Das Hessen-Nassauische Wörterbuch

Das Hessen-Nassauische Wörter­buch gehört zu den großland­schaft­li­chen Dialekt­wör­ter­bü­chern, die im vorigen Jahrhun­dert einge­rich­tet wurden, um den mundart­li­chen Wortschatz einer Region zu sammeln und in Form eines Wörter­buchs zu beschrei­ben. Durch die zuneh­men­de Indus­tria­li­sie­rung zeichnete sich ein tiefgrei­fen­der Wandel in der Gesell­schaft ab. So starben alte Handwerks­be­ru­fe wie die Hauswe­be­rei durch den Einsatz von Maschinen ganz aus und damit verbunden auch der Fachwort­schatz dieser Handwer­ker. Seit 1914 verschick­te die Kanzlei des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs in Marburg Frage­bo­gen, um gezielt Wortma­te­ri­al für das Wörter­buch zu erheben. 

Daneben wurden in den Frage­bö­gen die Gewährs­per­so­nen um zusätz­li­che sachliche und volks­kund­li­che Infor­ma­tio­nen zu Gegen­stän­den des Alltags, Bräuchen, Sprich­wör­tern und Redens­ar­ten gebeten. Ziel war die wissen­schaft­li­che Bearbei­tung und Veröf­fent­li­chung des Wortschat­zes der ehema­li­gen preußi­schen Provinz Hessen-Nassau. Das Bearbei­tungs­ge­biet umfasste das Hessische nördlich des Mains und hat als eines der wenigen Dialekt­wör­ter­bü­cher Anteil an den drei großen deutschen Sprach­land­schaf­ten. Dies bot in beson­de­rer Weise Möglich­kei­ten sprach­wis­sen­schaft­lich bei einzelnen Wörtern Verän­de­run­gen im lautli­chen und seman­ti­schen Bereich sowie sprach­ge­schicht­li­che Verän­de­rungs­pro­zes­se im Wortschatz zu unter­su­chen. Im Bearbei­tungs­ge­biet des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs haben sich im Dialekt Begriffe seit der kelti­schen Zeit erhalten und gramma­ti­sche Formen aus althoch­deut­scher Zeit konser­viert. Die Artikel des Wörter­buchs erschlie­ßen nicht nur mundart­li­che Texte und dokumen­tie­ren regio­na­len Wortschatz, sie bieten auch Hilfe­stel­lung bei dem Verständ­nis und der Inter­pre­ta­ti­on histo­ri­scher Texte.

Der Fall Hinkelstein

Was ein Hinkel­stein ist und wie er aussieht ist landläu­fig spätes­tens seit Asterix und Obelix bekannt. Das Geheimnis, wie die meter­ho­hen und tonnen­schwe­ren Stein­säu­len aufge­stellt worden sind, ist durch die beiden Gallier gelüftet – und ein pfälzisch-hessisches Dialekt­wort fand Eingang in die hochdeut­sche Sprache und Aufnahme in den Duden. Als 1880 Dr. Konrad Duden, Direktor des König­li­chen Gymna­si­ums zu Hersfeld, sein Vollstän­di­ges Ortho­gra­phi­sches Wörter­buch der deutschen Sprache veröf­fent­lich­te, fehlte der Hinkel­stein noch als Wörterbucheintrag.

Abb. 1: Der Hinkel­stein von Unter-Widdersheim, wird Kindstein genannt, da nach der Überlie­fe­rung für dieje­ni­gen, die ihr Ohr an den Stein halten, die Stimmen der ungebo­re­nen Kinder zu hören sind. Den Schlüssel dazu hat die Kindfrau, wie die Hebamme im Dialekt früher bezeich­net wurde.

