In den Ursprüngen der menschlichen Kommunikation

Die Intona­ti­ons­mus­ter von hm, und ne sind echte sprach­li­che Univer­sa­li­en – und mögli­cher­wei­se auch lingu­is­ti­sche Fossilien. Verwenden Sprecher:innen des Chine­si­schen, Arabi­schen, Korea­ni­schen und Ghomálá’, einer mittel­afri­ka­ni­schen Sprache, auf Partikeln und Inter­jek­tio­nen (wie hm, und ne) dieselben Intona­ti­ons­mus­ter wie Deutschsprecher:innen? Ist das auch in den besonders hetero­ge­nen Dialekten und Sprech­la­gen so?

In meinem Disser­ta­ti­ons­pro­jekt wurde das in einer groß angeleg­ten verglei­chen­den Studie mit Hilfe von Machine-Learning-Techniken überprüft. Dabei wurde zur phone­ti­schen Messung und Klassi­fi­ka­ti­on ein solcher Machine-Learning-Algorithmus verwendet, wie er im Prinzip auch bei Google, Apple und Co. verwendet wird. Es zeigte sich, dass vier Klassen von Intona­ti­ons­mus­tern nicht nur im Nord-Süd- und West-Ost-Vergleich deutscher Regio­nal­spra­chen völlig unabhän­gig von Alter, Dialekt­kom­pe­tenz und ‑perform­anz stabil, sondern auch in Stich­pro­ben über den sprach­li­chen Globus phono­lo­gisch, also formal wie funktio­nal, immer gleich sind. Es handelt sich bei den Intona­ti­ons­mus­tern um echte sprach­li­che Univer­sa­li­en, die deshalb aus sprach-evolutionärer Perspek­ti­ve schon sehr alt, also sogenann­te lingu­is­ti­sche Fossilien, sein müssen.

Sprachenunterscheidende Prosodie vs. prosodische Universalien

Die Prosodie als die Gesamt­heit stimm­li­cher Eigen­schaf­ten wie Tonhöhe, Dauer und Lautstär­ke ist das als erstes und von der Geburt an genutzte Merkmals­bün­del mensch­li­cher wie tieri­scher Kommu­ni­ka­ti­on. Durch sie lassen sich typolo­gi­sche Unter­schie­de ausmachen, also Sprachen und ganze Sprach­fa­mi­li­en unter­schei­den. So lassen sich beispiels­wei­se Tonspra­chen wie Mandarin, Japanisch, Korea­nisch und etliche afrika­ni­sche Sprachen mit Bedeu­tun­gen auf jeder Silbe je nach Tonhö­hen­ver­lauf von Intona­ti­ons­spra­chen wie dem Deutschen und Engli­schen trennen, bei denen Tonhöhe, Dauer und Lautstär­ke eher kommu­ni­ka­ti­ons­or­ga­ni­sa­to­ri­sche, aufmerksamkeits-steuernde und emotio­na­le Aufgaben erfüllen. Zusätz­lich wird der Prosodie und vor allem der Intona­ti­on (Sprech­me­lo­die) als Teil davon etwa im Vergleich von Dialekten und Regio­lek­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum eine hohe Veror­tungs­kraft zugespro­chen: Dialektsprecher:innen „singen“ oder haben einen eigen­tüm­li­chen „Singsang“. Hierdurch lassen sich nicht nur Kölner:innen anhand ihrer Sprech­me­lo­die ins Rheinland einordnen, sondern auch von Freiburger:innen, Hamburger:innen oder Berliner:innen unter­schei­den. Regio­nal­sprach­li­che Unter­schie­de in der Prosodie lassen sich nicht nur mittels solcher subjek­ti­ven Empfin­dun­gen, sondern auch durch objektive lingu­is­ti­sche Studien nachweisen.

