadi­ss­kurs über dialek­ta­le Charak­te­ris­ti­ka und Variation stark präsent ist.

Diminution als Stereotyp

Wie schon im adaptier­ten Bairi­schen von Alice Rütter­busch zu sehen (s.o. Wörtel ‘Wörtchen’), ist Diminu­ti­on vor allem in den Adaptio­nen ab dem 18. Jahrhun­dert ein Charak­te­ris­ti­kum von Dialekten (vgl. Schäfer eingereicht(a); Schäfer eingereicht(b)). Dabei kann sie sowohl generel­ler Marker von Dialektalität/Mündlichkeit als auch formspe­zi­fisch als Stereotyp eines bestimm­ten Dialekt­raums einge­setzt werden. Ersteres ist ein simpler Effekt von Nähesprach­lich­keit vs. formale Sprache, denn Diminu­ti­on ist pragma­tisch eng an Situa­tio­nen geknüpft, die die Merkmale ‘nicht-seriös’, ‘empatisch’, ‘vertraut’ oder ‘intim’ aufweisen (vgl. Elspaß 2010: 79; Bakema & Geeraerts 2008: 1050). Die areale Dimension von Diminu­tiv­suf­fi­xen im Deutschen erlaubt wiederum auch eine leichte mentale Regis­trie­rung, da die Raummus­ter relativ klar und einpräg­sam sind.

Wie die Karte in Abb. 2 zeigt, gibt es zunächst eine klare Nord-Süd-Teilung: Diminu­tiv­suf­fi­xe auf l (wie -le, -li, -el) im Süden und Suffixe auf k bzw. j/x im Norden (z.B. -chen, -ke, ‑je) (für eine detail­lier­te Darstel­lung der räumli­chen Variation von Diminu­tiv­suf­fi­xen siehe Wrede 1908; Viktor Schir­munski 1962). Bis ins Neuhoch­deut­sche konkur­rie­ren die regio­na­len Diminu­tiv­suf­fi­xe auch in der Schrift­spra­che als -chen und -lein, wo ab dem 18. Jahrhun­dert eine Verdrän­gung des -lein-Suffixes festzu­stel­len ist (Lameli 2018), was dazu führt, dass -lein-Diminu­ti­on inzwi­schen veraltet wirkt.

Abb. 2: Grobe Eintei­lung der Diminu­tiv­suf­fi­xe in den dt. Dialekten auf Basis der WA Karte Nr. 440 zu „Stückchen“; erweitert um die Schweiz und Österreich

Die Variation von Diminu­tiv­suf­fi­xen in den deutschen Dialekten ist also vergleich­bar wie die DNA einer Tomate: leicht isolier­bar und mit bloßen Auge zu erkennen (vgl. DNA-Isolation aus Tomaten). Damit ist Diminu­ti­on präde­sti­niert dafür, zum Dialekt­ste­reo­typ indexi­ka­li­siert zu werden. Doch wie losgelöst von der eigent­li­chen gramma­ti­schen Verwen­dung sind die einzelnen Diminu­tiv­for­men mit bestimm­ten sozio-kulturellen Schemata von Dialek­träu­men assozi­iert? In einer Online­be­fra­gung unter der URL soscisurvey.de/Monster, die im Juni 2022 über Mailing­lis­ten von Studie­ren­den und Mitarbeiter:innen der Philipps-Universität Marburg verbrei­tet wurde, sollte dies getestet werden.

Die Umfrage: Variablen und Setting

Um die Diminu­tiv­suf­fi­xe ihrer eigent­li­chen deriva­tio­nel­len und dialek­ta­len Verwen­dung zu entheben, wurden eine reprä­sen­ta­ti­ve Auswahl an Suffixen auf Phanta­sie­wör­ter (s. Tab. 1), die als Namen präsen­tiert wurden, angewandt. In der Ausga­ben­stel­lung wurden nicht Begriffe wie ›Dialekt‹ oder ›regionale Variation‹ getrig­gert, sondern es war die Rede von der spontanen „Intuition zur Verortung von Namen im geogra­phi­schen Raum“. Diminu­ti­on wurde lediglich in der ersten Anweisung mittels der Spezi­fi­zie­rung diese kleinen Monster angetrig­gert; in den folgenden zwei Anwei­sun­gen tauchte das Adjektiv nicht mehr auf.