Damit ist aber noch längst nicht klar, was das pfälzisch-hessische Hinkel als Bezeich­nung für das (Haus-)Huhn mit dem Stein zu tun hat. Zugrunde liegt Hühnen­stein ‘Riesen­stein´. Da die Menschen früher sich den Transport und die Aufstel­lung dieser Stein­ko­los­se nur dadurch erklären konnten, dass sagen­haf­te Hünen oder Riesen mit ihren übermensch­li­chen Kräften die Hinkel­stei­ne und Stein­kis­ten­grä­ber, auch Hünen­grä­ber genannt, errichten konnten. Dass für Asterix und Obelix auch die mensch­li­chen Kräfte eines durch­trai­nier­ten galli­schen Kriegers für den Transport und die Aufrich­tung eines Hinkel­steins nicht ausreich­ten, ist ebenfalls bekannt. Nur ein Zauber­trank verlieh ihnen übermensch­li­che Kräfte. Da Pfälzer und Hessen ihre Hühner in ihrem Dialekt liebevoll als Hinkel bezeich­nen, ist für beide sprach­lich der Weg vom Hünen­stein über den Hühner­stein zum Hinkel­stein nicht allzu weit gewesen. In den hessi­schen Flurnamen sind Hinkel­stei­ne seit dem 14. Jahrhun­dert schrift­lich belegt. Dass bei dieser Bezeich­nung für den Stein wirklich das Huhn und nicht der Hüne gemeint ist, lässt sich daran erkennen, dass die Stein­s­te­len im Hessi­schen in Flurnamen auch Glucken- oder Gickel­stei­ne genannt worden sind. Fachsprach­lich werden die Hinkel­stei­ne in Europa seit dem Ende des 18. Jahrhun­derts von den Archäo­lo­gen mit dem breto­ni­schen Wort Menhir bezeich­net (breto­nisch men ‘Stein´ und hir ‘lang´, also ‘Langstein´ oder ‘langer Stein´). Auch diese Bezeich­nung findet sich in Hessen. Unweit von Marburg steht im Dorf Langen­stein der für diese Siedlung namen­ge­ben­de Lange Stein.

Abb. 2: Der Lange Stein von Langenstein

An ihm, wie auch an anderen Menhiren, wird deutlich, dass diese Steine für die Menschen, die sie aufrich­te­ten, eine religiöse Bedeutung hatten. Die Christen von Langen­stein profa­nier­ten ihren Hinkel­stein im Mittel­al­ter, indem sie neben ihm ihre Kirche errich­te­ten und den Hinkel­stein zum Baustein in der Kirch­hofs­mau­er degra­dier­ten. Und was hat jetzt das Hessen-Nassauische Wörter­buch mit dem Hinkel­stein zu tun?

Das Hessen-Nassauische Wörterbuch und seine Sammlungen

Im Auftrag der Königlich Preußi­schen Akademie der Wissen­schaf­ten zu Berlin gründete Ferdinand Wrede, der Direktor des Sprach­at­las des Deutschen Reichs in Marburg, im Jahr 1911 das Hessen-Nassauische Wörter­buch als Arbeits­stel­le zur Sammlung und Beschrei­bung des mundart­li­chen Wortschat­zes der preußi­schen Provinz Hessen-Nassau. Zum Arbeits­ge­biet gehörten neben der Provinz Hessen-Nassau mit der Exklave Kreis Herrschaft Schmal­kal­den in Thüringen die Provinz Oberhes­sen des Großher­zog­tums Hessen und der zur preußi­schen Rhein­pro­vinz gehörende Kreis Wetzlar. In der Weimarer Zeit kamen 1921 der Kreis Wittgen­stein in der preußi­schen Provinz Westfalen und 1925 der Freistaat Waldeck hinzu. Damit umfasste das Bearbei­tungs­ge­biet sprach­lich das Hessische nördlich des Mains. Das im Jahr 1925 von der Histo­ri­schen Kommis­si­on für Hessen gegrün­de­te Südhes­si­sche Wörter­buch mit Sitz in Gießen bearbei­te­te das Hessische südlich des Mains in den Provinzen Starken­burg und Rhein­hes­sen des Volks­staats Hessen. Beide Wörter­buch­kanz­lei­en verein­bar­ten, dass das Südhes­si­sche Wörter­buch bei der Bearbei­tung und Veröf­fent­li­chung mit dem Buchsta­ben A beginnt und das Hessen-Nassauische Wörter­buch mit dem Buchsta­ben L, um den Nutzern möglichst schnell Wörter­buch­ar­ti­kel im gesamten Alphabet zur Verfügung zu stellen.

