Grafische Grammatik

Seit den späten 1950er Jahren, mit den Veröf­fent­li­chun­gen von Chomsky (1957) und Tesnière (1959), ist die Verwen­dung grafi­scher Darstel­lun­gen der Satzstruk­tur zu einem Eckpfei­ler zeitge­nös­si­scher Lingu­is­tik geworden. Weitge­hend unbekannt ist jedoch, dass solche Verfahren eine Tradition haben, die weit vor Chomsky und Tesnière ansetzt. Beide Forscher waren in Bezug auf die Inspi­ra­ti­ons­quel­len für ihre syntak­ti­schen Darstel­lun­gen eher zurück­hal­tend und ließen durch ihr Schweigen implizit den Eindruck entstehen, dass ihre grafi­schen Ansätze bahnbre­chen­de Innova­tio­nen darstellten.

In meinem Projekt zur Geschich­te grafi­scher Darstel­lun­gen der Syntax möchte ich nachwei­sen, dass es eine konti­nu­ier­li­che Tradition der grafi­schen Grammatik gibt, die bis etwa 1830 zurück­reicht und einzelne noch ältere Vorläufer aufweist. Diese Geschich­te, die zum Zeitpunkt des Schrei­bens dieses Artikels also ungefähr 200 Jahre umfasst, nimmt zahlrei­che Wendungen – mit verges­se­nen, wieder­ent­deck­ten und unabhän­gig entwi­ckel­ten Ideen, Perioden der hekti­schen Innova­ti­on, gefolgt von Phasen der Konso­li­die­rung und dem Verspre­chen einer grafi­schen Grammatik als Erneue­rung der lingu­is­ti­schen Analyse und Didaktik.

Das Projekt „Grafische Grammatik“

In dem Projekt „Grafische Grammatik“ wird für jede*n Forscher*in, der/die zur Entwick­lung der grafi­schen Grammatik beigetra­gen hat, eine kurze Zusam­men­fas­sung in Form eines Steck­briefs verfasst. Eine solche Zusam­men­fas­sung besteht aus (i) einigen Sätzen zum Leben und Werk der jewei­li­gen Person, (ii) einer Darstel­lung der Einflüsse, die zu den jewei­li­gen grafi­schen Darstel­lun­gen geführt haben, (iii) Beispie­len der entstan­de­nen Darstel­lun­gen und (iv) einer persön­li­chen Einschät­zung der Vor- und Nachteile der verwen­de­ten Visua­li­sie­run­gen. Dies führt zu kleinen Porträts von jeweils 1 bis 4 Seiten pro Autor*in. Eine Liste zu bearbei­ten­der Wissenschaftler*innen und Lehrer*innen umfasst aktuell über 200 Personen, von denen zurzeit 50 bearbei­tet sind. Es bleibt also noch ein weiter Weg. Da das Manuskript, mit all seinen unfer­ti­gen Ecken und Kanten, bereits online zur Verfügung steht und neue, in erster Fassung fertig­ge­stell­te Porträts auf der Plattform Bluesky angekün­digt werden, können Sie bei Interesse den Fortschritt des Projekts verfolgen.

Ursprünge der Visualisierung syntaktischer Strukturen

Ein wichtiger Innova­ti­ons­trei­ber für visuelle Methoden syntak­ti­scher Analysen war im Laufe der Zeit immer wieder der Gramma­tik­un­ter­richt. Der didak­ti­sche Wunsch, die oft komplexen Sprach­kon­struk­tio­nen bedeu­ten­der Autoren und Dichter zu erklären, veran­lass­te Lehrer*innen immer wieder, grafische Darstel­lun­gen zu entwi­ckeln. Es könnte durchaus die allge­mei­ne Verfüg­bar­keit von Schul­ta­feln gewesen sein, die den „Grafik-Wahn“ ab den 1830er Jahren auslöste. Lyman (1922: 148) beschreibt für die USA, dass „noch im Jahr 1835 die Idee, Schie­fer­ta­feln und Wandta­feln zu verwenden, äußerst neuartig war; nur in wenigen Schulen scheint es vor diesem Zeitpunkt versucht worden zu sein.“ Er zitiert sogar einen zeitge­nös­si­schen Pädagogen :