Solchen Varia­ti­ons­phä­no­me­nen stehen dann aber gleich­zei­tig ganze Sprach­fa­mi­li­en übergrei­fen­de varia­ti­ons­freie, also univer­sel­le Phänomene der Intona­ti­on gegenüber. In einer sprachen­ver­glei­chen­den Studie wurde gezeigt, dass vier Klassen von Intona­ti­ons­mus­tern (Tonhöhe, Dauer, Lautstär­ke) auf Diskurs­par­ti­keln, Inter­jek­tio­nen und Ein-Wort-Äußerungen in fünf verschie­de­nen Sprach­fa­mi­li­en genau gleich sind, und zwar neben dem standard­na­hen Deutschen in Arabisch, Mandarin, Korea­nisch und Ghomálá‘, einer mittelfafri­ka­ni­schen Sprache, die in Kamerun gespro­chen wird (vgl. Pistor 2017).

Es handelt sich dabei um eine Klasse von Reakti­ons­si­gna­len (REAKT, etwa oder ne), Signalen zur Rederechts­si­che­rung (TURN, etwa hmmm oder äääh), zum Quittie­ren oder Beenden einer voran­ge­gan­ge­nen Äußerung (QUIT, etwa hm oder so) und zur positiven Bewertung (POS, etwa hmmm oder aaah). Eine solche Beobach­tung ist keines­wegs trivial: Erwar­tungs­ge­mäß wurden in der Studie zwar in allen Sprachen auch solche Intona­ti­ons­mus­ter gefunden, die Bestä­ti­gung und Ablehnung (im Sinne von ja und nein) ausdrü­cken – der Vergleich der Verläufe fällt dann aber unter den verschie­de­nen Sprachen maximal unter­schied­lich aus. So steht etwa der deutschen proto­ty­pi­schen, zweiglied­rig fallend-steigenden ja-Kontur (hm-hm) eine einglied­rig fallende Kontur im Mandarin gegenüber (hm). Beinahe banale, kurze Äußerun­gen wie ja und nein, die Menschen weltweit täglich häufig nutzen, gehen also noch lange nicht mit Univer­sa­li­tät in Form und Funktion einher. Abseits der Häufig­keit scheinen es vielmehr die Funktio­nen der augen-scheinlich univer­sel­len Intona­ti­ons­mus­ter zu sein, die eine globale Gleich­heit bedingen.

Bei den univer­sel­len Klassen handelt es sich um sogenann­te regula­ti­ve Intona­ti­ons­mus­ter (vgl. Chafe 1994). Sie erstre­cken sich in der Regel auf ein bis drei Silben und tauchen auf kurzen, teilweise floskel­haf­ten Äußerun­gen, im Deutschen etwa auf hm, , ne, gell, weischt, das heißt, genau, ach so oder freilich auf. Regula­ti­ve Intona­ti­ons­mus­ter heißen so, weil sie direkten Einfluss auf die soziale Inter­ak­ti­on zwischen Kommu­ni­zie­ren­den haben. Sie haben kommunikations-organisatorische („ich bin dran“, „du bist dran“, „das habe ich nicht verstan­den“, „mach was“ oder „hör auf“) und kognitiv-emotionale („das finde ich gut / schlecht“, „das habe ich verstan­den“) Grund­funk­tio­nen – sie befinden sich damit an der elemen­ta­ren Basis sozialer Interaktion.

Rekapi­tu­lie­ren wir diesen Abschnitt: Kann es sein, dass bei aller Variation und Unter­schei­dungs­kraft der Intona­ti­on einige wenige Einheiten überall gleich sind? Benutzen Sprecher:innen verschie­de­ner deutscher Regio­nal­spra­chen dann dieselben regula­ti­ven Intona­ti­ons­mus­ter, wie Sprecher:innen des Mandarin, des Arabi­schen, des Korea­ni­schen und von Ghomálá’? Gilt das auch in den „tiefsten“ deutschen Dialekten? Über diese Art Intona­ti­ons­mus­ter in deutschen Regio­nal­spra­chen ist bisher kaum etwas bekannt, da solche Äußerungs­ein­hei­ten in Unter-suchungen zur regio­nal­sprach­li­chen Prosodie in der Regel ausge­klam­mert und so bislang nicht unter­sucht wurden.