Das Hessen-Nassauische Wörter­buch gehört wie das Südhes­si­sche Wörter­buch zu den großland­schaft­li­chen deutschen Dialekt­wör­ter­bü­chern, die den mundart­li­chen Wortschatz einer Region sammelten und in Wörter­buch­ar­ti­keln beschrie­ben. Für das Hessen-Nassauische Wörter­buch wurde beschlos­sen, zunächst eine zwei Bände umfas­sen­de Volks­aus­ga­be des Wörter­buchs heraus­zu­ge­ben, der Versuch „ein Mittel­ding herzu­stel­len zwischen einem philo­lo­gi­schen Lexikon und einem Lesebuch für die gebil­de­ten Kreise“ wie es 1927 Ferdinand Wrede in seiner Vorbe­mer­kung zu Band 2 formu­lier­te. Zu den Beson­der­hei­ten des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs gehört, dass es Anteil hat an den drei großen deutschen Sprach­land­schaf­ten Nieder­deutsch sowie dem Mittel­deut­schen und Oberdeut­schen, die beide zum Hochdeut­schen gehören. Aus dem von der Arbeits­stel­le des Wörter­buchs erhobenen Material sollten die Wörter aufge­nom­men werden, die nicht in der Hochspra­che vorkommen und rein mundart­lich sind, Wörter, deren Bedeutung im Dialekt von der hochdeut­schen abweichen, sowie Namen, wenn sie im Bearbei­tungs­ge­biet verbrei­tet sind und sich in ihnen dialek­ta­ler Wortschatz oder Dialekt­for­men erhalten haben wie etwa Wingert für ‘Weingar­ten´. Bei der Formu­lie­rung der Wörter­buch­ar­ti­kel wurde großer Wert gelegt auf eine allge­mein­ver­ständ­li­che Sprache sowie die anschau­li­che Darstel­lung sprach­li­cher Sachver­hal­te durch Sprach­kar­ten, Zeich­nun­gen und Fotos. Beispiel­haft für andere Dialekt­wör­ter­bü­cher wurde die Anwendung des wortgeo­gra­fi­schen Prinzips. In der Auswahl der Belegorte für einen Wortar­ti­kel sollte die Verbrei­tung und Häufig­keit eines Wortes oder einer Wort- und Lautform sichtbar werden.

Grundlage des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs bilden bis heute die seit 1911 aufge­bau­ten Sammlun­gen. Neben gedruck­ten histo­ri­schen Quellen wurden mundart­li­che und landes­ge­schicht­li­che Literatur ausge­wer­tet, und durch Aufrufe in Zeitungen und Zeitschrif­ten erhielt die Arbeits­stel­le mundart­li­ches Material von freiwil­li­gen Gewährs­per­so­nen aus dem Bearbei­tungs­ge­biet zugeschickt. Seit 1914 ist in mehreren Frage­bo­gen­erhe­bun­gen syste­ma­tisch über Lehrer, Schüler und inter­es­sier­te Personen aus der Bevöl­ke­rung gezielt nach Begriffen, sprach­li­chen Beson­der­hei­ten und sachli­chen Infor­ma­tio­nen insbe­son­de­re im volks­kund­li­chen Bereich gefragt worden. Neben Gegen­stän­den, Geräten oder Werkzeu­gen sollten Sprich­wör­ter, Redens­ar­ten, Bauern- und Wetter­re­geln, Kinder­lie­der, Reime, Ortsne­cke­rei­en und bekannte Bräuche in die Frage­bö­gen einge­tra­gen werden. Es wurde auch mehrfach dazu aufge­for­dert, Gegen­ständ­li­ches zu zeichnen. Daher sind in den Frage­bö­gen auch Zeich­nun­gen und Skizzen von Dingen des täglichen Gebrauchs enthalten. Dieses Material ist in einer alpha­be­tisch sortier­ten Zettel­kar­tei erfasst worden, die ca. 300.000 Zettel umfasst und schät­zungs­wei­se 1,5 Millionen Angaben enthält. Daneben wurde eine umfang­rei­che Arbeits­bi­blio­thek angelegt.

