Kompetenzstelle Mündliche Kommunikation: Ein Projekt zur Stärkung mündlicher Kompetenzen von Schüler*innen in Hessen

Erzählen, Argumen­tie­ren, Präsen­tie­ren – diese und andere kommu­ni­ka­ti­ve Praktiken des Kompe­tenz­be­reichs „Sprechen und Zuhören“ (s. Tab. 1) sollen Schüler*innen laut KMK-Bildungsstandards während ihrer Schul­lauf­bahn erwerben und dadurch die Fähigkeit erlangen, „sich mithilfe der gespro­che­nen Sprache zu unter­schied­li­chen Zwecken über verschie­de­ne Sachver­hal­te verstän­di­gen und Identität ausdrü­cken“ (KMK 2022: 12) zu können. Eine zentrale Rolle nimmt hierbei die Beherr­schung der mündli­chen Bildungs­spra­che ein, die nicht nur die Persön­lich­keits­ent­wick­lung stärkt, sondern auch die Grundlage für schuli­schen und beruf­li­chen Erfolg legt. 

Angesichts der Bedeutung der Beherr­schung der Bildungs­spra­che – sei es im Schrift­li­chen oder Mündli­chen – hat das Hessische Minis­te­ri­um für Kultus, Bildung und Chancen (HMKB) 2021 ein Maßnah­men­pa­ket zur Förderung der Bildungs­spra­che Deutsch verab­schie­det, in dessen Rahmen 2023 die Kompetenzstelle Mündliche Kommunikation einge­rich­tet wurde. Sie gehört zum „Kompetenzzentrum Bildungssprache Deutsch“ und ist an die AG Sprechwissenschaft der Philipps-Universität Marburg angeglie­dert. Im vorlie­gen­den Beitrag sollen die Tätig­kei­ten der Kompe­tenz­stel­le Mündliche Kommu­ni­ka­ti­on im Rahmen des Kompe­tenz­zen­trums Bildungs­spra­che Deutsch vorge­stellt werden.

Bildungs­stan­dards Deutsch für den PrimarbereichBildungs­stan­dards Deutsch für den Mittleren Schulabschluss
a) Gespräche führena) mit anderen sprechen
b) zu anderen sprechenb) zu anderen sprechen
c) verste­hend zuhörenc) verste­hend zuhören
d) szenisch spielend) szenisch spielen
e) über Lernen sprechen
f) vor anderen sprechen
Tab. 1: Bildungs­stan­dards Deutsch im Kompe­tenz­be­reich „Sprechen und Zuhören“ (Honnef-Becker & Kühn 2019: 21)

Das Kompe­tenz­zen­trum Bildungs­spra­che Deutsch: Übergrei­fen­de Ziele und Aufbau

Im Jahr 2019 hat sich die Kultus­mi­nis­ter­kon­fe­renz im Rahmen eines Positionspapiers für die Stärkung der Bildungssprache Deutsch ausge­spro­chen. Diesem Positi­ons­pa­pier folgend hat das HMKB 2023 das Kompe­tenz­zen­trum Bildungs­spra­che Deutsch gegründet und zeigt damit die Notwen­dig­keit einer umfas­sen­den Stärkung dieses Registers. Die Integra­ti­on von wissen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen in die Unter­richts­pra­xis steht hier im Fokus: „Das Kompe­tenz­zen­trum Bildungs­spra­che Deutsch verbindet dabei die univer­si­tä­re Forschung mit ihren aktuellen wissen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen für die unter­richt­li­che Praxis mit der Entwick­lung von nachhal­tig wirksamen Fortbil­dungs­kon­zep­ten für unsere Lehrkräf­te. So stellen wir sicher, dass unsere Schüle­rin­nen und Schüler sowohl auf fachli­cher als auch auf didak­ti­scher Ebene von den aktuellen Forschungs- und Studi­en­ergeb­nis­sen profi­tie­ren und diese auch tatsäch­lich in der Schul­pra­xis ankommen.“ (HMKB 2024: 3) Damit wird die Arbeit an der Relevanz, Durch­set­zungs­kraft und Aktua­li­tät fachwis­sen­schaft­li­cher Ansätze insti­tu­tio­nell verankert. Darüber hinaus begegnet die Einrich­tung eines solchen Zentrums der Forderung nach einer stärkeren Betei­li­gung der Wissen­schaft an der Konzep­ti­on und Durch­füh­rung von Lehrkräf­te­fort­bil­dun­gen innerhalb der dritten Phase der Profes­sio­na­li­sie­rung von Lehrkräf­ten (Rzejak & Lipowsky 2020: 649).

