Russlanddeutsche Sprachspuren: Wolgadeutsche Wenkerschätze

Dieser Beitrag handelt von einem Thema, das auf den ersten Blick recht wenig mit der Arbeit eines (Geistes-)Wissenschaftlers/einer (Geistes-)Wissenschaftlerin zu tun hat: der Schatz­su­che. Und doch ist es die Suche nach Unbekann­tem, Verschol­le­nem, die so oft am Anfang eines Forschungs­pro­zes­ses steht. Ich stelle hier die Geschich­te meiner Schatz­su­che (mit Happy End!) vor.

Selten sind Schätze für Unein­ge­weih­te offen­sicht­lich. Ihr Wert zeigt sich erst unter der Berück­sich­ti­gung vieler Faktoren, daher gehe ich hier nicht nur auf den Pfad meiner Schatz­su­che ein, sondern möchte auch erläutern, warum mein Schatz überhaupt ein Schatz ist. Ein Forschungs­the­ma ist selten isoliert, sondern existiert als ein kleiner Knoten in einem gewal­ti­gen Netz. Ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, beleuchte ich einen Teil dieses Netzes und verdeut­li­che somit, was meinen Schatz zu einem solchen macht. Ich möchte hier auch eine Ebene anspre­chen, die untrenn­bar verbunden ist mit meiner Arbeit. Als Forschen­de bin ich dem wissenschaftlich-objektiven Duktus verpflich­tet — das Thema, nämlich die Mundarten der Wolga­deut­schen, ist aber eng verbunden mit dem persön­li­chen Schicksal seiner Sprecher und Spreche­rin­nen, gekenn­zeich­net von Schick­sals­schlä­gen und oft schwer erträg­lich. Meine Schatz­su­che war auch eine Reise, die mich emotional hoch berührt hat.

Wissen­schaft­le­rIn­nen sind im Neben­be­ruf Schatz­jä­ge­rIn­nen. Forschen heißt suchen – die Suche nach Erkennt­nis ist der Kern eines wissen­schaft­li­chen Arbeits­le­bens. Im Falle des jungen Gelehrten, Georg Wenkers (1852–1911), ergab sich die Frage nach der Beschaf­fen­heit der Dialekte seiner Heimat, dem Rheinland: „Daß ich nämlich schon seit langer Zeit eine große Liebha­be­rei für die platte Sprache in unserem Rhein­lan­de gehabt hätte …“ (Wenker 1877: 4) was ihn dazu führte, eine dialek­ta­le Erhebung durch­zu­füh­ren, die er dann immer weiter auswei­te­te und deren Auswer­tung in einem „Schatz“ resul­tier­te, dem Sprach­at­las des Deutschen Reichs (Wenker 1888–1923):

… dieser Schatz, das Resultat langjäh­ri­ger mühsamer Arbeit, … 

(Wrede 1895: 52)

In einem Sommer­se­mes­ter in der zweiten Hälfte der 2000er nahm ich an einem Block­se­mi­nar teil, das einen sehr prakti­schen Bezug hatte. Unser Dozent lehrte uns das Trans­li­te­rie­ren anhand von kleinen blauen Heftchen – handschrift­li­che Kommen­ta­re zum Sprach­at­las des Deutschen Reichs aus der Feder Wenkers, datierend von ca. 1889–1911 (Wenker 2013/2014). Während das Material selbst doch für eine Studentin wie mich recht trocken war und ich noch nicht wirklich verstand, was ich da überhaupt bearbei­te­te, so war ich trotzdem wie gefangen von der Geschich­te, die dahinter steckte. Die Materia­li­en waren nämlich bis vor ganz kurzer Zeit vor diesem Seminar völlig unbekannt gewesen – sie lagen nicht im Archiv des DSA, sondern in der Staats­bi­blio­thek zu Berlin, von der eine bekannte Koryphäe einmal bemerkt hatte, dort gäbe es weiter nichts dazu von Belang. Aller­dings gab es einen winzigen Hinweis darauf, dass ein solches Material irgendwo existie­ren musste, versteckt in einem Nebensatz, und das hatte unseren Dozenten stutzig gemacht. Er hatte die Biblio­thek kontak­tiert, nicht locker gelassen und nach einiger Zeit die Nachricht bekommen: Ja, hier liegt etwas von Interesse für Sie, kommen Sie doch vorbei und schauen es sich an. Einen Heureka-Moment, viel Herzklop­fen und einen bewil­lig­ten Forschungs­an­trag später war das Material Fokus eines Projekts, dessen Publi­ka­ti­on heute zum Kanon Wenkers zählt. Mein Dozent war übrigens der heutige Direktor des DSA, Prof. Dr. Alfred Lameli. 

