Alles Käse, oder was? Vom rheinischen Halven Hahn und sächsischen Truthahn

Bierge­nuss in der Kneipe macht für gewöhn­lich hungrig. Gefragt sind Kleinig­kei­ten, die den Magen nicht nachhal­tig beschwe­ren: Soleier, Frika­del­len, Würstchen…, gern auch Boden­stän­di­ges, in Köln und Düssel­dorf am Rhein zum Beispiel der Halve Hahn. Dieses Gericht, der unkundige Gast erfährt’s auf Nachfrage, ist zur Gänze fleisch­los. Serviert wird Käse, eine dicke Scheibe mittel­al­ter Gouda die Kölner, schrum­pe­li­ger Mainzer die Düssel­dor­fer Variante. Dazu gibt’s ein dunkles Brötchen, ein Stück Butter und etwas Senf oder auch eine saure Gurke, Zwiebel­rin­ge, Paprika.

Wie der für die Region typische Appetit­hap­pen zu seinem Namen kam, ist ungeklärt. Heinrich Carl Ständers „Kleines Wörter­buch der Düssel­dor­fer Mundart“ (1977: 31) kennt Halve Hahn als ‘Röggelche mit Mainzer Käse’. Adam Wrede, „Neuer Kölni­scher Sprach­schatz“ (1973: 323 – 1. Aufl. 1956!), fabuliert, wenn er schreibt, die Bezeich­nung verdanke „ihren Ursprung der humor­vol­len Täuschung, die ein kölscher Jrielä­cher [Spötter] im 19. Jahrhun­dert an seinen Freunden in fröhli­cher Runde in einer kölschen Weetschaff [Wirtschaft] beging, als er jedem einen knusprig gebra­te­nen halben Hahn zu spendie­ren verhieß, aber nach Verstän­di­gung mit dem Köbes [< Jakob], dem Zapfbur­schen, je ein Röggelche met Kies [Roggen­bröt­chen mit Käse] den erwar­tungs­vol­len, Genüsse erhof­fen­den Freunden, aufti­schen ließ.“ 

Diese Deutung schwappte – Zufall? – auf der „Fress­wel­le“ der 1950er Jahre heran, als Hähnchen vom Grill der bayerisch-österreichischen Restaurant-Kette „Wiener­wald“, begründet 1955, die Imbiss­kul­tur verän­der­ten und jenes auf Portion getrimmte Fleisch­huhn, Broiler im Fachjar­gon seiner Züchter genannt, Einzug in die westdeut­sche Gastro­no­mie hielt. Der von der ameri­ka­ni­schen Hühner­in­dus­trie auf schnellen Fleisch­zu­wachs gezüch­te­te Hühnertyp wurde nach Europa expor­tiert und machte unter seiner Produkt­be­zeich­nung Broiler um 1970 schließ­lich auch in ostdeut­schen Gaststät­ten als Broiler und Goldbroi­ler umgangs­sprach­lich Furore, nachdem in der damaligen DDR eine entspre­chen­de Produk­ti­ons­stät­te zur Aufzucht und Verar­bei­tung von Broiler­hüh­nern im „Kombinat Industrielle Mast (KIM)“ errichtet worden war (vgl. Poutrus 2002). Im allge­mei­nen Sprach­ge­brauch Westdeutsch­lands wurden für die dann gegrill­ten Hähnchen – je nach Region – Bezeich­nun­gen wie Brathähn­chenHendl, Gockerl u. a. üblich (vgl. Eichhoff 2000, Karte 36). Zum persön­li­chen Verzehr bestellte man in der Regel im Restau­rant oder im Schnell­im­biss ein „halbes Hähnchen“.

Für das 19. Jahrhun­dert nun ist solch ein „Heißhun­ger“ auf Hähnchen, wie ihn Adam Wrede (s. o.) beschreibt, allen­falls in Wilhelm Buschs Buben­ge­schich­te „Max und Moritz“ zu belegen, wo den beiden Helden bei ihrem zweiten Streich das gebratene Federvieh der Witwe Bolte im Halse stecken­ge­blie­ben war. Bleibt zudem die Frage, wie eigent­lich der Düssel­dor­fer Halve Hahn dann zu seinem Namen gekommen ist. Für Adam Wrede liegt auf der Hand, dass „der ulkige Ausdruck“, wie oben von ihm berichtet, „weit über Köln hinaus links und rechts des Rheins aufge­nom­men worden u. im Gebrauch [ist]; in Düssel­dorf ist der vermeint­li­che h. H. ein Röggel­chen mit einem Mainzer Käschen“ (Wrede 1973: 325). Kurio­ser­wei­se kennt aber Fritz Hoenigs einschlä­gi­ges „Woerter­buch der Koelner Mundart“ aus dem Jahr 1905 noch keinen Halven Hahn, ebenso das große „Rheini­sche Wörter­buch“ in den Bänden 1 (1928) und 3 (1935). Unter dem Stichwort „Halv, ‘n -“ findet man bei Hoenig „ein halbes Gläschen Schnaps, wie solches allgemein in den Kölner Brannt­wein­schen­ken verab­reicht wird“, und erst die überar­bei­te­te Fassung des „Rheinischen Wörterbuchs“ im Internet weist in Band 3, Sp. 126, unter „halb“ für Köln-Stadt ein Beispiel aus: „h.ən Hahn h. Brötchen (Röggel­chen) mit Hollän­der­käs“. Damit fällt die Kölner „Scherz­le­gen­de“ allein schon aus zeitli­chen Gründen in sich zusammen; die Herkunft der Bezeich­nung Halve Hahn bleibt zunächst also offen.