peat: Forschung mittels Machine-Learning-Algorithmus

Um dieser Frage­stel­lung nachzu­ge­hen, wurde ein innova­ti­ves, automa­ti­sier­tes Verfahren mittels Lernal­go­rith­mus angewen­det. In Zusam­men­ar­beit mit Carsten Keil war ich dazu an der Entwick­lung einer eigenen Toolbox beteiligt, die den Namen peat trägt. peat, als eine Erwei­te­rung des von Keil (2017) entwi­ckel­ten und program­mier­ten Vokal­Jä­gers, ist eine algorith­mus­ba­sier­te Prozess­ket­te zur automa­ti­sier­ten Messung und Klassi­fi­ka­ti­on proso­discher Merkmale in Sprach­si­gna­len mit Hilfe von Machine-Learning-Techniken – ähnlich der Sprach­er­ken­nungs­soft­ware von Apple oder Google.

Der Algorith­mus „läuft“ nun über einen Datensatz, in diesem Fall Sprach­auf­nah­men. Er zerlegt dabei schritt­wei­se die zu unter­su­chen­den sprach­li­chen Signale in ihre relevan­ten Merkmale und stellt sie parame­tri­siert als Koeffi­zi­en­ten dar. Über die Ausprä­gun­gen dieser Koeffi­zi­en­ten lassen sich dann wiederum die Intona­ti­ons­ver­läu­fe der unter­such­ten Signale modellieren:


Abb. 1: Vier Klassen univer­sel­ler Intona­ti­ons­mus­ter, v.l.n.r. POS, QUIT, REAKT und TURN. Die Zahl oberhalb der Verläufe zeigt jeweils die durch­schnitt­li­che Dauer.

Trainiert mit diesen parame­tri­sier­ten Daten ist der Algorith­mus dann auf die Wieder­erken­nung proto­ty­pi­scher Intona­ti­ons­mus­ter im Sprach­si­gnal program­miert, und zwar anhand deren spezi­fi­scher phone­ti­scher Merkmale: Wie lang ist das Intona­ti­ons­mus­ter in einem bestimm­ten Intervall, steigt es, fällt es, gibt es einen Gipfel oder ein Tal? Dieses Verfahren nennt sich Binär­klas­si­fi­ka­ti­on und bildet letztlich die Brücke zwischen Phonetik/Phonologie und Machine-Learning. Ein solches Verfahren bietet eine Maximie­rung der Objek­ti­vi­tät bei der Messung und Klassi­fi­ka­ti­on der Intona­ti­ons­mus­ter, die es zu unter­su­chen gilt: Die Maschine misst nur das, was sich in Tests als relevant heraus­ge­stellt hat und nimmt dabei keine händi­schen Modifi­zie­run­gen der Messwerk­zeu­ge vor.

Ziel: Koreanische Intonationsmuster in deutschen Regionalsprachen?

Ziel war es nun, mit dem Mess- und Klassi­fi­ka­ti­ons­al­go­rith­mus peat eine Probe aufs Exempel durch­zu­füh­ren: Wenn es sich bei den regula­ti­ven Intona­ti­ons­mus­tern der Funkti­ons­klas­sen REAKT, TURN, QUIT und POS tatsäch­lich um echte Univer­sa­li­en handelt, dann müssen sie auch trotz aller proso­discher Verschie­den­heit in unter­schied­li­chen Regio­nal­spra­chen, und darin in den Dialekten und allen Sprech­la­gen zwischen tiefstem Dialekt und Standard, vorkommen. Und zwar so, wie sie zuvor in den fünf verschie­de­nen Sprach­fa­mi­li­en nachge­wie­sen wurden.