Während ich heute nicht mehr weiß, was genau ich in dem Seminar trans­li­te­riert habe, blieb mir doch Prof. Lamelis Schil­de­rung seiner Schatz­su­che immer im Gedächt­nis und ich wusste: Ich wollte so etwas auch erreichen. Ich wollte verschol­le­ne Schätze aufspüren. Ich wollte in eine Biblio­thek gehen und das Manuskript der Manuskrip­te finden, das papierne Äquiva­lent zur Bundes­la­de, zum Bernstein­zim­mer, zur verlo­re­nen Stadt Paititi. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass meine Jagd nach den wolga­deut­schen Wenker­sät­zen 15 Jahre später zwar erfolg­reich, aber ganz im Sinne des digitalen Zeital­ters weit weniger gegen­ständ­lich sein würde.

Auf der Suche

Ich hatte nach dem Magister eine Auszeit von der Germa­nis­tik genommen und in südame­ri­ka­ni­schen indigenen Sprachen promo­viert (Müller 2013). Ich konnte direkt danach eine Anstel­lung am DSA ergattern und fand mich plötzlich umringt von Themen und Projekten, die so gar nichts mit Südame­ri­ka oder gar dem Rest der großen weiten Welt zu tun hatten, wie ich auf den ersten Blick glaubte. Zum Glück stellte sich aber heraus, dass die deutsche Sprache sich doch fast überall auf dem Globus tummelte, und ich begann meine Forschung zum Nieder­deut­schen in Westpreu­ßen und dem Russi­schen Reich/der Sowjet­uni­on, wie es die Mennoniten dort gespro­chen hatten. Zuvor war ich auf einen Bestand im Archiv des DSA aufmerk­sam gemacht worden, der bisher relativ vernach­läs­sigt worden war, und zwar die Erhebung der Wenker­sät­ze von Walther Mitzka (1888–1976) 1930 unter menno­ni­ti­schen Flücht­lin­gen aus der Sowjet­uni­on (Mitzka 1930, Fleischer 2017: 107–109). Dies würde, zusammen mit menno­ni­ti­schen Wenker­bö­gen aus Westpreu­ßen, das Korpus für mein Projekt zum Sprach­wan­del im Menno­ni­ti­schen, Plautdietsch genannt, im Osten bilden. Ich wusste aber, dass es noch weitere Erhebun­gen zum Russland­deut­schen von der Seite sowje­ti­scher Forsche­rIn­nen gab – z.B. die Wenker­bö­gen von Schir­mun­ski (1891–1971) (vergl. Fleischer & Pusejkina 2017), aber besonders inter­es­sant für mich die Erhebun­gen Georg Dinges’ (1891–1932) und Mitar­bei­te­rIn­nen auf wolga­deut­schem Gebiet. Erstere liegen in Sankt Peters­burg in der Russi­schen Akademie der Wissen­schaf­ten und sind, besonders im heutigen politi­schen Klima, unantast­bar; letztere galten als verschol­len oder vernichtet:

 Während Dinges’ Primär­ma­te­ri­al, die Frage­bö­gen mit den Überset­zun­gen der Wenker­sät­ze, wohl zerstört wurde …

