Vom Tonband zur Sprachkarte: Der Digitale Niederdeutsch-Atlas für Mecklenburg-Vorpommern (DiNA-MV) 

Die Mitte des 20. Jahrhun­derts stellt für die Dialekt­for­schung einen wichtigen metho­di­schen Einschnitt dar: Die Tontechnik war nun so weit entwi­ckelt, dass Sprach­auf­nah­men von Dialekt­spre­che­rin­nen und Dialekt­spre­chern in größerem Umfang angefer­tigt werden konnten. Dialekte ließen sich damit nicht mehr nur über schrift­li­che Dokumen­ta­tio­nen erfassen, sondern auch in ihrem Klangbild aufnehmen.

Korpus „Deutsche Mundarten: DDR“

In der BRD entstand in diesem Zusam­men­hang das Korpus „Deutsche Mundarten“ von Eberhard Zwirner (vgl. Zwirner 1962). Parallel dazu wurde in der DDR zwischen 1960 und 1964 ein vergleich­ba­res Erhebungs­werk der Akademie der Wissenschaft der DDR durch­ge­führt, umgesetzt durch die Wörter­buch­stel­len in Greifs­wald, Rostock, Potsdam, Leipzig und Jena: das Korpus „Deutsche Mundarten: DDR“. Für das Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns entstand dabei ein umfang­rei­cher Bestand niederdeutscher Sprach­auf­nah­men. Die Erhebung beruhte auf einem engma­schi­gen Ortsnetz. Befragt wurden Spreche­rin­nen und Sprecher dreier Genera­tio­nen, die möglichst ortsfest waren und in der Regel manuellen Berufen aus Landwirt­schaft und Handwerk nachgin­gen (vgl. Abb. 1). Im Mittel­punkt standen die lokalen Ortsmund­ar­ten. Kein anderes Korpus dokumen­tiert den dialek­ta­len Sprach­ge­brauch des 20. Jahrhun­derts in gleicher Ortsdich­te und sozialer sowie situa­ti­ver Diffe­ren­zie­rung (vgl. Ehlers 2022).

Abbildung 1: Jürgen Gundlach (links) im Interview mit einer Gewährs­per­son (Archi­va­lie aus dem Wossidlo-Archiv, Univer­si­täts­bi­blio­thek Rostock)

Für die Aufnahmen wurde ein mehrtei­li­ges Erhebungs­set­ting entwi­ckelt: Zunächst wurden hochdeut­sche Vergleichs­tex­te in den Dialekt übersetzt, im Anschluss wurden Inter­views im Dialekt oder freie Erzäh­lun­gen aufge­nom­men. Beide Materi­al­ty­pen sind für die heutige Forschung relevant: Überset­zungs­auf­ga­ben ermög­li­chen den Vergleich gezielt erhobener sprach­li­cher Formen, Inter­views und freie Erzäh­lun­gen geben Einblick in den spontanen und zusam­men­hän­gen­den Sprach­ge­brauch. Abbildung 2 zeigt einen solchen in den Dialekt übersetz­ten festen Text, der von den Gewährs­per­so­nen einge­spro­chen wurde. 

Abbildung 2: Foto einer dialek­ta­len Überset­zung des Festen Texts (Archi­va­lie aus dem Wossidlo-Archiv, Univer­si­täts­bi­blio­thek Rostock)

Besonders wertvoll ist das Material, weil die aufge­nom­me­nen Personen ihren Dialekt noch selbst­ver­ständ­lich in der Familie erworben hatten. Es dokumen­tiert damit einen Sprach­stand aus einer Zeit, in der Nieder­deutsch noch die Sprache des Alltags war, zugleich aber Indus­tria­li­sie­rung, Mobilität und mediale Entwick­lun­gen wie Rundfunk und Fernsehen deutlich an Bedeutung gewannen.

Trotz des hohen Quellen­werts wurden die histo­ri­schen Tonauf­nah­men bislang nur punktuell ausge­wer­tet (vgl. Köhncke 2010, Weber 2017, Ehlers 2018). Ein Grund liegt im hohen Erschlie­ßungs­auf­wand: Audio­auf­nah­men müssen abgehört, transkri­biert, annotiert und mit Metadaten versehen werden. Ohne solche Arbeits­schrit­te stehen sie für lingu­is­ti­sche Analysen kaum zur Verfügung.

Die Tonband­auf­nah­men und zugehö­ri­gen Erhebungs­do­ku­men­te wurden in den 1960er Jahren zentral in Berlin in der Akademie der Wissenschaften der DDR gesammelt und nach der Wieder­ver­ei­ni­gung an das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache übergeben, wo die Tonbänder digita­li­siert und in die Datenbank Gesprochenes Deutsch überführt wurden. Auch an den Wörter­buch­stel­len, deren Mitar­bei­ter die Aufnahmen durch­ge­führt hatten, sind – in unter­schied­li­chem Umfang – Kopien der Tonbänder und Erhebungs­ma­te­ria­li­en erhalten. In den letzten Jahren wurden an verschie­de­nen Stand­or­ten weitere Siche­run­gen und Digita­li­sie­run­gen dieser Materia­li­en vorge­nom­men (vgl. Abb. 3). Dies ermög­licht nun, die Sprach­da­ten syste­ma­tisch zu erschlie­ßen und auszuwerten.