Abb. 1: Der „Halve Hahn“ aus Köln (Archiv-Foto)
Abb. 2: Der „Halve Hahn“ aus Düssel­dorf (Archiv-Foto)

Ein kulina­ri­scher Blick nach Thüringen und Sachsen könnte anderer­seits für das Verständ­nis vom Halven Hahn ganz aufschluss­reich sein. In der Univer­si­täts­stadt Jena pries im ausge­hen­den 19. Jahrhun­dert der schrul­li­ge Wirt des Berggast­ho­fes „Wilhelms­hö­he“ auf seiner Speise­kar­te „Truthahn ohne Zahnsto­cher“ an, nämlich Thüringer Stangen­kä­se mit Brot und Butter, ein Billig­ge­richt. Die Bezeich­nung Truthahn geht hier wohl auf Form und Oberflä­che des Käses zurück, die einen Vergleich mit dem schup­pi­gen Hautlap­pen am Hals eines Truthahns nahelegt. Der ungewöhn­li­che Truthahn-Imbiss findet Erwähnung in der Regio­nal­li­te­ra­tur (vgl. Kaufmann 2006: 74 ff.) und im Studen­ten­ro­man (Grabein 1929: 39). Adolf Stiers „O jerum — - — Heitere Erinne­run­gen eines alten Jenenser Studenten“ (1937: 27) zitiert „Jenenser Sprach­ge­brauch“, wonach unter „Truthahn“ ein „halber Kuhkäse mit Butter und Brot“ zu verstehen sei, und auch das „Thürin­gi­sche Wörter­buch“ (1983: 286) enthält für Jena einen entspre­chen­den Eintrag: „Butter­brot mit Stangen­kä­se“. Im Schwange waren in dieser Ecke Thürin­gens zudem Bezeich­nun­gen wie falscher Truthahn und kalter Truthahn.

In Sachsen war besagte Truthahn-„Spezia­li­tät“ ebenfalls bekannt, wie in Karl Albrechts Abhand­lung „Die Leipziger Mundart“ (1881: 225) nachzu­le­sen ist: „Truthahn, scherz­wei­se f. Butter­brod und ‚deutscher‘ Käse“. Der Hinweis auf „deutschen Käse“, also auf ein Sauer­milch­pro­dukt mit einer der Hühner­haut nicht unähn­li­chen schup­pi­gen Oberflä­che (Handkäs im Hessi­schen, Harzer in Norddeutsch­land, Mainzer im Rheinland – verdau­ungs­för­dernd zumeist in Kümmel­kör­ner getaucht), stützt den Truthahn-Vergleich. Reinhard Lämmels modernes Kochbuch „Original Sächsisch. The Best of Saxon Food“ (2007: 30) bietet als Beson­der­heit Sächsi­schen Truthahn: „Das ist eine Scherz­be­zeich­nung für Stangen­kä­se, einen Sauer­milch­kä­se […], mit Butter, Brot und Kümmel­schnaps.“ Lämmels Servier­vor­schlag lautet: „Die Brotschei­ben mit der Butter, dann mit Senf bestrei­chen und den in Scheiben geschnit­te­nen Käse auflegen, darüber […] Zwiebel­schei­ben geben. Alles mit gehackten Eiern und Schnitt­lauch bestreuen und mit Kopfsa­lat­blät­tern, Gewürz­gur­ken­fä­chern und Radies­chen garnieren. Dazu reicht man Kümmel­schnaps, der auf jeden Fall der Verdauung zuträg­lich ist.“

Den „fleisch­lo­sen“ Truthahn hatte es einst bis in die Schweiz verschla­gen. Unter Soldaten hieß der Käse im Jargon dort zeitwei­lig Truthahn ohni Zahsto­cher (Herdi 1985: 161). Und aus dem 1. Weltkrieg ist noch ein falscher Hahn bekannt, über den ein Soldat in sein Tagebuch schrieb: „Die Büchsen­wurst war eine Art falscher Hahn, die man gleich aufessen mußte, da sie nicht bis zum anderen Tag hielt.“.