Das wurde in Unter­su­chungs­or­ten aus vier verschie­de­nen Regio­nal­spra­chen des Deutschen überprüft. Die Orte aus den Regio­nal­spra­chen sind Ohlsbach im Nieder­ale­man­ni­schen, Dresden im Obersäch­si­schen, Bergisch-Gladbach im Ripua­ri­schen und Oldenburg im Nordnie­der­deut­schen. In diesen Orten wurden freie Gespräche, sogenann­te Freun­des­ge­sprä­che aus den Erhebun­gen des REDE-Projekts unter­sucht. Ohlsbach und Dresden sind dabei die zwei ausführ­li­chen Unter­su­chungs­or­te mit Sprecher:innen aus allen drei im Projekt befragten Genera­tio­nen, da zum einen etwa aus dem Forschungs­pro­jekt „Dialekt­in­to­na­ti­on“ (vgl. Peters et al. 2015) hervor­geht, dass die Intona­ti­on des Nieder­ale­man­ni­schen als vom restli­chen deutsch­spra­chi­gen Raum besonders abwei­chend gekenn­zeich­net ist und zum anderen, dass sich die größten intona­to­ri­schen Unter­schie­de zwischen dem Südwesten und dem Nordosten der BRD, hier also den Regionen Nieder­ale­man­nisch und Obersäch­sisch finden lassen. Auch in den übrigen Orten gelten proso­dische Beson­der­hei­ten, wie etwa die Tonak­zen­te als dialekt­geo­gra­phi­sches Allein-stellungsmerkmal des Mittel­frän­ki­schen, zu dem Bergisch-Gladbach gezählt wird (vgl. u. a. Schmidt 1986), oder der sogenann­te Schleif­ton im Nordnie­der­deut­schen (vgl. u. a. Höder 2014). Des Weiteren gehen einige frühe Auffas­sun­gen von einer sogenann­ten Umlegung der Melodien aus (Sievers 1901), die vom Prinzip an die zweite Lautver­schie­bung erinnert und den deutschen Sprach­raum in den Norden und den Süden einteilt, wobei der eine Großraum im Vergleich zum anderen ein, wie es Peter Gilles formu­liert, konträres General­sys­tem der Intona­ti­on zeige (vgl. Gilles 2005: 25–26). Verein­facht heißt das, dass dort, wo Intona­ti­ons­mus­ter des einen Gebiets im Verlauf fallend erschei­nen, sie im anderen Gebiet steigen.

Dass die Muster regional vonein­an­der abweichen und grund­le­gend andere sind, als sie etwa im Mandarin auftau­chen, wäre durchaus erwartbar, ruft man sich die oben bespro­che­nen proso­dischen Unter­schie­de von Sprachen ins Gedächt­nis. Gerade hier den Nachweis für univer­sel­le Struk­tu­ren zu erbringen, denen unter­ein­an­der jegliche phono­lo­gi­sche Variation fehlt und dazu dieselben Muster sind, wie sie über den Globus auftau­chen, erwiese sich nicht nur als lohnens­wert, sondern bedürfte einer sprache­vo­lu­tio­nä­ren Erklärung.