Im Begrü­ßungs­text wurde folgende fiktive Situation vorge­ge­ben, die zum einen von Assozia­tio­nen mit reellen Dialekten ablenken sollte und zum anderen die klassi­sche Frage­bo­gen­si­tua­ti­on mittels Gamifi­zie­rung auflo­ckern und dafür sorgen, dass die Teilnehmer:innen intuitiv antworten:

Frau Professor Humbold hat überraschend in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein paar neue Monster-Arten entdeckt und ihnen entsprechend ihres Fundortes Namen gegeben. Können Sie auf Grund der Namen herausfinden, wo die Monster gefunden wurden?

Die Basen für die Monster-Namen bilden Einsilber mit i als Stamm­vo­kal, um einen durch Diminu­ti­on ausge­lös­ten Umlaut (der in einigen Varie­tä­ten wieder entrundet werden konnte) zu vermeiden (siehe Tab. 1). Ausgehend von diesen Basen wurden die jewei­li­gen Items mit symbo­li­schen Monstern verknüpft.6Diese Symbole dienten nur im Sinne einer Gamifi­ca­ti­on der Unter­hal­tung. Für eine größere Validität wäre es besser gewesen die Symbole, rando­mi­siert einem Item zuzuord­nen bzw. auch mehrfach an mehreren Items zu verwenden. Monster, die an sich mit ‘+ groß’ assozi­iert sind, eigneten sich zur Diminu­ti­on im Sinne einer Verklei­ne­rung von Größe nur mit der Subse­man­tik ‘+ zärtlich/niedlich/kindlich’. Wenn Diminu­ti­on mit den Namen assozi­iert würde, dann nur in dieser Subse­man­tik. Diese Assozia­ti­on wurde über das kindlich-spielerische Setting der Umfrage und die figura­ti­ve Gestal­tung der Monster gewährleistet.

Bild NamenbaseVariable
, ,
,
, ,
, ,
, ,
Mimpf-
Snif-
Hirk-
Fitz-
Irtz-
Kniff-
+-erl
-li
-la
-elsche
-ken
-je
= Snifla
Tab. 1: Variablen der Umfrage

Die Aufgabe der Proband:innen war es nun, jeweils 5 Monster auf Grundlage ihrer Namen auf einer Karte mit der BRD (mit Bundes­län­dern), der Schweiz und Öster­reich zu platzie­ren, wie exempla­risch in Abb. 3 zu sehen. Es gab die Option, die Monster­po­si­ti­on zu korri­gie­ren und sofern eine regionale Zuordnung nicht möglich war, gab es auch ein Feld „keiner Region zuzuord­nen“, wo die Monster­gra­fi­ken platziert werden konnten. Jedes Monster konnte nur einmal platziert werden. Die Frage war nun: Wurden die Muster der Wortbil­dung hinter den Monster­na­men erkannt und die einge­setz­ten Diminu­tiv­suf­fi­xe mit geogra­phi­schen Arealen assozi­iert oder nicht.