Die Scherz­ge­schich­te Adam Wredes zum Halven Hahn findet noch immer via Internet vielfäl­ti­ge Vertie­fung und gläubige Anhänger. Man kennt den Urheber der Täuschung und das (Kölner!) Lokal gar mit Namen, weiß die Zahl der herein­ge­leg­ten Gäste und das Jahr der „Tat“ zu benennen – freilich ohne zeitnah und seriös überhaupt auf Quellen­be­le­ge zuzugrei­fen. Andere Deutungen setzen unmit­tel­bar bei der Sprache an, erklären halve als ‘halbes Röggel­chen’ oder als ‘halbe (statt einer ganzen) Käse-Portion’, die man ha(h)n, das heißt haben, wollte. Auch ein Bezug zum (Zapf-)Hahn in den Schenken wird erwogen. So oder so – allesamt sind es haltlose Erklä­run­gen, die man dem rheini­schen Lecker­bis­sen unter­zu­le­gen versucht. Große Zweifel sind also angebracht.

Fazit: In Sachsen und Thüringen ist die Scherz­be­zeich­nung Truthahn für ein einfaches Gericht vornehm­lich mit Sauer­milch­kä­se seit dem 19. Jahrhun­dert an verschie­de­nen Orten überlie­fert. Der rheini­sche Halve Hahn anderer­seits ist den Wörter­bü­chern nach durchaus als „ganzes Gericht“ besonders aus Köln, in der Variante „Hollän­der­kä­se“, und Düssel­dorf, in der Variante „Sauermilchkäse/Mainzer“, überlie­fert, aber dies erst aus der Zeit nach 1945. Welche Stadt mögli­cher­wei­se eine Urheber­schaft für die gastro­no­mi­sche Scherz­be­zeich­nung rekla­mie­ren kann und ob dabei das zeitty­pi­sche halbe Grill­hähn­chen die Namens­ge­bung des Halven Hahn beflügelt hat, ist bislang nicht zu klären.

Diesen Beitrag zitieren als

Nail, Norbert. 2026. Alles Käse, oder was? Vom rheini­schen Halven Hahn und sächsi­schen Truthahn. Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 6(2). In: Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 6(2).

Literatur

Albrecht, Karl (1881): Die Leipziger Mundart. Grammatik und Wörter­buch der Leipziger Volks­spra­che. Leipzig: Arnold.

Busch, Wilhelm: Max und Moritz. Eine Buben­ge­schich­te in 7 Streichen. Ungekürz­te Ausgabe. Erlangen: Pesta­loz­zi Verlag.

Eichhoff, Jürgen (2000): Wortatlas der deutschen Umgangs­spra­chen. Band 4. Bern: K. G. Saur.

Grabein, Paul (1929): Du mein Jena. Berlin: Rich[ard] Bong.

Herdi, Fritz (1985): Heiteres aus feldgrau­em Dienst. Wie Soldaten reden, gewürzt mit Anekdoten. Frauen­feld: Huber. 

Hoenig, Fritz (1905): Woerter­buch der Koelner Mundart. Köln: J. P. Bachem.

Kaufmann, Ernst (2006): Das alte Jena in seinen berühmten Origi­na­len. 2. erw. u. überarb. Aufl. Bucha b. Jena: Quartus-Verlag.

Lämmel, Reinhard (2007): Original Sächsisch. The Best of Saxon Food. Weil der Stadt: Hädecke.

Müller, Josef (Hg.) (1928–1971): Rheini­sches Wörter­buch. Berlin (u. a.): Klopp. URL: <https://woerterbuchnetz.de/?sigle=RhWB&lemid=H00990> [Stand: 23.02.2026]

Poutrus, Patrice G. (2002): Die Erfindung des Goldbroi­lers: Über den Zusam­men­hang zwischen Herrschafts­si­che­rung und Konsum­entwick­lung in der DDR. Köln: Böhlau.

Ständer, Heinrich Carl (1977): Wie säht m´r dit on dat op Düssel­dor­fer Platt? Kleines Wörter­buch der Düssel­dor­fer Mundart. 2. Aufl. Düssel­dorf: Triltsch.

Stier, Adolf (1937): O jerum — - — Heitere Erinne­run­gen eines alten Jenenser Studenten. 2. Aufl. Gotha: Engel­hardt Meyer [1. Auflage 1907]. 

Thürin­gi­sches Wörter­buch. Band VI (1983). Berlin: Akademie Verlag.

Wrede, Adam (1973): Neuer Kölni­scher Sprach­schatz.  Erster Band A–J. 5. Aufl. Köln: Greven.