Abb. 3 Zeichnung des Haupt­leh­rers J. Schmitt von verschie­de­nen Töpfen und ihre Verwen­dung aus dem Frage­bo­gen 9 für den Ort Momberg im Landkreis Marburg Bieden­kopf zur Frage 23: Verschie­de­ne Topfarten (zum Beispiel: Dibbe, Krobbe, Bare, Rewes u.a.).
Abb. 4 Karte (irdener) Topf mit dem Grenz­ver­lauf von nieder­deutsch Pott zu mittel­deutsch Tüpfen im Arbeits­ge­biet des Hessen-Nassauischen Wörterbuchs

Sämtliche Frage­bö­gen und das gesamte Zettel­ar­chiv sind digita­li­siert worden. Die Frage­bö­gen können im Landes­ge­schicht­li­chen Infor­ma­ti­ons­sys­tem (www.lagis-hessen.de) des Hessi­schen Landes­amts für geschicht­li­che Landes­kun­de unter den Quellen einge­se­hen und benutzt werden, die Digita­li­sa­te des Zettel­ar­chivs in den kommenden Monaten. Dort ist unter den Lexika und Wörter­bü­chern der gedruckte Teil des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs für die Buchsta­ben L‑Z und den bearbei­te­ten, noch ungedruck­ten Anfang des Buchsta­ben A zu benutzen.

Abb. 5 Zettel zum Stichwort Eckband ‘Eckbalken des Hauses´ aus dem Zettel­ar­chiv des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs mit Anmer­kun­gen zu ausge­wer­te­ten Frage­bö­gen und vorhan­de­nen Zeichnungen.

Wortschätze

Da das althoch­deut­sche und mittel­hoch­deut­sche Diminutiv huoni(n)clin für ein ‘kleines Hühnchen´ im Hessi­schen als Dialekt­wort zur Bezeich­nung eines ‘Huhns´ oder im Plural für eine ganze ‘Hühner­schar´ incl. dem Hahn gebräuch­lich ist, wird es als Wortar­ti­kel in das Hessen-Nassauische Wörter­buch aufge­nom­men, ebenso der Flurname Hinkel­stein, der seit dem 14. Jahrhun­dert in Hessen schrift­lich belegt ist, aller­dings unter dem etymo­lo­gisch zutref­fen­de­ren Stich­wort­an­satz Hünkel und Hünkel­stein.

Abb. 6 ALRH-Karte Nr. 80 Huhn aus dem REDE-SprachGIS. Belege für Hinkel sind mit schwarzem Punkt gekennzeichnet.

Im Dialekt haben sich nicht nur Begriffe bewahrt, die im Laufe der Sprach­ge­schich­te außer Gebrauch gekommen sind, sondern auch ältere lautliche oder gramma­ti­sche Formen. Die Dokumen­ti­on und Inter­pre­ta­ti­on sprach­li­cher Verhält­nis­se bringt nicht nur nähere Aufschlüs­se für die Sprach­ge­schich­te des Deutschen, sondern auch für histo­ri­sche Sachver­hal­te, die schrift­lich nicht fixiert worden sind. So ermög­li­chen die Flurnamen Eierträ­ger­weg und Hühner­trä­ger­weg die Rekon­struk­ti­on von Handels­we­gen von Hausie­rern, die in der Wetterau und im Vogels­berg Eier und Hühner aufge­kauft haben und in Rücken­tra­ge­kör­ben vom Land zum Verkauf auf die Märkte in den Städten transportierten.

Wenn der Dichter­fürst Johann Wolfgang von Goethe in seinem Faust Gretchen dekla­mie­ren lässt: „Ach neige, Du Schmer­zens­rei­che, Dein Antlitz gnädig meiner Not“, dann hatte Goethe bei diesem nicht ganz reinen Reim nicht etwa einen schlech­ten Tag beim Dichten, sondern hier dekla­miert aus Gretchens Mund der Frank­for­der Bub. Goethe war Dialekt­spre­cher, der zwar nach der Schrift schrieb, aber frank­fur­te­risch sprach und dachte – und da reimen sich eben problem­los und glatt auch in Gretchens Stoßgebet neiche und Schmer­zens­rei­che.