Abb. 3: Screen­shot der ersten Aufgabe des Frage­bo­gens mit exempla­ri­scher Platzie­rung der Monster

Ergebnisse

378 Teilnehmer:innen schlossen die Umfrage vollstän­dig ab, von denen 333 angaben, Deutsch als Mutter­spra­che zu sprechen. Die folgenden Ergeb­nis­se konzen­trie­ren sich zunächst nur auf die Daten dieser Muttersprachler:innen, was die Daten der Nicht-Muttersprachler:innen nicht weniger inter­es­sant macht. Die meisten Informant:innen (48%) gaben an, zwischen 1995 und 2003 geboren zu sein, waren also zum Zeitpunkt der Umfrage zwischen 19 und 27 Jahre alt. 75% gaben einen aktuellen Wohnsitz im Postleit­zah­len­ge­biet 35XXX an, d.h. im westli­chen Mittel­hes­sen. Die Geschlech­ter­ver­tei­lung ist leicht unaus­ge­wo­gen: 215 identi­fi­zier­ten sich als weiblich (= 66%), 109 als männlich und 7 als divers.

Auf die an die Positio­nie­rungs­auf­ga­ben anschlie­ßen­de Frage „Haben Sie eine Ahnung, worauf die Monster­na­men hinaus­wol­len?“ gaben 75% „ja“ und nur 26% „nein“ an. Unter den vorge­ge­be­nen möglichen Zielstruk­tu­ren der Umfrage wählten 63%, dass die Monster­na­men „Auf lautliche Beson­der­hei­ten von Dialekten“ abzielten, was in gewisser Hinsicht nicht falsch ist, da die formsei­ti­ge Variation der Suffixe in erster Linie auf lautli­cher Ebene besteht und es auch in Standard­spra­che und Dialekten vielfach erstarrte bzw. „unechte“ Diminu­ti­va gibt, die das lautliche Erschei­nungs­bild einer Varietät prägen (vgl. (Weiß 2005)). Immerhin 34% (= 113 Infor­man­ten) erkannten „Verklei­ne­rungs­for­men wie Mäuschen, Hündchen, Ringlein“ als Zielstruk­tur der Umfrage. Jeweils 2% kreuzten die Auswahl „Auf äußere Vorur­tei­le von Menschen aus bestimm­ten Regionen“ und „Auf die räumlich-ästhetische Bewertung von Kunst­wör­tern“ an und nur ein Informant gab im angebo­te­nen Freit­ext­feld eine eigene Antwort: „dialek­ta­le Eungs­sil­ben­klän­ge“. Ganz unter der Bewusst­seins­schwel­le lief die Präsen­ta­ti­on der Diminu­tiv­for­men also nicht.7Um das völlig zu garan­tie­ren, wären Ablen­ker­struk­tu­ren nötig gewesen, die die Umfrage natürlich entspre­chend aufge­bläht hätten. Natürlich ist nicht auszu­schlie­ßen, dass einige erst durch die darge­bo­te­ne Auswahl an Antwort­mög­lich­kei­ten die Diminu­ti­on als Zielform erkannt haben. Tatsäch­lich zeigt der Vergleich zwischen Informant:innen, die angaben, Diminu­ti­on als Zielstruk­tur erkannt zu haben, und den übrigen keine Unter­schie­de bezüglich der korrekten Positio­nie­run­gen, wie exempla­risch in der Gegen­über­stel­lung der Veror­tun­gen des Monster­na­men „Irtzken“ in Abb. 4 zu sehen. Aus diesem Grund wurden die Daten der 113 vermeint­li­chen Diminu­tiver­ken­ner im Folgenden wie der Rest behandelt.

Abb. 4: Alle Veror­tun­gen des Monster­na­men Irtzken von Informant:innen die angaben Diminu­ti­on als Zielstruk­tur erkannt zu haben (links) vs. übrige Informant:innen (rechts)

Optisches Erschei­nungs­bild der Monster und Form der Namen­ba­sen haben sehr wahrschein­lich in Einzel­fäl­len das Antwort­ver­hal­ten beein­flusst. Aber es kann ausge­schlos­sen werden, dass die Proband:innen hier gemein­sa­me Konzepte teilen, da die räumliche Verortung dieser Variablen willkür­lich und nicht überein­stim­mend erfolgte (s. exempla­risch die Veror­tun­gen der Namen auf „Kniff-“ in Abb. 5). Ganz anders sieht es überra­schen­der­wei­se bezüglich der Suffixe aus: hier gibt es eine klare areale Cluste­rung, wie die Kartie­run­gen zeigen.