Abbildung 3: Foto der Tonbänder im Rostocker Wossidlo-Archiv

Niederdeutschvermittlung braucht Dialektdokumentationen

Das erneute Interesse an diesen Beständen hängt auch mit sprach­po­li­ti­schen Entwick­lun­gen zusammen. Für Mecklenburg-Vorpommern zeigen Umfragen, dass aktive Nieder­deutsch­kennt­nis­se deutlich zurück­ge­gan­gen sind. In der INS-Umfrage von 2016 gab nur etwa ein Fünftel der Befragten an, Nieder­deutsch gut oder sehr gut zu sprechen (20,7%). Seit Jahrzehn­ten wird Dialekt in Familien und Alltag immer seltener verwendet; Kinder erwerben Nieder­deutsch daher kaum noch. Im Zuge der Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen wurden deshalb Bildungs­pro­gram­me beschlos­sen, die auf schuli­sche und außer­schu­li­sche Vermitt­lung setzen, in Mecklenburg-Vorpommern etwa im Rahmen des Landes­pro­gramms „Meine Heimat – mein modernes Mecklenburg-Vorpommern“.

Solche Programme benötigen belast­ba­re Dialekt­do­ku­men­ta­tio­nen. Nieder­deutsch ist keine einheit­li­che Regio­nal­spra­che, sondern durch räumliche, soziale und histo­ri­sche Variation geprägt. Lehr- und Lernma­te­ria­li­en müssen daher berück­sich­ti­gen, welche Formen regional belegt sind, welche Varianten neben­ein­an­der bestehen und wie sich lokale Beson­der­hei­ten abbilden lassen (zur Vermitt­lung des Nieder­deut­schen in MV siehe auch das Kompetenzzentrum für Niederdeutschdidaktik an der Univer­si­tät Greifswald).

Projekt „Digitaler Niederdeutsch-Atlas für Mecklenburg-Vorpommern“ (DiNA-MV)

Hier setzt das Projekt „Digitaler Niederdeutsch-Atlas für Mecklenburg-Vorpommern“ (DiNA-MV) an, das von der Rostocker Arbeits­stel­le des Akade­mie­pro­jekts Regionalsprache.de durch­ge­führt wird. Es erschließt die histo­ri­schen Sprach­auf­nah­men für das Bundes­land Mecklenburg-Vorpommern syste­ma­tisch und bereitet sie für eine digitale sprach­geo­gra­phi­sche Darstel­lung auf. Für knapp 100 Orte werden die Sprach­auf­nah­men von Spreche­rin­nen und Sprechern aus drei Genera­tio­nen ausge­wer­tet – insgesamt 245 Personen. Der Atlas umfasst mehr als 100 Karten­the­men zu Ausspra­che, Grammatik, Wortschatz und weiteren sprach­li­chen Bereichen (vgl. Varia­blen­lis­te in Ehlers & Fischer 2025). Für viele Beleg­kon­tex­te können zudem ältere Daten aus dem „Sprachatlas des Deutschen Reichs“ und dem „Deutschen Wortatlas“ heran­ge­zo­gen werden. Dadurch werden diachrone Verglei­che zwischen dem späten 19., dem frühen 20. Jahrhun­dert und den Aufnahmen der 1960er Jahre möglich.

Die Bearbei­tung folgt einem standar­di­sier­ten Ablauf. Ausge­wähl­te Beleg­kon­tex­te werden nach dem Vier-Ohren-Prinzip abgehört, ortho­gra­phisch und phone­tisch transkri­biert, typisiert und tabel­la­risch für die einzelnen Gewährs­per­so­nen erfasst. Anschlie­ßend werden Themen- und Karten­kom­men­ta­re erarbei­tet, die das jeweilige sprach­li­che Phänomen einordnen und den konkreten Sprach­ge­brauch im Hinblick auf Sprecher­ge­ne­ra­ti­on und Raum beschrei­ben. Ergänzend werden Karten­in­for­ma­tio­nen wie z. B. Karten­ti­tel, Beleg­kon­text und Legen­den­ein­trä­ge aufbe­rei­tet. Wo möglich, werden Ausschnit­te aus den Sprach­auf­nah­men der 1960er Jahre mit den einzelnen Karten­be­le­gen verknüpft.

Die digitale Kartie­rung erfolgt über das sprach­geo­gra­phi­sche Infor­ma­ti­ons­sys­tem SprachGIS am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas. Noch befindet sich die Karten­dar­stel­lung des DiNA-MV im Aufbau; erste Probe­kar­ten sind bereits in einer Beta-Version online einsehbar. Die digitale Form erlaubt es, Karten, Kommen­ta­re, Transkrip­tio­nen und Audio­da­ten mitein­an­der zu verbinden und dadurch die einma­li­gen Dialekt­da­ten für Forschung, Bildung und Öffent­lich­keit zugäng­lich zu machen.