Das Kompe­tenz­zen­trum umfasst insgesamt vier thema­tisch orien­tier­te Kompe­tenz­stel­len, die sich jeweils spezi­fi­schen Aspekten widmen, wie Abb. 1 illus­triert. Neben der Kompe­tenz­stel­le Mündliche Kommu­ni­ka­ti­on gibt es die Kompetenzstelle Orthografie, die Kompe­tenz­stel­le Literatur und die Kompetenzstelle Deutsch als Zweitsprache (s. Abb. 1). Die Kompe­tenz­stel­le Ortho­gra­fie besteht bereits seit 2020 an der Goethe-Universität in Frankfurt und beschäf­tigt sich mit der Schreib- und Recht­schreib­för­de­rung. Auch die Kompe­tenz­stel­le Literatur ist an der Goethe-Universität in Frankfurt angesie­delt und nimmt u. a. die Leseför­de­rung und den Litera­tur­un­ter­richt in den Fokus. Die Kompe­tenz­stel­le Deutsch als Zweit­spra­che ist an der Justus-Liebig-Universität in Gießen angesie­delt und fokus­siert den bildungs­sprach­för­der­li­chen Deutsch­un­ter­richt für Schüler*innen, deren Erstspra­che nicht Deutsch ist.

Abb. 1: Das Kompe­tenz­zen­trum Bildungs­spra­che Deutsch (HMKB 2024: 8)

Diese Vielfalt an Themen zeigt, wie wichtig die Förderung bildungs­sprach­li­cher Kompe­ten­zen ist, um Bildungs- und Chancen­ge­rech­tig­keit zu gewähr­leis­ten. Alle Kinder – unabhän­gig von ihrer sprach­li­chen Herkunft – müssen Zugang zur Sprache der Bildungs­in­sti­tu­tio­nen erhalten, um erfolg­reich am gesell­schaft­li­chen und schuli­schen Leben teilhaben zu können (Goschler et al. 2024: 2).

Inhalt­li­cher Fokus der Kompe­tenz­stel­le Mündliche Kommunikation

Seit ihrer Gründung im Juni 2023 setzt die Kompe­tenz­stel­le Mündliche Kommu­ni­ka­ti­on (KompeMK) Schwer­punk­te in Forschung, Fortbil­dung und Beratung rund um die mündli­chen Sprach­kom­pe­ten­zen von Schüler*innen. Der thema­ti­sche Zugang erfolgt aus rheto­ri­scher, ästhe­ti­scher und inter­ak­ti­ons­lin­gu­is­ti­scher Perspek­ti­ve, wobei Mündlich­keit sowohl als Lernin­halt als auch als Lernme­di­um betrach­tet wird. Wegwei­send für die Arbeit zum Themen­schwer­punkt der Mündlich­keit als Lernge­gen­stand sind die hessi­schen Lehrpläne für das Fach Deutsch sowie die KMK-Vorgaben für den Kompe­tenz­be­reich „Sprechen und Zuhören“. Hier geht es vor allem um Aspekte der Förderung mündli­cher Kommu­ni­ka­ti­ons­for­men wie Argumen­tie­ren, Präsen­tie­ren und Erklären sowie um körperlich-sprechgestalterische Prozesse des mündli­chen Kommu­ni­zie­rens. Im Zentrum des Themen­schwer­punkts Mündlich­keit als Lernme­di­um steht die Frage, wie Unter­richts­ge­sprä­che als lernför­der­li­ches Medium gestaltet werden können. Ziel ist es, Parti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten für Schüler*innen zu schaffen und bildungs­sprach­li­che Praktiken als Mittel zur Darstel­lung komplexer Zusam­men­hän­ge zu stärken – und dies nicht nur im Deutsch­un­ter­richt. Darüber hinaus widmet sich die KompeMK auch Themen wie der stimm­li­chen Gesund­heit von Lehrkräf­ten, Fragen der Kommu­ni­ka­ti­ons­ethik oder Heraus­for­de­run­gen im Bereich der Media­li­tät und Digita­li­tät mündli­cher Kommunikation.