(Fleischer 2017: 89, siehe auch Smirnit­ska­ja 2000)

Schir­mun­ski war also eine Sackgasse. Zu Dinges’ Erhebun­gen gab es immerhin den Wolga­deut­schen Sprach­at­las (WDSA), der auf den Wenker­sät­zen basierte, aber der Verbleib der Frage­bö­gen mit den Wenker­sät­zen selbst war unklar. Es gab mehrere Hinweise, die darauf schließen ließen, dass die Frage­bö­gen im Laufe der Zeit verloren gegangen waren, z.B. „Da die Origi­nal­fra­ge­bö­gen nicht mehr vorlagen …“ (Berend 1997: 12 bezüglich des WDSA). Anderer­seits gab es aber auch keine Aussage dazu, dass sie nicht mehr existier­ten. Dieser Fakt und, wie bei Prof. Lameli, eine kleine Neben­in­for­ma­ti­on, waren für mich ausschlag­ge­bend um genauer nachzu­for­schen. Bevor ich aber meine Suche darstelle, skizziere ich kurz die Forschungs­ge­schich­te zum Wolga­deut­schen, um zu verdeut­li­chen, warum mein persön­li­cher Sprach­schatz, die wolga­deut­schen Wenker­sät­ze, eine große Bedeutung trägt.

Wolgadeutsch

Abb. 1: Unter­schrift Georg Dinges’

Die Haupt­fi­gur der Forschung zum Wolgadeutschen ist Georg Dinges, ein Sprach­wis­sen­schaft­ler wolga­deut­scher Herkunft, der zwischen ca. 1920 und 1930 durch viel Eigen­in­itia­ti­ve einen wahren Materi­al­schatz an Daten zur wolga­deut­schen Sprache zusam­men­ge­tra­gen hatte, selber jedoch nicht mehr dazu kam, seine großan­ge­leg­ten Projekte zu einem wolga­deut­schen Wörter­buch und einem Sprach­at­las à la Wenker zu veröf­fent­li­chen. Dinges war Professor an der Univer­si­tät in Saratow, Direktor des 1925 gegrün­de­ten Zentral­mu­se­ums in Pokrowsk und ebenfalls Leiter des Zentral­bü­ros für die „Erfor­schung der deutschen Dialekte des Wolga­ge­biets“ in besagtem Museum (Jedig & Berend 2014: 155–156). Um sich herum versam­mel­te er ein Team aus Begeis­ter­ten, das nicht nur seine Frau, sondern auch Kolle­gIn­nen und Schüle­rIn­nen beinhal­te­te, und das unzählige Stunden an Materi­al­erhe­bung und ‑bearbei­tung saß. Die Arbeit dieser Forsche­rIn­nen schlägt sich nieder in einem einzigen Werk, dem Wolga­deut­schen Sprach­at­las, der auch erst 60 Jahre später veröf­fent­licht werden konnte.

Abb. 2: Karte der Mundarten Deutsch­lands (links oben), Sprach­kar­te der Wolga­deut­schen Mutter­ko­lo­nien (rechts) mit Erklä­run­gen (unten links)

Dinges selbst konnte nur zwei wissen­schaft­li­che Artikel publi­zie­ren (Dinges 1923, 1925), bevor er 1930 wegen Spionage zugunsten Deutsch­lands verhaftet und nach 2 Jahren Haft in Moskau nach Sibirien depor­tiert wurde (Berend & Jedig 1991: 30–37). Die Chance, seine Forschun­gen von dort aus fortzu­set­zen, bekam er nicht mehr: „Er steckte sich mit Unter­leibs­ty­phus an und erlag der Krankheit schon nach drei Tagen im Juli 1932. Seine Habse­lig­kei­ten, darunter auch seine Monogra­phie über die wolga­deut­schen Mundarten und seine Kartei, wurden wegen Infek­ti­ons­ge­fahr verbrannt.“ (Berend & Jedig 1991: 37). Die Frage­bö­gen hatte er wahrschein­lich nicht mitge­nom­men und ich vermutete sie nach wie vor entweder in Dinges’ privatem Nachlass oder im Archiv des Museums. Zu ersterem findet sich ein Hinweis: „Dieses [Dinges’] private Archiv – zum Teil Kopien des im Museum [= Zentral­mu­se­um der Republik in Pokrowsk] befind­li­chen Stoffes – und seine reich­hal­ti­ge Biblio­thek sind leider in den späteren Jahren verlo­ren­ge­gan­gen“ (Berend & Jedig 1991: 36).