Ergebnisse

Die bishe­ri­gen Auswer­tun­gen zeigen, dass das Nieder­deut­sche in Mecklenburg-Vorpommern in den 1960er Jahren zugleich stabil und dynamisch war. Viele nieder­deut­sche Kernmerk­ma­le sind großräu­mig erhalten und belegen eine weiterhin ausge­präg­te Dialekt­kom­pe­tenz. Ein Beispiel dafür stellt die Karten­se­rie zur Hiattilgung in bauen dar, die über die Genera­tio­nen hohe Stabi­li­tät aufweist (vgl. Abb. 4 mit vorläu­fi­gen Arbeitskarten).

Abbildung 4: Karten­se­rie zu K10‑1: Hiattil­gung in bauen

Gleich­zei­tig zeigen sich Verän­de­rungs­ten­den­zen, etwa eine genera­tio­nel­le Zunahme hochdeut­scher Merkmale wie in der Karten­se­rie zur Ausspra­che von S vor N im Anlaut von Schnee. Hier nehmen die hochdeutsch­äqui­va­len­ten Reali­sie­run­gen über die Genera­ti­ons­fol­ge von Vorpom­mern nach Mecklen­burg zu (vgl. Abb. 5 mit vorläu­fi­gen Arbeitskarten).

Abbildung 5: Karten­se­rie zu K2‑2: Anlaut S vor N in Schnee

Darüber hinaus werden durch die syste­ma­ti­sche Auswer­tung Eigen­hei­ten sichtbar, die für den Raum bisher kaum dokumen­tiert waren, so zum Beispiel die Zweisil­big­keit von Wörtern wie Bein, deren sprach­geo­gra­phi­sche Vertei­lung bisher unbekannt war (siehe Abb. 6 mit vorläu­fi­gen Arbeitskarten).

Abbildung 6: Karten­se­rie zu W1‑2: Zweisil­bi­ge Ausspra­che von Bein

Der DiNA-MV erschließt damit ein histo­ri­sches Sprach­kor­pus, das für die Dialek­to­lo­gie ebenso relevant ist wie für gegen­wär­ti­ge Fragen der Nieder­deutsch­ver­mitt­lung. Er schafft keine neue Norm, sondern dokumen­tiert Variation: als Grundlage für Forschung, für Lehr- und Lernma­te­ria­li­en und für eine diffe­ren­zier­te Beschäf­ti­gung mit der regio­nal­sprach­li­chen Vielfalt Mecklenburg-Vorpommerns.

Literatur

Ehlers, Klaas-Hinrich (2018): Geschich­te der mecklen­bur­gi­schen Regio­nal­spra­che seit dem Zweiten Weltkrieg. Varie­tä­ten­kon­tak­te zwischen Altein­ge­ses­se­nen und immigrier­ten Vertrie­be­nen. Teil 1: Sprach­sys­tem­ge­schich­te. Berlin: Peter Lang. (Regio­nal­spra­che und regionale Kultur. Mecklenburg-Vorpommern im ostnie­der­deut­schen Kontext 3). https://doi.org/10.3726/b14252

Ehlers, Klaas-Hinrich (2022): Die ‚Tonband­auf­nah­men der deutschen Mundarten‘ im Kontext der (nieder­deut­schen) Dialek­to­lo­gie der DDR. Mannheim: IDS-Verlag. https://doi.org/10.21248/idsopen.3.2022.5

Ehlers, Klaas-Hinrich / Hanna Fischer (2025): Digitaler Niederdeutsch-Atlas für Mecklenburg-Vorpommern (DiNA) – Eine Einfüh­rung. In: Schmidt, Jürgen Erich et al. (Hg.): Regionalsprache.de (REDE III). Marburg: Forschungs­zen­trum Deutscher Sprach­at­las. 2020ff. https://regionalsprache.de/dina-mv.aspx 

Köncke, André (2010): Mecklen­bur­gisch heute: Bestands­auf­nah­me eines nieder­deut­schen Dialekts. Disser­ta­ti­on. Univer­si­tät Rostock: RosDok. https://doi.org/10.18453/rosdok_id00000906

Weber, Thilo (2017): Die TUN-Periphrase im Nieder­deut­schen. Funktio­na­le und formale Aspekte. Tübingen: Stauf­fen­burg.

Zwirner, Eberhard (1962): Deutsches Sprach­ar­chiv 1932–1962. Geschich­te, Aufgaben und Gliede­rung. Biblio­gra­phie. Münster Westfalen: Aschendorffsch.

Klaas-Hinrich Ehlers und Hanna Fischer
Klaas-Hinrich Ehlers ist Experte für den ostniederdeutschen Dialektraum, Hanna Fischer für digitale Sprachgeographie. Gemeinsam erarbeiten sie den Digitalen Niederdeutsch-Atlas für Mecklenburg-Vorpommern an der Rostocker Arbeitsstelle des Akademieprojekts Regionalsprache.de.