Die Tätig­kei­ten der Kompe­tenz­stel­le Mündliche Kommunikation

Die Tätig­kei­ten der Kompe­tenz­stel­le umfassen die Konzep­ti­on und Durch­füh­rung von Fortbil­dungs­ver­an­stal­tun­gen für Lehrkräf­te und Multiplikator*innen, die Forschung zum Themen­be­reich sowie die fallbe­zo­ge­ne Beratung von Akteur*innen der Lehrkräf­te­bil­dung aus Politik und Schule. Sie setzt damit neue Impulse für die Stärkung mündli­cher Kompe­ten­zen und die Veran­ke­rung der Bildungs­spra­che Deutsch in der hessi­schen Bildungs­land­schaft. Ihre Arbeit leistet einen wesent­li­chen Beitrag zu mehr Chancen­gleich­heit und zur Förderung der Bildungs­spra­che als zentralem Bestand­teil schuli­scher und gesell­schaft­li­cher Teilhabe.

Fortbil­dun­gen der Kompe­tenz­stel­le haben sich bisher mit generel­len Fragen der Stärkung mündli­cher Kommu­ni­ka­ti­ons­kom­pe­ten­zen von Schüler*innen, mit dem Vorlesen, dem Argumen­tie­ren und dem Präsen­tie­ren befasst. Außerdem wurde ein Online-Selbstlernmodul für Lehrkräfte zur Stimmbildung entwi­ckelt, das von Präsen­z­an­ge­bo­ten gerahmt wird. Im gleichen Format ist die Erwei­te­rung des Angebots zur Förderung der Eigen­kom­pe­tenz von Lehrkräf­ten zum Themen­be­reich Präsen­tie­ren in Planung sowie zwei digitale Fachtage mit dem Fokus auf dem mündli­chen Vortragen von Literatur als Unter­richts­ge­gen­stand der Primar- und Sekundarstufe.

Im Bereich Forschung liegt der inhalt­li­che Schwer­punkt derzeit auf dem Argumen­tie­ren. Zwei Teilpro­jek­te prägen diesen Schwerpunkt:

Teilpro­jekt 1: „BBB“ oder „BBÜ“? – Effekte des zugrun­de­lie­gen­den Argument­mo­dells auf Argumen­ta­ti­ons­leis­tun­gen von Schüle­rin­nen und Schülern

Hinter­grund dieses Teilpro­jek­tes ist, dass der Gegen­stand Argumen­tie­ren im schuli­schen Kontext zwar von verschie­de­nen Fächern geteilt wird (Budke et al. 2015), der Unter­richt im Argumen­tie­ren und fachwis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen sich aber durchaus unter­schei­den. Die Deutsch­di­dak­tik sticht hierbei heraus, weil sie mit einem spezi­fi­schen Modell arbeitet, das auch als „BBB“-Modell (Behaup­tung, Begrün­dung, Beispiel) bekannt ist (s. Abb. 2).

Abb. 2: Das „BBB“-Modell (in Anlehnung an Fandel & Oppen­län­der 2017: 34)