Ein ähnliches Schicksal schien die Materia­li­en von Dinges’ Nachfol­ger, Andreas Dulson (1900–1973), zu betreffen. Dulson hatte bis zu seiner eigenen Depor­ta­ti­on 1941 tapfer versucht, die Arbeit der Zentral­stel­le aufrecht­zu­er­hal­ten und dem Archiv vor seiner Abreise dann „alle Materia­li­en über die wolga­deut­schen Mundarten, die er bei sich zu Hause aufbe­wahr­te, und die zum Teil auch den von anderen Forschern einge­sam­mel­ten Stoff enthiel­ten“ (Berend & Jedig 1991: 98) übergeben (siehe auch Berend 1993: 583). „Außerdem hat A. Dulson viel von dem in früheren Jahren einge­sam­mel­ten Stoff mit nach Sibirien genommen […] Niemand weiß aber heute, was diese Materi­al­samm­lung enthalten hat und wohin sie nach seinem Tod gekommen ist.“ (Berend & Jedig 1991: 100). Damit schienen Dinges’ und Dulsons private Sammlun­gen verloren bzw. außerhalb meiner Reich­wei­te, und ich konzen­trier­te mich auf das Archiv des Museums bzw. auf das Zentral­ar­chiv der Wolga­deut­schen ASSR, wie es von 1924 bis 1941 hieß. Heute ist es eine unabhän­gi­ge Insti­tu­ti­on und heißt Staat­li­ches Histo­ri­sches Archiv der Wolga­deut­schen, bisher und im weiteren Verlauf „Archiv“ genannt.

Das Archiv


Abb. 3 und 4: Archiv­ge­bäu­de 2020

Zu Beginn bestand das Archiv aus zwei Räumen im Gebäude des Zentralen Exeku­tiv­ko­mi­tees der ASSR. Bis zur Eröffnung des heutigen Archiv­baus 2008 zog es mehrmals um. Während durch persön­li­ches Engage­ment vieler Archiv­mit­ar­bei­te­rIn­nen ununter­bro­chen weiter gesammelt wurde, kam es doch zu Verlusten an Material durch schlechte Lager­be­din­gun­gen  (Feuer, Wasser­schä­den), Umzüge und auch durch mutwil­li­ge Zerstö­rung (Angaben zur Geschich­te des Archivs sind dessen Website entnommen: http://engels-archive.ru/). Nicht zu vergessen der Tatsache, dass ungenaue Dokumen­ta­ti­on ebenfalls ein Grund von „Verlust“ sein kann – das Material ist vorhanden, aber undoku­men­tiert und somit unsicht­bar. Eine gute Nachricht war also, dass es das Archiv noch gab, aber eine noch bessere, dass bereits jemand vor Ort gewesen und nach Dinges’ und Dulsons Nachläs­sen gesucht hatte: Nina Berend, Schülerin des Sprach­wis­sen­schaft­lers Hugo Jedig, der seiner­seits ein Schüler Dulsons während dessen Zeit in Sibirien gewesen war, und somit eine Art Wissenschafts-Urenkelin Dinges’. Berend hatte 1988 das Archiv besucht und war fündig geworden: „Die zurück gelas­se­nen dialek­to­lo­gi­schen Materia­li­en befanden sich im geschlos­se­nen Archiv und waren der Öffent­lich­keit nicht zugäng­lich. Erst mit der politi­schen Auflo­cke­rung der letzten Jahre ist es möglich geworden, den dialek­to­lo­gi­schen Nachlass der Zentral­stel­le zur Erfor­schung der wolga­deut­schen Mundarten einzu­se­hen und mit der Aufar­bei­tung der Materia­li­en zu beginnen.“ (Berend 1993: 583). Hier endlich fand ich einen Hinweis auf „Frage­bö­gen“:

Ein Teil dieser Frage­bö­gen wird heute im Engelser Archiv aufbewahrt. 