Worte dienten den Menschen nicht nur als Kommu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, für sie besaßen Worte auch magische Kräfte, mit denen heilsame und Unglück bringende Wirkungen erzielt werden konnten. Hinter der Ermahnung, etwas nicht zu berufen, steht die Vorstel­lung, dass ein Mensch allein durch das Ausspre­chen eines Wortes die damit bezeich­ne­te Sache auf sich ziehen kann. So wurde seit dem Mittel­al­ter die Lepra als anste­cken­de und unheil­ba­re Krankheit nicht beim Namen genannt, sondern man benutzte für sie andere, sie beschö­ni­gen­de oder verhül­len­de Begriffe. Eine Bezeich­nung für die Krankheit war Aussatz, nach den an Lepra erkrank­ten Menschen, die als Aussät­zi­ge bezeich­net wurden, da die Menschen, sobald die Krankheit attes­tiert war, aus der Gemein­schaft der Lebenden ausge­schlos­sen wurden. Nachdem sie in einem Gottes­dienst in der Kirche aufge­bahrt und wie Tote ausge­seg­net waren, sind die Kranken vor den Toren der Städte und Dörfer meist an einer größeren Landstra­ße ausge­setzt worden, wo sie lebten und sich von den vorbei­zie­hen­den Reisenden Almosen für ihren Lebens­un­ter­halt erbet­tel­ten. Etwas größere Städte errich­te­ten zu diesem Zweck Spitäler für die dauer­haf­te Unter­brin­gung dieser sogenann­ten Sonder­sie­chen. Diese lebenden Toten wurden in der Pfalz und in Hessen bereits im Mittel­al­ter auch als gute Leute bezeich­net, wohl deswegen, weil sie die Spender von Geld, Nahrungs­mit­tel oder Kleidung, die sie zu ihrem Lebens­un­ter­halt geschenkt bekamen, in ihre Gebete einschlos­sen und so zu deren Seelen­heil beitrugen.

In den Bereich der Wortmagie gehört auch das Dialekt­wort Gesan für einen wirkmäch­ti­gen ‘(Zauber-)Spruch)´ zur Behand­lung von Krank­hei­ten oder zum Schaden einer Person. In dem Wort Gesan hat sich im Bearbei­tungs­ge­biet des Hessen-Nassauischen Wörter­buchs im Dialekt eine Form der Wortbil­dung aus althoch­deut­scher Zeit erhalten, die im Laufe der Sprach­ge­schich­te außer Gebrauch gekommen ist. Im Althoch­deut­schen bestand bei den Verbfor­men zur Wortbil­dung die Möglich­keit Präfix ge- + Infinitiv zur Verfügung. In unserem Fall hat sich die ursprüng­li­che althoch­deut­sche Verbform gisagēn, gesagen, gisagan ‘sagen´, ‘verkün­di­gen´, ´erklären´ in substan­ti­vier­ter Form im Dialekt erhalten.

Geistes­ge­schicht­lich aufschluss­reich sind auch die vielfäl­ti­gen Benen­nun­gen von neuen Kultur­pflan­zen, die nach der Entde­ckung Amerikas in Europa einge­führt wurden wie die Kartoffel (Solanum tuberosum), die bis ins 18. Jahrhun­dert überwie­gend als Zierpflan­ze in den Gärten gepflanzt worden ist, da sie zu den Nacht­schat­ten­ge­wäch­sen zählt und in allen grünen Teilen (schwach) giftig ist. Erst spät ist sie auf den Äckern und Gärten als Nahrungs­mit­tel angebaut worden. Verbrei­te­te Bezeich­nun­gen sind Erdapfel, Erdbirne, Grumbeere ‘Grund­bir­ne´ und Kartoffel, eine Bezeich­nung, die erstmals in Deutsch­land 1742 in dieser Form belegt ist. Dieser Name geht auf italie­nisch tarato­pho­li, taratou­phi­li ‘Trüffel´ zurück, da der essbare Teil der Pflanze Ähnlich­keit mit Trüffeln hat und wie die Trüffel unter­ir­disch wächst.