Ein Beispiel für Argumen­tie­ren unter Verwen­dung des “BBB”-Modells wäre: Herr Kowalski ist ungerecht [Behaup­tung], weil er allen schlechte Noten gibt, die er nicht mag [Begrün­dung]. Mir hat er zum Beispiel letztes Jahr in Deutsch nur eine vier gegeben [Beispiel]. Dieses Modell dient der Vorbe­rei­tung der Schüler*innen auf eine schul­spe­zi­fi­sche Textsorte: die Erörte­rung. Das deutsch­di­dak­ti­sche Argument­mo­dell unter­schei­det sich jedoch vom klassi­schen rheto­ri­schen Argument­mo­dell, das zwar ebenfalls (mindes­tens) drei Kompo­nen­ten umfasst. Das klassi­sche rheto­ri­sche Modell beinhal­tet aller­dings auch die sogenann­te Schluss­re­gel (Toulmin, 1958) – auch als Topos oder „Übergang“ bekannt – die aus argumen­ta­ti­ons­wis­sen­schaft­li­cher Sicht elementar ist für das Verstehen der Funkti­ons­wei­se von Argumen­ten, weil sie die Verbin­dung zwischen Behaup­tung und Begrün­dung sicher­stellt (s. Abb. 3). Die Schluss­re­gel wird nicht immer explizit geäußert, doch ist sie in jedem Argument vorhanden und kann – wenn nötig – rekon­stru­iert werden. Aus anderen Didak­ti­ken wird zum Teil die Sonder­stel­lung des deutsch­di­dak­ti­schen Argumen­ta­ti­ons­be­griffs kriti­siert. So merken beispiels­wei­se Kazmaier und Lanius (2023: 151) an, dass der Deutsch­un­ter­richt keinen klaren Argument-Begriff verwendet und dass er in Bezug auf das Argumen­tie­ren zu wenig das Konstru­ie­ren von Aussagen mit inten­dier­ten Begrün­dungs­zu­sam­men­hän­gen fördert.

Abb. 3: Das „BBÜ“-Modell

Vor diesem Hinter­grund hat die KompeMK eine Pilot­stu­die konzi­piert und durch­ge­führt, die der Frage nach den Auswir­kun­gen des unter­rich­te­ten Argument­mo­dells auf die produk­ti­ven und analy­ti­schen Argumen­ta­ti­ons­leis­tun­gen von Schüler*innen der Sekun­dar­stu­fe 1 nachgeht. Ziel der Studie ist es, zu ermitteln, welches Argument­mo­dell – „BBB“ oder „BBÜ“ – besser geeignet ist, Schüler*innen die Charak­te­ris­ti­ka des Argumen­tie­rens für die Produk­ti­on (mündlich und schrift­lich) aber auch für die Analyse zu vermit­teln. Dazu hat die KompeMK in Zusam­men­ar­beit mit Lehrkräf­ten der Sekun­dar­stu­fe 1 Unter­richts­ma­te­ria­li­en für eine sechs­stün­di­ge Unter­richts­rei­he zum Argumen­tie­ren auf Basis der beiden Alter­na­tiv­mo­del­le entwi­ckelt. Das Material wurde im Anschluss durch drei Lehrkräf­te hessi­scher Schulen, darunter zwei Gymna­si­al­leh­re­rin­nen und eine Lehrerin an einer Integrier­ten Gesamt­schu­le, im Fachun­ter­richt erprobt. Der Einsatz der Unter­richts­ma­te­ria­li­en erfolgte im Frühjahr 2025 und wurde durch eine umfas­sen­de Daten­er­he­bung begleitet. Das erhobene Korpus umfasst Feldno­ti­zen, bearbei­te­te Aufga­ben­blät­ter, Einzel-Audioaufnahmen von mündli­chen Kurzstate­ments sowie Audio­auf­nah­men von Gruppen­ar­bei­ten der Schüler*innen. Die mündli­chen Kurzstate­ments wurden vor und nach der Durch­füh­rung der sechs­stün­di­gen Unter­richts­rei­he erhoben, um mögliche Entwick­lun­gen feststel­len zu können. Auch ließen die Lehrkräf­te die Schüler*innen vor und nach der Durch­füh­rung der Unter­richts­ein­heit in Einzel­ar­beit Aufga­ben­blät­ter ausfüllen, die der Erhebung des Wissens­stan­des der Schüler*innen dienten. Während der Durch­füh­rung der Unter­richts­ein­heit arbei­te­ten die Schüler*innen oftmals in Gruppen auf Basis von Aufga­ben­blät­tern. Diese Gruppen­ar­bei­ten wurden zum Teil audio­gra­fiert, die in den Gruppen bearbei­te­ten Aufga­ben­blät­ter wurden einge­sam­melt. Abbildung 4 zeigt beispiel­haft einen Ausschnitt aus einem bearbei­te­ten Aufga­ben­blatt auf.