(Berend 1993: 593 Fußnote 8)

Berend bezieht sich hier auf Wenker­bö­gen, die August Lonsinger (1881–1953) gesammelt und später Dinges übergeben hatte. Lonsinger war ein wolga­deut­scher Lehrer, der 1913 in Marburg Bekannt­schaft mit Ferdinand Wrede (1863–1934), Wenkers Nachfol­ger, gemacht und die Idee mit den Wenker­sät­zen in seiner Heimat gleich umgesetzt hatte (Dinges 1925: 299, vergl. Fleischer 2017a: 87). Angeblich übergab er Dinges dann 1922 78 Frage­bö­gen aus seiner Erhebung zwischen 1913 und 1914 (Berend 1997: 7). Wenn diese Frage­bö­gen also noch zumindest zum Teil im Archiv waren, warum nicht auch die anderen Frage­bö­gen von Dinges? Diese Fußnote machte mir Hoffnung. Berend entdeckte im Archiv weiterhin Sprach­kar­ten, die noch von Dinges’ und Mitar­bei­te­rIn­nen selbst gezeich­net worden waren und die sie zusammen mit Rudolph Post im WDSA veröf­fent­lich­te – eine späte Würdigung des monumen­ta­len Werkes der wolga­deut­schen Forsche­rIn­nen. Meine Hoffnung war nun, dass neben den Karten auch die Frage­bö­gen gefunden worden waren. In einer Urkunde aus dem Archiv „über den Befund der Aufnahme des Vermö­gens­be­stan­des der Zentral­stel­le für wolga­deut­sche Mundar­ten­for­schung zwecks Übergabe“ (Berend & Jedig 1991: 34) werden tatsäch­lich unter „Beant­wor­te­te Frage­bo­gen“ Wenker­sät­ze genannt! Mein Herz begann zu klopfen und ich hatte einen ersten Beweis, dass sich an irgend­ei­nem Zeitpunkt in der Vergan­gen­heit Frage­bö­gen im Archiv befunden haben mussten. Aber bezogen sich diese nur auf die von Lonsinger gesam­mel­ten? Berend selbst berichtet von dem Ergebnis ihrer Suche vor Ort: 

„Die Karten des Wolgadeutschen Sprachatlas werden heute in der Engelser Filiale des Saratower Gebietsarchivs aufbewahrt. … Die anderen Materialien zum Wolgadeutschen Sprachatlas, darunter auch die großangelegte Monographie von G. Dinges „Die wolgadeutschen Mundarten“ sind heute nicht mehr aufzufinden“ (Berend & Jedig 1991: 71).
„Zu nennen ist vor allem das Fehlen von weiteren Unterlagen zum Sprachatlas: außer den Karten selbst sind keine Materialien gefunden worden …“ (Berend 1993: 592).