Ergebnisse

Mit dem Machine-Learning-Algorithmus peat konnte nun anhand von insgesamt 1.264 gemes­se­nen Einzel­be­le­gen bewiesen werden, dass die gesuchten Intona­ti­ons­mus­ter der Funkti­ons­klas­sen REAKT, TURN, QUIT und POS mit ihren proto­ty­pi­schen Formen bei allen unter­such­ten Sprechern völlig unabhän­gig von Herkunft, Alter und dialek­ta­ler Variation (Dialekt oder Sprech­la­gen zwischen Dialekt und Standard) existie­ren. Die hier unter­such­ten regula­ti­ven Intona­ti­ons­mus­ter gehören somit gleicher­ma­ßen zum intona­to­ri­schen Inventar des Nieder­ale­man­ni­schen, des Obersäch­si­schen, des Ripua­ri­schen sowie des Nordnie­der­deut­schen. Es handelt sich außerdem formal wie funktio­nal um dieselben Intona­ti­ons­mus­ter, die im Mandarin, Arabi­schen, Korea­ni­schen und in Ghomálá’ gefunden wurden. Dieses Haupt­er­geb­nis lässt sich am besten plakativ über die Model­lie­rung der 1.264 gemes­se­nen (hiervon 900 aus der sprach­fa­mi­li­en­über­grei­fen­den Referenz, zusam­men­ge­fasst in den Daten­sät­zen P1­–P3, und 364 aus den Regio­nal­spra­chen, jeweils in den Daten­sät­zen P4–P7) Intona­ti­ons­mus­ter zeigen:


Abb. 2: Univer­sel­le Intona­ti­ons­mus­ter in von oben nach unten fünf verschie­de­nen Sprach­fa­mi­li­en (P1–P3) und vier verschie­de­nen deutschen Regio­nal­spra­chen (P4–P7)

Diese hier model­lier­ten und nach den Funkti­ons­klas­sen klassi­fi­zier­ten Intona­ti­ons­mus­ter aller Daten­sät­ze, mit oben der gesuchten Referenz aus den fünf verschie­de­nen Sprach­fa­mi­li­en und unten den Ergeb­nis­sen aus den deutschen Regio­nal­spra­chen, dienen als Beweis für die Existenz der gesuchten Intona­ti­ons­mus­ter in allen unter­such­ten Daten­sät­zen. Der Algorith­mus zeigt außerdem, dass messbare Diffe­ren­zen unter den Mustern nur in geringem Maße vorliegen und dabei keinerlei Syste­ma­tik unter­lie­gen. Diese geringen Unter­schie­de sind daher nur indivi­du­ell durch die einzelnen Sprecher:innen bedingt.

Natürlich stellt sich nach dem Beweis der Existenz der univer­sel­len Intona­ti­ons­mus­ter die Frage: Wie nah sind die gemes­se­nen Muster an den Ursprungs­da­ten und auch: Wie gleich sind die Muster unter­ein­an­der? Der Kappawert nach Cohen (1960) bietet hier ein heuris­ti­sches Gütemaß des Klassi­fi­ka­ti­ons­pro­zes­ses. Dieser Wert gibt an, wie nah sich die unter­such­ten Muster unter­ein­an­der und zu den Referenz­da­ten sind. Ein Wert von k = 1 entspricht dabei einer 100-prozentigen Überein­stim­mung zwischen einer Messprobe und der Referenz.


Abb. 3: Nähe der Intona­ti­ons­mus­ter aus den Regio­nal­spra­chen zur Referenz und unter­ein­an­der, darge­stellt durch Kappawerte

Der Gesamt­ab­gleich zeigt entspre­chend einen sehr hohen Durch­schnitts­wert von k = 0,86 und geht damit ganz klar gegen eins. Die hohen durch­schnitt­li­chen Kappa­wer­te der Klassi­fi­ka­ti­ons­ex­pe­ri­men­te in den einzelnen Orten beweisen nicht nur statis­tisch die Existenz der Intona­ti­ons­mus­ter in ihrer proto­ty­pi­schen Form in allen unter­such­ten Orten, sondern auch, dass sie in allen Regionen sehr nah an den Mustern der Referenz und auch unter­ein­an­der phono­lo­gisch gleich sind. 

Was dieses Ergebnis außerdem zeigt, ist, dass hier weder der intona­to­ri­sche Kontrast zwischen dem Nieder­ale­man­ni­schen und dem Obersäch­si­schen, noch die Nord-Süd-Hypothese zur Umlegung der Melodien oder auch die in der Forschungs­li­te­ra­tur heraus­ge­stell­ten proso­dischen Beson­der­hei­ten in den unter­such­ten Regionen bei diesen regula­ti­ven Intona­ti­ons­mus­tern eine Rolle spielen.