„Beim Gramma­tik­un­ter­richt kann die Tafel verwendet werden, um die Beugungen der verschie­de­nen Wortarten darzu­stel­len. Sie kann auch in der Syntax einge­setzt werden, um auf die Verbin­dun­gen der Haupt­wör­ter unter­ein­an­der hinzu­wei­sen. Dies geschieht, indem man den zu analy­sie­ren­den Satz an die Tafel schreibt und dann die Wörter, die irgend­ei­ne gramma­ti­ka­li­sche Verbin­dung zuein­an­der haben, durch gekrümmte Linien verbindet. Gleich­zei­tig weist der Lehrer darauf hin, um welchen Zusam­men­hang es sich handelt.“ 

(James Ray 1830, zitiert in Lyman 1922: 148, übersetzt und Hervor­he­bung hinzu­ge­fügt, MC)

Von Anfang an wurden jedoch Visua­li­sie­run­gen auch zur Verdeut­li­chung sprach­li­cher Struk­tu­ren in der wissen­schaft­li­chen Forschung einge­setzt, insbe­son­de­re in der philo­lo­gi­schen Analyse des komplexen Satzbaus bei berühmten Autoren. Dabei wurden erstaun­lich komplexe Sätze analy­siert, wie man sie in der Analyse zeitge­nös­si­scher Lingu­is­tik nur noch selten findet. Satz (1) zeigt ein Beispiel für solch einen komplexen Satz.

(1)a1 Wer nur den groß nennt, a2 der in einem ungewöhn­li­chen Grade alles ist, a3 was er soll; b1 wer aus der Zahl großer Monarchen jeden ausstößt, b2 dessen Regierung nicht durch ihn selbst, c2 sondern nur durch das glück­li­che, einträch­ti­ge Genie vortreff­li­cher Diener glänzte und d2 der nur weise genug war, b3 sich leiten zu lassen, a4 da er selbst hätte leiten sollen; c1 wer, e2 mit unver­wand­tem Blick auf den einzigen würdigen Zweck eines Königs, c1 keine, auch nicht die glänzends­ten Thaten bewundert, f2 sobald sie jenem Zweck entge­gen­lau­fen; d1 wer das einsei­ti­ge Talent eines Kriegers von dem mannich­fal­ti­gen, so viele andere Talente in sich schlie­ßen­den eines Monarchen unter­schei­det: A der wird die großen Könige, e1 groß im echten Sinne des Wortes, A durch ganze Jahrhun­der­te und unter ganzen Nationen vergebens suchen; B er wird schon, a1 eh’ er sucht, B ihrer nur äußerst wenige zu finden hoffen.

Es handelt sich um einen Satz von Johan Jakob Engel, der von Karl Friedrich Wilhelm Wander (1803–1879) in dem Buch „Satzbilderschule“ (1856) benutzt wird. Die grafische Analyse von Wander (Abb. 1) zeigt die Struktur der Haupt- und Neben­sät­ze, wobei die relative Unter­ord­nung der Neben­sät­ze durch tiefere Ebenen darge­stellt wird. Großbuch­sta­ben werden für Haupt­sät­ze und Klein­buch­sta­ben für Neben­sät­ze verwendet. Zur Verdeut­li­chung der Struktur sind die Buchsta­ben aus der Grafik in den Beispiel­satz (1) eingefügt, wobei die Tiefe der Unter­ord­nung mit hochge­stell­ten Ziffern visua­li­siert ist.

Abb. 1: Satzbild zum Beispiel­satz (1) aus dem Buch „Satzbil­der­schu­le“ von Karl Friedrich Wilhelm Wander (1856: x).

Im Folgenden möchte ich exempla­risch die drei frühesten Beispiele (soweit mir bekannt) für grafische Darstel­lun­gen aus den Jahren 1782, 1830 und 1833 vorstel­len. Das Beispiel aus 1782 ist ein Einzel­fall ohne direkten Nachfol­ger, während ab 1830 rege Publi­ka­ti­ons­tä­tig­keit einsetzt.