Das klang nicht sehr erfolg­ver­spre­chend. Bisher hatte niemand die Existenz der Dinges-Wenkerfragebögen im Archiv heutzu­ta­ge verneint, aber eben auch nicht bestätigt. Alle Aussagen, die ich dazu gefunden hatte, bezogen sich auf „Materia­li­en“ und konnten oder konnten sich nicht auf die Bögen beziehen – ich brauchte eine verläss­li­che Aussage, egal in welcher Richtung. Bis hierhin hatte sich meine Suche bereits, bedingt durch neben­säch­li­che Dinge wie Arbeit, Lehre und Familie, über mehrere Monate hinge­zo­gen. Ich wusste, jetzt musste ich mich entschei­den – weiter machen und ggf. eine Enttäu­schung hinnehmen bzw. nie eine Antwort bekommen, oder aufhören und meine Zeit sinnvol­ler inves­tie­ren. In diesem Zustand der Schwebe stieß ich schließ­lich auf eine Übersicht Berends davon, was sie bei ihrem Besuch des Archivs noch zum Wolga­deut­schen vorge­fun­den hatte. Darunter – und hier beginnt eine unglaub­li­che Glücks­sträh­ne – ein „Großteil Wenker-Fragebögen“, und zwar in der Summe 308 Stück, also mehr als die 78 Lonsinger-Bögen (Jedig & Berend 2014: 160)! Die erste eindeu­ti­ge Bestä­ti­gung, dass im Archiv in Engels zum Zeitpunkt 1988 und damit sehr wahrschein­lich noch heute die origi­na­len wolga­deut­schen Wenkerfra­ge­bö­gen lagerten/lagern. Zeitgleich hatte ich die Website des Archivs durch­fors­tet und war auf eine Bemerkung gestoßen, dass es über den Nachlass Dinges’ verfügte. Ich versuchte mein Glück mit einer E‑Mail und bekam drei Wochen später eine Antwort. Folgende Zeilen ließen mein Herz höher schlagen:

In unserem Archiv ist der Fond der von Ihnen erwähnten Forscher Hrn. Dulson A., Hrn. Dinges G. sowie Unter­la­gen Hrn. Lonsinger A. vorhanden. In diesem Fond wurden gemäß Ihrer Anfrage 4 Akten aufge­fun­den, in denen … die von Ihnen erwähnten Wenker-Bogen sicher vorhanden sein können.

Gefunden!

Das war noch kein Beweis, aber ich war den Frage­bö­gen so nah wie nie! Für eine genauere Auskunft musste ich dem Archiv aller­dings gegen Vorkasse einen Suchauf­trag erteilen. Für 1940 Rubel erhielt ich dann am 29.05.2019, einen Tag nach meinem Geburts­tag, folgende Mitteilung:

In unserem Archiv ist der Fond der von Ihnen erwähnten Forscher Hrn. Dulson A., Hrn. Dinges G. sowie Unter­la­gen Hrn. Lonsinger A. vorhanden. In diesem Fond wurden gemäß Ihrer Anfrage 4 Akten mit folgenden Daten aufgefunden:

  1. Manuskript über die Geschich­te der Ansied­lung von deutschen Menno­ni­ten vom 1834, erstellt vom Bevoll­mäch­tig­ten der deutschen Menno­ni­ten Klaus Epp (21 Seite) 
  2. die von Ihnen erwähnten „Wenker-Bogen“ (914 Seiten)