Was haben wir und vor allem: Warum ist das so?

Die eingangs gestellte Frage, ob nun Sprecher:innen verschie­de­ner deutscher Regio­nal­spra­chen bei kurzen Äußerun­gen dieselben Intona­ti­ons­mus­ter, wie Sprecher:innen des Mandarin, des Arabi­schen, des Korea­ni­schen und von Ghomálá’ benutzen, ist ganz klar mit ja zu beant­wor­ten. Die Überein­stim­mungs­gra­de der Intona­ti­ons­mus­ter lassen sich formal mit dem hier angewen­de­ten Machine-Learning-Algorithmus peat exakt berechnen, katego­ri­sie­ren und funktio­nal mit den Ergeb­nis­sen lingu­is­ti­scher Analysen zusammenführen.

Regula­ti­ve Intona­ti­ons­mus­ter von beispiels­wei­se hm, und ne sind also echte sprach­li­che Univer­sa­li­en. Das wirft die Frage auf: Warum ist das so? Wie können wir das erklären? Nun, ein Ansatz ist der Folgende: Die varietäten- und sprach­fa­mi­li­en­über­grei­fen­de Existenz datiert das Alter der unter­such­ten Phänomene auf ein in der Sprach­ent­wick­lungs­ge­schich­te poten­zi­ell weit zurück­lie­gen­des. Nimmt man eine inkre­men­tel­le, also step-by-step-Entwicklung der mensch­li­chen Sprache an, sind in meiner Hypothese die univer­sel­len regula­ti­ven Intona­ti­ons­mus­ter als poten­zi­el­le Elemente einer sogenann­ten Proto­spra­che, also einem gemein­sa­men Ursprung sämtli­cher Sprachen zu kennzeich­nen. Träfe das zu, handelte es sich bei den Intona­ti­ons­mus­tern um Relikte frühester Stadien der Sprache­vo­lu­ti­on. Da die Muster bewie­se­ner­ma­ßen heute noch überall zu finden sind, spricht man in solchen Fällen angelehnt an archäo­lo­gi­sche Funde von lebenden lingu­is­ti­schen Fossilien (Bickerton 1990).

Hierfür sprechen mehrere Aspekte. Der erste ist: Die Äußerun­gen sind primär sozial motiviert. Univer­sel­le Kommu­ni­ka­ti­ons­steue­run­gen und Bewer­tun­gen sind basale sprach­li­che Ausprä­gun­gen sozio­ko­gni­ti­ver Fertig­kei­ten und dienen primär der Erzeugung und Beibe­hal­tung gemein­sa­mer Aufmerk­sam­keit und Aktivität sowie dem Teilen sozio­dy­na­misch relevan­ter Infor­ma­tio­nen (vgl. Fitch / Huber / Bugnyar 2010). Wie der Psycho­lo­ge Michael Tomasello (2009) überzeu­gend darlegt, sind nonver­ba­le Zeige­ges­ten, die genauso bei anderen Spezies beobach­tet wurden, ebenso vorsprach­li­che Elemente. Es scheint daher plausibel, dass das Ganze in der frühesten Entwick­lung mögli­cher­wei­se parallel zu Gesten läuft. Der zweite ist: Die den Einheiten ganz basal zugrun­de­lie­gen­den Mecha­nis­men der Sprach- und Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit wurden in verglei­chen­den Studien auch bei anderen Spezies als dem Menschen gefunden. Solche Funde werden modell­haft in Kompo­nen­ten der Sprach­fä­hig­keit im breiteren Sinne (Faculty of Language Broad Sense, vgl. Hauser / Chomsky / Fitch 2002) einge­ord­net. Die in diesem Bereich enthal­te­nen Fähig­kei­ten teilen wir uns vermut­lich seit sehr langer Zeit mit einigen Tieren wie bestimm­ten Affen­ar­ten oder Singvögeln.