Abb. 4: Ausschnitt aus einem bearbei­te­ten Aufga­ben­blatt aus der Unter­richts­rei­he zum Thema Argumentieren

Derzeit werden die Daten quali­ta­tiv, vorwie­gend gesprächs­ana­ly­tisch, ausge­wer­tet. Analy­se­schwer­punk­te liegen dabei u. a. auf Aspekten wie Referenz­nah­men der Schüler*innen auf das „BBÜ“-Modell sowie auf Wissens­be­stän­den der Schüler*innen zum Argumen­tie­ren und zugrun­de­lie­gen­den norma­ti­ven Annahmen (Völker et al., einge­reicht). Erste Analysen zeigen, dass die Schüler*innen sich an einem eher engen Konzept von Argumen­tie­ren orien­tie­ren, welches eine klare Pro-Kontra-Logik verfolgt und als Ziel die Persua­si­on des Gegen­übers beinhal­tet. Dieses Konzept erweist sich als relativ robust gegenüber alter­na­ti­ven Modellen. Darüber hinaus wird deutlich, dass das Verstehen des neuen „BBÜ“-Modells für die Schüler*innen, insbe­son­de­re für jüngere und lernschwä­che­re Schüler*innen, heraus­for­dernd ist. In den Gruppen­ge­sprä­chen ziehen die Schüler*innen als Kontrast­fo­lie immer wieder das ihnen bereits bekannte „BBB“-Modell heran. Dadurch verstehen sie das „BBÜ“-Modell oftmals zu schema­tisch und nehmen an, dass die Kompo­nen­ten Behaup­tung, Begrün­dung und Übergang, ähnlich wie beim „BBB“-Modell, in chrono­lo­gi­scher Reihen­fol­ge reali­siert werden müssen, damit ein gutes Argument entsteht („Erst eine Behaup­tung, dann eine Begrün­dung, dann ein Übergang“). Dass die Schluss­re­gel in einem Argument stets implizit enthalten ist und zur Überprü­fung der Argument­stär­ke rekon­stru­iert werden kann, fällt Schüler*innen offenbar schwer zu verstehen. Gerade in diesem Aspekt liegt jedoch der Unter­schied zum „BBB“-Modell und das Potenzial des Alter­na­tiv­mo­dells. Vor diesem Hinter­grund arbeitet die KompeMK derzeit an einer alter­na­ti­ven, flexiblen Darstel­lung des „BBÜ“-Modells. Ein Karten­spiel mit den drei unter­schied­li­chen Argument-Komponenten soll das Verstehen des Modells erleich­tern (s. Abb. 5).

Abb. 5: Entwi­ckel­tes Karten­spiel zum „BBÜ“-Modell für den Einsatz im Unter­richt (Design: Florian Biermeier)

Ziel des Karten­spiels „Warum mag die Geiß kein Blatt“ ist es, Schüler*innen und Lehrkräf­ten Unter­richts­ma­te­ri­al bereit­zu­stel­len, mit dem kreativ die Struktur eines Arguments, bestehend aus Behaup­tung, Begrün­dung und Übergang (auch: „Schluss­re­gel“, Toulmin 1958), geübt werden kann. Dabei soll die Flexi­bi­li­tät von Äußerun­gen und ihren Funktio­nen als Behaup­tung, Begrün­dung und Schluss­re­gel spiele­risch trainiert werden und es soll gemeinsam disku­tiert und reflek­tiert werden, welche mit den Karten gelegten Argumente akzep­ta­bel sind und welche nicht. Das Spiel wird aktuell in der KompeMK entwi­ckelt und für den Einsatz im Unter­richt der Klassen­stu­fen 7 bis 10 vorbereitet.