In den Dialekt wurden auch zahlrei­che Begriffe aus anderen Sprachen übernom­men, deren fremd­spra­chi­ge Herkunft durch lautliche Verän­de­run­gen, Verball­hor­nun­gen sowie absicht­li­che oder unbeab­sich­tig­te Umdeu­tun­gen nicht mehr als Fremd­wör­ter erkennbar sind. Dazu gehören hebräi­sche und jiddische Wörter, die von der nicht­jü­di­schen Bevöl­ke­rung übernom­men worden sind und teilweise auch in abgeän­der­ter Bedeutung verwendet wurden. Insbe­son­de­re in den Siedlun­gen, in denen Juden lebten, und über Handwer­ker, Tagelöh­ner und Händler, die ein Wander­ge­wer­be betrieben, bildete sich seit dem Mittel­al­ter eine Verkehrs­spra­che, bei bestimm­ten Berufs­grup­pen wie Maurern oder Musikan­ten entwi­ckel­ten sich nicht nur fachspe­zi­fi­sche Berufs­spra­chen, sondern auch Geheim­spra­chen. Dazu zählt insbe­son­de­re das in krimi­nel­len Kreisen verbrei­te­te Rotwelsch, einer Mischung aus Mittel­hoch­deutsch und Hebräisch. Ein Teil dieses Wortschat­zes wird bis heute verwendet. Dazu gehören beispiels­wei­se Hals- und Beinbruch, dem hebräisch Chail we Baruch “Glück und Segen” zugrunde liegt, oder der Neujahrs­wunsch Einen guten Rutsch für einen guten Beginn des neuen Jahres. Rutsch geht auf hebräisch Rosch als Bezeich­nung für “Kopf” und “Anfang” zurück. Aber auch Begriffe aus früheren Modes­pra­chen sind in den Dialekt übernom­men worden und teilweise so überformt, dass sie als Fremd­wör­ter nicht mehr erkennbar sind. Eine Frau oder ein Mädchen als Dunsel zu bezeich­nen, ist nicht sehr schmei­chel­haft, da damit eher eine etwas ungeschick­te, nicht sonder­lich kluge weibliche Person bezeich­net wird. Dahinter verbirgt sich als Ursprung das franzö­si­sche Demoi­sel­le für “Fräulein” oder “Mädchen”. Das heute weitver­brei­te­te Tschüss als Abschieds­gruß ist ursprüng­lich im norddeut­schen Sprach­raum verbrei­tet gewesen. Dieser Gruß ist auch im Hessi­schen beispiels­wei­se in den Formen Adschess oder Adschee gebräuch­lich (gewesen). In diesen hessi­schen Formen lässt sich noch am ehesten das franzö­si­sche adieu “leben Sie wohl”, “bleib gesund”, eigent­lich als Segen wörtlich “Gott befohlen”, erkennen.

Bei der Bearbei­tung des dialek­ta­len Wortschat­zes geht es in einem Wortar­ti­kel nicht nur um die rein sprach­wis­sen­schaft­li­che Beschrei­bung eines Wortes in seiner Bedeutung und Verbrei­tung, sondern als Mittel der Kommu­ni­ka­ti­on in seinem Gebrauch auch um die Klärung geistes- und kultur­ge­schicht­li­cher Sachver­hal­te – was durchaus wie bei der Bergung von Schätzen zu einer spannen­den Spuren­su­che für Wörter­buch­be­ar­bei­ter und Wörter­buch­nut­zer werden kann.

Literatur

Duden, Konrad: Vollstän­di­ges Ortho­gra­phi­sches Wörter­buch der deutschen Sprache. Nach den neuen preußi­schen und bayeri­schen Regeln. Leipzig 1880. Faksimile der Origi­nal­aus­ga­be Mannheim 1980.

Hessen-Nassauisches Volks­wör­ter­buch im Auftrag und mit Unter­stüt­zung der Preußi­schen Akademie der Wissen­schaf­ten zu Berlin, des Hessi­schen Bezirks­ver­ban­des zu Kassel und des Nassaui­schen Bezirks­ver­ban­des zu Wiesbaden aus den für ein Hessen-Nassauisches Wörter­buch mit Hilfe aller Volks­krei­se und besonders der Lehrer­schaft der preußi­schen Provinz Hessen-Nassau einschließ­lich Waldecks und des früheren rheini­schen Kreises Wetzlar, der hessi­schen Provinz Oberhes­sen und des westfä­li­schen Kreises Wittgen­stein von Ferdinand Wrede † angeleg­ten und verwal­te­ten Sammlun­gen ausge­wählt und bearbei­tet von Luise Berthold. II. Band: L‑R. Mit 83 Abbil­dun­gen, darunter 54 Karten. Marburg (Lahn) 1943.