Als letzter (aber wichtiger) Punkt gilt, dass die Prosodie gespro­che­ner Sprache nicht nur in einem solchen Szenario poten­zi­ell phylo­ge­ne­tisch, also in der stammes­ge­schicht­li­chen Entwick­lung aller Menschen, sondern bewie­se­ner­ma­ßen auch ontoge­ne­tisch, also in der indivi­du­el­len Entwick­lung einzelner Indivi­du­en an erster Stelle kommt. Sie dient Säuglin­gen dem Einteilen des Sprech­flus­ses sowie dem Organi­sie­ren und Abspei­chern sprach­li­cher Infor­ma­tio­nen in der sozialen Eltern-Kind-Interaktion. Neuge­bo­re­ne haben direkt nach der Geburt grund­le­gen­de proso­dische Fähig­kei­ten. Die Forscher:innen für vorsprach­li­che Entwick­lung Kathleen Wermke und Werner Mende (2009 und 2011) haben gezeigt, dass Neuge­bo­re­ne in der Wahrneh­mung steigende und fallende Intona­ti­ons­kon­tu­ren unter­schei­den, feste Intona­ti­ons­kon­tu­ren in ihrem Register variieren können und über ein respon­si­ves Inventar verfügen, um die Eltern-Kind-Interaktion direkt nach der Geburt herzu­stel­len und aufrecht­zu­er­hal­ten. In diesem respon­si­ven Inventar finden sich kurze Äußerun­gen mit je ganzheit­li­chen Intona­ti­ons­kon­tu­ren, die sich nach Wermke und Mende (2011) genau vier Formklas­sen zuordnen lassen. Das ist nicht nur dieselbe Anzahl an Klassen wie bei den Univer­sa­li­en – die Intona­ti­ons­mus­ter weisen dazu im Vergleich auch stark ähnliche Verläufe auf.

Unter all diesen Aspekten lässt sich auch die zu Anfang gezeigte Gleich­zei­tig­keit von Variation und Univer­sa­li­tät proso­discher Phänomene in ein und demselben Sprach­sys­tem erklären: Univer­sa­li­en der Intona­ti­on und einzelne Silben, die maximal gering­fü­gi­ge reali­sa­tio­nel­le Variation zulassen, entwi­ckel­ten sich phylo­ge­ne­tisch und entwi­ckeln sich ontoge­ne­tisch wesent­lich früher als dieje­ni­gen Äußerun­gen, die eine syste­mi­sche Variation zulassen, die dann zu den zu Anfang darge­stell­ten sprach­li­chen und dialek­ta­len Unter­schie­den in der Prosodie führen. So bleibt zu wieder­ho­len: Es handelt sich bei den regula­ti­ven Intona­ti­ons­mus­tern um echte sprach­li­che Univer­sa­li­en. Ihr Status als lebende lingu­is­ti­sche Fossilien gewährt zudem einen tiefge­hen­den Einblick in die evolu­tio­nä­re Entwick­lung der mensch­li­chen Kommunikation.

Dank

Ich danke Angie Hoffmeis­ter für das Design des Titel­bilds. Weiterer Dank gilt Jürgen Erich Schmidt, Ann-Kristin Miehe-Brühl, Felix Seltner, Sina Knoll und Tom Nestler für wertvolle Kommen­ta­re zum Text.