Das war er, mein Heureka-Moment! Ich musste die E‑Mail mehrmals lesen, weil mir vor Aufregung die Buchsta­ben vor Augen verschwam­men. Die wolga­deut­schen Wenkerfra­ge­bö­gen hatten bis heute überdau­ert! Hätten es die Umstände zugelas­sen, ich wäre sofort ins Auto gesprun­gen und hätte mich auf den Weg gemacht. Nach wie vor ist mein Ziel, irgend­wann das Archiv zu besuchen; die Dokumente persön­lich zu sehen, die Dinges, Dulson, Lonsinger und ihre Mitar­bei­te­rIn­nen erstellt, gesammelt und beforscht hatten; das gleiche Papier zu berühren. Ich musste mich jedoch damit begnügen, zunächst weiterhin digital unterwegs zu sein. Ich bestellte zunächst auf eigene Kosten einige Digita­li­sa­te, um zu gewähr­leis­ten, dass die Qualität der Dateien für eine wissen­schaft­li­che Arbeit ausreich­te. Das Archiv lieferte zufrie­den­stel­len­de Ergeb­nis­se und ich machte mich auf die Suche nach Förder­gel­dern, um Scans aller Frage­bö­gen bestellen zu können. Das Bundes­mi­nis­te­ri­um für Kultur und Medien (genauer: zur Kultur und Geschich­te der Deutschen im östlichen Europa) bewil­lig­te die Mittel für die gesamte Digita­li­sie­rung und dazu noch eine studen­ti­sche Hilfs­kraft, die das Material in einem ersten Schritt sichten und ordnen sollte. Es würde aber, auch dank der Covid-19-Pandemie und dem schwie­ri­gen Zahlungs­ver­kehr mit Russland, noch bis Januar 2021 dauern, bis ich endlich alle Digita­li­sa­te bekam. Dann dauerte es noch einmal bis April 2022, bis die Bögen inkl. einer groben Übersicht der Metadaten im Forschungs­da­ten­re­po­si­to­ri­um der Philipps-Universität Marburg archi­viert und veröf­fent­licht werden konnten (http://dx.doi.org/10.17192/fdr/86). Knapp zwei Monate davor war Russland in die Ukraine einmarschiert.

Und nun?

Im Nachhin­ein weiß ich, dass Glück und Zufall in meiner Schatz­su­che eine große Rolle gespielt haben. Selbst 2019 war es unglaub­lich, dass ein russi­sches Archiv eigenem Material (bzw. dessen Scans) den Weg ins Ausland erlaubte. Dass das überhaupt möglich war, mag daran liegen, dass das Engelser Archiv keine staat­li­che Insti­tu­ti­on, sondern unabhän­gig ist. Der Erwerb der Digita­li­sa­te wäre aber heute, im Jahre 2023, fast unmöglich, da der Zahlungs­ver­kehr mit Russland sehr stark einge­schränkt ist. Hätte ich das gewusst, hätte ich versucht, so viel von dem anderen Material digita­li­sie­ren zu lassen wie möglich – so ist dessen Erfor­schung auf unbestimm­te Zeit verschoben.

Mein wolga­deut­scher „Wenker­schatz“ aber ist da. Ganz im Sinne einer modernen, quell-offenen Forschung liegt er in einem Daten­re­po­si­to­ri­um und kann überall auf der Welt angeschaut werden. Die nieder­deut­schen Wenker­sät­ze der Wolga­deut­schen sind bereits Teil meiner aktuellen Forschung; die Befor­schung der hochdeut­schen Wenker­sät­ze ist geplant. Begonnen mit dem WDSA, erfährt die Arbeit wolga­deut­scher Intel­lek­tu­el­ler somit weiter ihre wohlver­dien­te Wertschätzung. 


Abb. 5: Wenker­sät­ze aus Neu-Weimar, datiert 8.11.1925, umseitig unter­schrie­ben mit “G. Dinges” (Archiv­si­gna­tur: Fonds 1821 A 46 Blatt 39)

Literatur

Berend, Nina. 1993. Der Wolga­deut­sche Sprach­at­las: ein histo­ri­scher Beitrag zur deutschen Dialek­to­lo­gie. In Klaus J. Mattheier, Klaus-Peter Wegera, Walter Hoffmann & Hans-Joachim Solms (eds.), Vielfalt des Deutschen: Festschrift für Werner Besch, 583–594. Frankfurt am Main: Lang.

Berend, Nina (ed.). 1997. Wolga­deut­scher Sprach­at­las (WDSA) aufgrund der von Georg Dinges 1925–1929 gesam­mel­ten Materia­li­en bearbei­tet und heraus­ge­ge­ben von Nina Berend unter Mitarbeit von Rudolf Post. Tübingen: Francke.

Berend, Nina & Hugo H. Jedig. 1991. Deutsche Mundarten in der Sowjet­uni­on: Geschich­te der Forschung und Biblio­gra­phie (Schrif­ten­rei­he der Kommis­si­on für Ostdeut­sche Volks­kun­de in der Deutschen Gesell­schaft für Volks­kun­de e.VBd. 53). Marburg: Elwert.