Teilpro­jekt 2: Erstel­lung von Unter­richts­ma­te­ri­al zum mündli­chen Argumen­tie­ren in der Grund­schu­le in profes­sio­nel­len Lerngemeinschaften

Aufbauend auf Teilpro­jekt 1 geht das Teilpro­jekt 2 der Frage nach, wie das mündliche Argumen­tie­ren in der Primar­stu­fe als Lernge­gen­stand gefördert werden kann. Dazu arbeiten Grund­schul­lehr­kräf­te in kleinen Teams – sogenann­ten profes­sio­nel­len Lernge­mein­schaf­ten (PLGs) – zusammen und entwi­ckeln koope­ra­tiv Unter­richts­ma­te­ri­al zum mündli­chen Argumen­tie­ren in der dritten und vierten Klasse. Metho­disch angelehnt ist das Vorgehen an die Lesson Studies und Learning Studies (Rzejak et al. 2025). Abb. 6 gibt den zykli­schen Arbeits­pro­zess der Lehrkräf­te in den PLGs aus Materi­al­er­stel­lung, Erprobung, Adaption und erneuter Unter­richts­durch­füh­rung wieder. Die Zusam­men­ar­beit von Lehrkräf­ten im Rahmen von PLGs wird in der Profes­si­ons­for­schung als Königsweg der unter­richts­be­zo­ge­nen Koope­ra­ti­on angesehen und ist für die Unterrichts- und Schul­ent­wick­lung zentral (Rzejak et al. 2025; Bonsen & Rolff 2006). 

Abb. 6: Koope­ra­ti­ve Unter­richts­ent­wick­lung in profes­sio­nel­len Lernge­mein­schaf­ten (Grafik erstellt unter Verwen­dung von Freepik – Magnifik.com)

Die Treffen der PLGs werden wissen­schaft­lich durch die KompeMK begleitet und aufge­zeich­net, um 

  • (1) unter gesprächs­ana­ly­ti­scher Sicht Aufschluss darüber zu erhalten, unter welchen Bedin­gun­gen profes­sio­nel­le Koope­ra­ti­ons­for­men von Lehrkräf­ten zur Unterrichts(material)entwicklung gelingen sowie
  • (2) um den Bereich und die Förderung mündli­chen Argumen­tie­rens in der Primar­stu­fe (von 8- bis 10-Jährigen) fachdi­dak­tisch zu beleuchten. 

Damit widmet sich das Teilpro­jekt dem Forschungs­de­si­de­rat, dass das mündliche Argumen­tie­ren in der Primar­stu­fe bisher wenig unter­sucht wurde und die Datenlage für diese Schul­stu­fen gering ist (Hauser & Luginbühl 2017).

Inter­es­sier­te finden auf der Webseite der Kompetenzstelle Mündliche Kommunikation weitere Infor­ma­tio­nen zu Forschungsprojekten und Fortbildungsangeboten.

Literatur

Bonsen, Martin / Hans-Günter Rolff (2006): Profes­sio­nel­le Lernge­mein­schaf­ten von Lehre­rin­nen und Lehrern. In: Zeitschrift für Pädagogik 52 (2), 167–184. https://doi.org/10.25656/01:4451.

Budke, Alexandra / Miriam Kuckuck / Michael Meyer / Frank Schäbitz / Kirsten Schlüter / Günther Weiss (2015) (Hg.): Fachlich argumen­tie­ren lernen. Didak­ti­sche Forschun­gen zur Argumen­ta­ti­on in den Unter­richts­fä­chern. Münster: Waxmann.

Fandel, Anja / Ulla Oppen­län­der (2017): Deutsch­zeit 7. Lese- und Sprach­buch. Berlin: Cornelsen.

Goschler, Juliana / Peter Rosenberg / Till Woerfel (2024): Empiri­sche Zugänge zu Bildungs­spra­che und bildungs­sprach­li­chen Kompe­ten­zen. Eine Einlei­tung. In: Goschler, Juliana / Peter Rosenberg / Till Woerfel (Hg.): Empiri­sche Zugänge zu Bildungs­spra­che und bildungs­sprach­li­chen Kompe­ten­zen. Wiesbaden: Springer, 1–13. https://doi.org/10.1007/978-3-658-43737-4.

Hauser, Stefan / Martin Luginbühl (2017): Wenn Kinder argumen­tie­ren — Grund­la­gen und erste Befunde einer Studie zur mündli­chen Argumen­ta­ti­ons­kom­pe­tenz von Schul­kin­dern. In: Meißner, Iris / Eva Lia Wyss (Hg.): Begründen — Erklären — Argumen­tie­ren. Konzepte und Model­lie­run­gen in der Angewand­ten Lingu­is­tik. Tübingen: Stauf­fen­burg (Stauf­fen­burg Lingu­is­tik, Band 93), 89–105.