Karl Moritz (1782) „Deutsche Sprachlehre“ 

Karl Philipp Moritz (1756–1793) wurde gegen Ende seines kurzen Lebens Professor der Künste an der König­li­chen Akademie der Künste in Berlin. Zu seinen zahlrei­chen Schriften zählen unter anderem Lehrbü­cher und Artikel zur Grammatik. Besonders bemer­kens­wert ist in diesem Zusam­men­hang das Buch „Deutsche Sprachlehre für die Damen in Briefen“ (Moritz 1782). Das Werk war mit drei Neuauf­la­gen von 1791 bis 1806 recht erfolg­reich. In den späteren Ausgaben wurde der etwas merkwür­di­ge Zusatz „für die Damen“ aus dem Titel gestrichen.

Die „Deutsche Sprach­leh­re“ enthält meines Wissens weltweit die erste grafische Darstel­lung einer gramma­ti­schen Analyse. Im „Zehnten Brief: Von dem Bau der Rede“ disku­tiert Moritz seine Methode, die in zwei großen ausklapp­ba­ren Seiten­ein­schü­ben gipfelt, wovon eine in Abb. 2 wieder­ge­ge­ben ist. Auf diesen Seiten wird ein Teil einer Idylle von Salomon Geßner analy­siert (2). Diese lingu­is­ti­sche Analyse ist besonders bemer­kens­wert, da sie eine frühe Version dessen darstellt, was später als Satzglied­ana­ly­se bezeich­net wird. Denn obwohl Moritz durch­gän­gig von den „Wörtern“ des Satzes spricht, sind diese „Wörter“ in seinem Fall eindeutig eher als das zu verstehen, was man heute als Satzglied oder funktio­na­le Einheit bezeich­nen würde.

(2)11 Jetzt nahm er die schweren Stäbe von der Schulter. 13 Ich kann mir andre Stäbe holen, 12 sprach er, 14 und hob an, einen starken Damm vor den Baum zu bauen, 15 und grub frische Erde. 16 Jetzt war der Damm gebaut 17 und die entblöß­ten Wurzeln waren mit frischer Erde bedeckt 18 und jetzt nahm er sein Beil auf die Schulter 19 und lächelte noch einmal, zufrieden mit seiner Arbeit, in den Schatten des geret­te­ten Baumes hin, 20 und wollte in den Hain zurück, 21 um andre Stäbe zu holen.

In seiner visuellen Darstel­lung ist jeder Satz von einer großen waage­rech­ten Klammer umschlos­sen. Innerhalb jeder Klammer findet sich eine tabel­len­ar­ti­ge Struktur, in der die Funkti­ons­na­men oben und die Wörter des Satzes darunter angeord­net sind. Jeder Satz besteht aus Grund (=Subjekt) und Rede (=Prädikat), mit möglichen zusätz­li­chen syntak­ti­schen Funktio­nen wie Ziel (=Objekt), Zweck (=Dativ­ob­jekt) oder Bindung (=Konjunk­ti­on). Optionale Elemente wie Hinan­fü­gung (=Adver­bi­al­phra­se) und Einschie­bung (=Inter­jek­ti­on) werden lose unter die wichtigs­ten syntak­ti­schen Funktio­nen gestellt, was implizit auf eine Unter­schei­dung zwischen Argument und Adjunkt hinweist. In Abb. 2 sind aber auch mehrere Satzglie­der als „Ziel“ oder „zweites Ziel“ markiert, die wir heute eher als Adjunkt analy­sie­ren würden.

Abb. 2: Zweiter Seiten­ein­schub in „Deutsche Sprach­leh­re“ von Karl Philipp Moritz (1782: 308). 