Literatur

  • Bickerton, Derek (1990): Language & Species. Chicago: Univer­si­ty of Chicago Press.
  • Chafe, Wallace (1994): Discourse, Conscious­ness, and Time. The Flow and Displa­ce­ment of Conscious Experi­ence in Speaking and Writing. Chicago / London: Chicago Univer­si­ty Press.
  • Cohen, Jacob (1960): A coeffi­ci­ent of agreement for nominal scales. In: Educa­tio­nal and Psycho­lo­gi­cal Measu­re­ment 20 (1), 37–46.
  • Fitch, W. Tecumseh / Ludwig Huber / Thomas Bugnyar (2010): Social Cognition and the Evolution of Language: Construc­ting Cognitive Phylo­ge­nies. In: Neuron 65, 795–814, DOI: 10.1016/j.neuron.2010.03.011.
  • Gilles, Peter (2005): Regionale Prosodie im Deutschen. Zur Varia­bi­li­tät in der Intona­ti­on von Abschluss und Weiter­wei­sung. Berlin / New York: de Gruyter (Lingu­is­tik – Impulse und Tendenzen. 6).
  • Hauser, Marc D. / Noam Chomsky / W. Tecumseh Fitch (2002): The Faculty of Language: What Is It, Who Has It, and How Did It Evolve? Washing­ton: American Associa­ti­on for the Advan­ce­ment of Science (Science. 298), 1569–1579.
  • Höder, Steffen (2014): Low German: A profile of a word language.  In: Reina, Javier Caro / Renata Szcze­pa­ni­ak (Hg.): Syllable and word languages. Berlin / New York: de Gruyter (Linguae & litterae. 40), 305–326.
  • Keil, Carsten (2017): Der Vokal­Jä­ger. Eine phonetisch-algorithmische Methode zur Vokal­un­ter­su­chung. Exempla­risch angewen­det auf histo­ri­sche Tondo­ku­men­te der Frank­fur­ter Stadt­mund­art. Hildes­heim: Olms (Deutsche Dialekt­geo­gra­phie. 122).
  • Peters, Jörg / Peter Auer / Peter Gilles / Margret Selting (2015): Unter­su­chun­gen zur Struktur und Funktion regio­nal­spe­zi­fi­scher Intona­ti­ons­ver­läu­fe im Deutschen. In: Kehrein, Roland / Alfred Lameli / Stefan Rabanus (Hg.): Regionale Variation des Deutschen. Projekte und Perspek­ti­ven. Berlin / Boston: de Gruyter Mouton, 53–80.
  • Pistor, Tillmann (2017): Proso­dische Univer­sa­li­en bei Diskurs­par­ti­keln. In: Zeitschrift für Dialek­to­lo­gie und Lingu­is­tik 84 (1). Stuttgart: Steiner, 46–76.
  • Schmidt, Jürgen Erich (1986): Die mittel­frän­ki­schen Tonak­zen­te. Stuttgart: Steiner (Mainzer Studien zur Sprach- und Volks­for­schung. 8).
  • Sievers, Eduard (1901): Grundzüge der Phonetik. Zur Einfüh­rung in das Studium der Lautlehre der indoger­ma­ni­schen Sprachen. Leipzig: Breitkopf & Härtel.
  • Tomasello, Michael (2009): Die Ursprünge der mensch­li­chen Kommu­ni­ka­ti­on. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Wermke, Kathleen / Werner Mende (2009): Musical elements in human infants’ cries: In the beginning is the melody. In: Musicae Scientiae 2009. 13, 151–175. DOI: 10.1177/ 1029864909013002081.
  • Wermke, Kathleen / Werner Mende (2011): From Emotion to Notion: The Impor­t­ance of Melody. In: Decety, Jean / John T. Cacioppo (Hg.): The Oxford Handbook of Social Neuro­sci­ence. Oxford: Oxford Univer­si­ty Press, 624–648.

Diesen Beitrag zitieren als:

Pistor, Tillmann. 2021. In den Ursprün­gen der mensch­li­chen Kommu­ni­ka­ti­on. Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 1(6).
https://www.sprachspuren.de/fossilien/

Tillmann Pistor
Dr. des. Tillmann Pistor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt Regionalsprache.de und widmet sich in der Arbeitsgruppe Empirie der regionalsprachlichen Prosodie. Seine Interessensgebiete sind neben der Prosodie und der Variationslinguistik allgemeine Phonetik und Phonologie sowie Diskurs- und Handlungspragmatik.