Dinges, Georg. 1923. Ueber unsere Mundarten. In Beiträge zur Heimat­kun­de des deutschen Wolga­ge­biets, 60–72. Pokrowsk (Kosaken­stadt): Abteilung für Volks­bil­dung des Gebiets der Wolgadeutschen.

Dinges, Georg. 1925. Zur Erfor­schung der wolga­deut­schen Mundarten. Teutho­nis­ta 1(4). 299–313.

Dinges, Georg. 1927. Zur Schaffung eines Wörter­bu­ches der wolga­deut­schen Mundarten: Aufruf zur Sammlung des mundart­li­chen Wortschat­zes unserer Dörfer für das Wolga­deut­sche Wörter­buch. Wolga­deut­sches Schul­blatt 1, https://ids-pub.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/start/7/rows/10/sortfield/score/sortorder/desc/searchtype/simple/query/Wolgadeutsch/docId/10659.

Fleischer, Jürg. 2017. Geschich­te, Anlage und Durch­füh­rung der Fragebogen-Erhebungen von Georg Wenkers 40 Sätzen. Dokumen­ta­ti­on, Entde­ckun­gen und Neube­wer­tun­gen (Deutsche Dialekt­geo­gra­phie). Hildes­heim, Zürich, New York: Olms.

Fleischer, Jürg & Larissa N. Pusejkina. 2017. V. M. Schir­munskis Erhebun­gen der Wenker­sät­ze in der Sowjet­uni­on: Entste­hung und Durch­füh­rung einer Dialekt­be­fra­gung (mit einer exempla­ri­schen Analyse). In Natalija Ganina, Klaus Klein, Ekaterina R. Skvajrs & Jürgen Wolf (eds.), Deutsch-russische Kultur­be­zie­hun­gen in Mittel­al­ter und Neuzeit: Aus abend­län­di­schen Beständen in Russland (Deutsch-russische Forschun­gen zur Buchge­schichte­Band 4), 263–283. Erfurt, Stuttgart: Verlag der Akademie Gemein­nüt­zi­ger Wissen­schaf­ten zu Erfurt; in Kommis­si­on bei Franz Steiner Verlag GmbH.

Jedig, Hugo H. & Nina Berend. 2014. Lepel, Laumptje, Lostich­keit: Gesam­mel­te Beiträge zu deutschen Mundarten in der Sowjet­uni­on. Mannheim: IDS.

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Schmidt, Jürgen E., Joachim Herrgen, Roland Kehrein, Alfred Lameli & Hanna Fischer (eds.). 2020ff. Regionalsprache.de (REDE). Forschungs­platt­form zu den modernen Regio­nal­spra­chen des Deutschen. Bearbei­tet von Robert Engster­hold, Heiko Girnth, Simon Kasper, Juliane Limper, Georg Oberdor­fer, Tillmann Pistor, Anna Wolańska. Unter Mitarbeit von Dennis Beitel, Milena Gropp, Maria Luisa Krapp, Vanessa Lang, Salome Lipfert, Jeffrey Pheiff, Bernd Viels­mei­er. Studen­ti­sche Hilfs­kräf­te. Marburg.

Smirnit­ska­ja, S. V. 2000. G. Dinges i nemeckaja dialek­to­lo­gi­ja v Rossii. In Galina I. Smagina (ed.), Nemcy v Rossii: Russko-nemeckie naučnye i kul’tur­nye svjazi, 55–60. S.-Peterburg: Dmitrij Bulanin.

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Wenker, Georg. 1888–1923. Sprach­at­las des Deutschen Reichs. Marburg.

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Diesen Beitrag zitieren als:

Neele Harlos. 2023. Russland­deut­sche Sprach­spu­ren: Wolga­deut­sche Wenker­schät­ze. In: Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 3(6). https://doi.org/10.57712/2023-06