Hessen-Nassauisches Volks­wör­ter­buch unter Förderung durch den Hessi­schen Kultus­mi­nis­ter aus den für ein Hessen-Nassauisches Wörter­buch mit Hilfe aller Volks­krei­se und besonders der Lehrer­schaft unseres Arbeits­be­rei­ches von Ferdinand Wrede † angeleg­ten und verwal­te­ten Sammlun­gen ausge­wählt und bearbei­tet von Luise Berthold. III. Band: S. Mit einer Grund­kar­te und 33 Abbil­dun­gen, darunter 23 Karten. Marburg (Lahn) 1967.

Hessen-Nassauisches Volks­wör­ter­buch unter Förderung durch das Hessische Minis­te­ri­um für Wissen­schaft und Kunst aus den für ein Hessen-Nassauisches Wörter­buch mit Hilfe aller Volks­krei­se und besonders der Lehrer­schaft unseres Arbeits­be­rei­ches von Ferdinand Wrede † angeleg­ten und verwal­te­ten Sammlun­gen begonnen von Luise Berthold † fortge­setzt von Hans Frieberts­häu­ser † und Heinrich J. Dingeld­ein. IV. Band: T‑Z. Mit einer Grund­kar­te und 52 Abbil­dun­gen, darunter 31 Sprach­kar­ten. Marburg (Lahn) 2015.

Südhes­si­sches Flurna­men­buch. Hrsg. Von Hans Ramge. Bearb. von Jörg Riecke, Herbert Schmidt und Gerd Richter. Darmstadt 2002. (Arbeiten der Hessi­schen Histo­ri­schen Kommis­si­on NF 23).

Viels­mei­er, Bernd: Die Pfade der Eierträ­ger und Stier­buck­ler. Zur Rekon­struk­ti­on von Trans­port­we­gen wandern­der Händler und Hausierer anhand bayeri­scher und hessi­scher Flurnamen. In: Geogra­phi­sche Namen in ihrer Bedeutung für die landes­kund­li­che Forschung und Darstel­lung. Referate des 8. Arbeits­tref­fens des Arbeits­krei­ses Landes­kund­li­che Institute und Forschungs­stel­len in der Deutschen Akademie für Landes­kun­de, Trier, 21. – 23. Mai 1998. Hrsg. von Heinz Peter Brogiato. Trier 1999. (DL – Berichte und Dokumen­ta­tio­nen 2). S. 145–153.

Viels­mei­er, Bernd: Flurnamen der südlichen Wetterau. Darmstadt und Marburg 1995. (Quellen und Forschun­gen zur hessi­schen Geschich­te 101).

Werth, Alexander, Bernd Viels­mei­er, Stefan Aumann: Hessen-Nassauisches Wörter­buch (HNWb). In: Germa­nis­ti­sche Dialekt­le­xi­ko­gra­fie zu Beginn des 21. Jahrhun­derts. Hrsg. von Alexandra N. Lenz und Philipp Stöckle. Stuttgart 2021. (Zeitschrift für Dialek­to­lo­gie und Lingu­is­tik, Beiheft 181). S. 201–221.

Diesen Beitrag zitieren als: 

Viels­mei­er, Bernd. 2022. Das Hessen-Nassauische Wörter­buch. Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 2(1). https://doi.org/10.57712/2022–01.

Bernd Vielsmeier
Dr. Bernd Vielsmeier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Hessen-Nassauischen Wörterbuch am Deutschen Sprachatlas. Studium der Germanistik mit Schwerpunkt Sprachwissenschaft, evangelischer Theologie und Geschichte an den Universitäten Münster, Gießen und Marburg. Promotion über die Flurnamen der südlichen Wetterau im Jahr 1995.