Abb. 5: Veror­tun­gen aller Monster­na­men auf Kniff-

Insgesamt zeigen die Ergeb­nis­se der Platzie­rung viel Variation, was der Freiheit der Aufgabe geschul­det ist. Der Umstand, dass zu den einzelnen Monster­na­men aber auch sehr viele Probanden gleiche Areale auswählen, ist ein Zeichen dafür, dass die Items gemein­sa­me mentale Reprä­sen­ta­tio­nen aktivie­ren. Insgesamt sehen wir so eine gewisse kollek­ti­ve Intel­li­genz, in der die meisten Positio­nie­run­gen der Namen die tatsäch­li­chen Areale von Diminu­tiv­suf­fi­xen reprä­sen­tie­ren (s. Abb. 6–11).

Bildungen auf -la wurden am wenigsten mit dem eigent­li­chen Verbrei­tungs­ge­biet (ostfrän­ki­sche, bairisch-schwäbische und südba­di­sche Dialekte) in Verbin­dung gebracht, sondern vor allem mit den Städten Leipzig, Hamburg und Berlin assozi­iert; hier wurde auch am häufigs­ten das Feld „keiner Region zuzuord­nen“ gewählt (s. Abb. 7). Hingegen deutlich mit oberdeut­schen und besonders den aleman­ni­schen Dialekten der Schweiz assozi­iert ist das -li-Suffix (s. Abb. 8). Dies kann zum einen mit einer generell hohen Frequenz (substan­ti­vi­scher) Wortbil­dungs­mus­ter auf -i in diesen Dialekten (Dammel 2021) zu tun haben oder aber auch mit dem breit kommu­ni­zier­ten Stereotyp schwei­zer­deut­scher -li-Diminu­ti­va (Schäfer einge­reicht (a)). Inter­es­sant ist auch, dass sehr viele der überwie­gend im mittel­hes­si­schen Raum lebenden Informant:innen sehr einheit­lich die Monster mit -elsche-Suffix in der Mitte des Bundes­lan­des Hessen platzie­ren, so dass hier ein ganz klarer gemein­sa­mer mentaler Hotspot vorliegt (s. Abb. 6).

Was diese kleine Umfrage zeigt, ist in erster Linie Folgendes: Die abgetes­te­ten Diminu­tiv­suf­fi­xe des Deutschen sind (mit Ausnahme des -la-Suffixes) losgelöst ihrer ursprüng­li­chen dialek­ta­len und gramma­ti­schen Verwen­dung mit Dialekt­area­len verknüpft und damit als Stereo­ty­pe indexi­ka­li­siert mit raumge­bun­de­nen Varie­tä­ten. Diese mentale Reprä­sen­ta­ti­on unseres sprach­li­chen Wissens können wir unbewusst abrufen und sie hilft so dabei, sprach­li­che Äußerun­gen und damit poten­zi­el­le Sprecher:innen zu verorten.

Literatur

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Schäfer, Lea. einge­reicht (a). „Diachrone Zugänge zur Stereo­ty­pen­bil­dung am Beispiel aleman­ni­scher Dialekte der Schweiz.“ 

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Schäfer, Lea. 2022. Sprach­spür­li: Wie (un)bewusst sind Dialekt­ste­reo­ty­pe? Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 2(8). https://doi.org/10.57712/2022–08

Lea Schäfer
Dr. habil. Lea Schäfer ist seit Mai 2022 mit dem DFG-Projekt "Adaptionen deutscher Varietäten in deutschsprachigen Dramen (16.–19. Jahrhundert) (AdViD)" am IGS/Deutschen Sprachatlas.