Hessi­sches Minis­te­ri­um für Kultus, Bildung und Chancen (HMKB) (2024): Das Kompe­tenz­zen­trum Bildungs­spra­che Deutsch. Überblick zur Entste­hungs­ge­schich­te sowie zentrale Aufgaben und Funktio­nen der vier Kompe­tenz­stel­len. abrufbar unter: https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2024-09/broschuere_kompetenzzentrum_deutsch.pdf [letzter Zugriff am 15.06.2026]

Honnef-Becker, Irmgard / Peter Kühn (2019): Sprechen und Zuhören im Deutsch­un­ter­richt. Bildungs­stan­dards – Didaktik – Unter­richts­bei­spie­le. Tübingen: Narr.

Kazmaier, Kathrin / David Lanius (2023): Eine Analyse der deutsch­di­dak­ti­schen Zugänge zum Argumen­tie­ren. In: Löwen­stein, David / Donata Romizi / Jonas Pfister (Hg.): Argumen­tie­ren im Philosophie- und Ethik­un­ter­richt. Grund­la­gen, Anwen­dun­gen, Grenzen. Göttingen: V&R, 147–168.

Kultus­mi­nis­ter­kon­fe­renz (KMK) (2022): Bildungs­stan­dards für das Fach Deutsch. Erster Schul­ab­schluss (ESA) und Mittlerer Schul­ab­schluss (MSA). Berlin/Bonn, abrufbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2022/2022_06_23-Bista-ESA-MSA-Deutsch.pdf [letzter Zugriff am 15.06.2026]

Rzejak, Daniela / Frank Lipowsky (2020): Fort- und Weiter­bil­dung im Beruf. In: Cramer, Colin / Johannes König / Martin Rothland / Sigrid Blömeke (Hg.): Handbuch Lehrerinnen- und Lehrer­bil­dung. Bad Heilbrunn: Klink­hardt, 644–651.

Rzejak, Daniela; Posch, Peter; Beywl, Wolfgang; Gerking, Joachim (2024): Profes­sio­nel­le Lernge­mein­schaf­ten – Wenn Lehrkräf­te gemeinsam Unter­richt entwi­ckeln. In: Peter Daschner und Dieter Schoof-Wetzig (Hg.): Weißbuch Lehrkräf­te­fort­bil­dung. Impulse und Szenarien für gute Praxis. Weinheim, The Hague: Beltz Juventa; Oapen Founda­ti­on, S. 47–77.

Toulmin, Stephen (1958): The uses of argument. Cambridge: Cambridge Univer­si­ty Press.

Völker, Ina / Kati Hannken-Illjes / Cordula Schwarze (einge­reicht): „nee wir sagen einfach nur argumente“ – Strit­tig­keit beim Sammeln von Argumen­ten als Zugang zum begriff­li­chen Wissen von Schüler*innen der Sekun­dar­stu­fe I zu „Argument“ und „Argumen­tie­ren“.

Diesen Beitrag zitieren als

Hannken-Illjes, Kati / Horny, Nicole / Schwarze, Cordula / Vöker, Hanna & Ina Völker. 2026. Kompe­tenz­stel­le Mündliche Kommu­ni­ka­ti­on: Ein Projekt zur Stärkung mündli­cher Kompe­ten­zen von Schüler*innen in Hessen. In: Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 6(7). https://doi.org/10.57712/2026-7

Kati Hannken-Illjes, Nicole Horny, Cordula Schwarze, Hanna Völker und Ina Völker
Die Kompetenzstelle Mündliche Kommunikation ist Teil des Kompetenzzentrums "Bildungssprache Deutsch". Sie wurde in Kooperation des Hessischen Kultusministeriums mit der Hessischen Lehrkräfteakademie und der AG Sprechwissenschaft der Philipps-Universität Marburg eingerichtet. Weitere Infos finden Sie hier: https://www.uni-marburg.de/de/fb09/igs/arbeitsgruppen/sprechwissenschaft/kompetenzstelle-muendliche-kommunikation