Inter­es­sant ist ebenfalls die unter­ge­ord­ne­te Positio­nie­rung der direkten Rede (Nr. 13 in Abb. 2) als Ziel des Haupt­sat­zes und der um zu + Infinitiv-Satz (Nr. 21 in Abb. 2) als ein Zweck des Haupt­sat­zes, was einer sehr modernen Analyse von unter­ge­ord­ne­ten Sätzen entspricht.

Adolph Diesterweg (1830) „Praktischer Lehrgang“

Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg (1790–1866) war Lehrer, Pädagoge und produk­ti­ver Lehrbuch­au­tor (und Vater vom Verleger Moritz Diesterweg). Er schrieb über Mathe­ma­tik, Grammatik und didak­ti­sche Methoden im Allge­mei­nen und war stark von den Ideen Pesta­loz­zis beein­flusst. Später im Leben engagier­te er sich politisch für die Reform des preußi­schen Bildungs­sys­tems. Sein „Prakti­scher Lehrgang für den Unter­richt in der deutschen Sprache“ ist ein umfang­rei­ches dreibän­di­ges Handbuch für Lehrkräf­te. Wie es im Unter­ti­tel heißt, handelt es sich um „einen Leitfaden für Lehrer, die die Mutter­spra­che auf natür­li­che Weise unter­rich­ten möchten“. Im vorlie­gen­den Kontext werde ich mich auf den zweiten Band „Die Wortformen und die Satzlehre“ konzen­trie­ren (Diester­weg 1830).

In diesem Buch kommen unter­schied­li­che Visua­lie­rungs­me­tho­den zum Einsatz. So verwendet Diester­weg eine komplexe grafische Analyse der internen Satzstruk­tur für „ausge­bil­de­te Sätze“, wie in Abb. 3 für Satz (3) darge­stellt (Diester­weg 1830: 174, 266).

(3)Ein unter den schwie­ri­gen Umständen standhaft geblie­be­ner Vater von sechs unmün­di­gen, in weiter Entfer­nung lebenden Kindern hat sich auch in diesem theuern Jahre durch rastlose Thätig­keit bei Tag und Nacht vor Tausenden seiner Mitbürger rühmlich ausgezeichnet.

Dabei greift er auf die damals weit verbrei­te­te Unter­schei­dung zwischen „nackten“ und „ausge­bil­de­ten“ Sätzen zurück. Die Frage nach der inneren Struktur eines Satzes stellt sich nur bei ausge­bil­de­ten Sätzen, d. h. bei Sätzen, die neben dem bloßen Subjekt und Prädikat weitere Elemente enthalten. In Abb. 3 wird der „nackte“ Satz oben darge­stellt und die „Ausbil­dung“ darunter hinzugefügt.

Abb. 3: Syntak­ti­sche Analyse des Satzes (3) von Friedrich Adolph Wilhelm Diester­weg (1830: 174).

Diester­weg verwendet sowohl horizon­ta­le als auch vertikale Klammern, um Wortgrup­pen in ausge­bil­de­ten Sätzen anzuzei­gen. Horizon­ta­le Klammern kennzeich­nen Modifi­ka­tio­nen, während vertikale Klammern Konsti­tu­en­ten anzeigen. Die umgekehr­te horizon­ta­le Klammer in der Mitte links weist ebenfalls auf eine Konsti­tu­en­te hin.

Es ist verlo­ckend, diesen grafi­schen Ansatz mit der Analyse von Moritz zu verglei­chen, die sich stark ähneln. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass Moritz einen direkten Einfluss auf Diester­weg ausgeübt hat. Wahrschein­li­cher ist, dass es sich bei der Verwen­dung von Klammern um eine parallele Entwick­lung handelt, da große Klammern damals eine der wenigen verfüg­ba­ren grafi­schen Einheiten für den Schrift­satz waren.

August Lehmann (1833) „Mechanismus des Periodenbaues“

Johann August Otto Leopold Lehmann (1802–1883) war als Lehrer in Danzig (Gdańsk) und später als Schul­di­rek­tor in Marien­wer­der (Kwidzyn) tätig. In dieser Zeit verfasste er eine Reihe pädago­gi­scher Lehrwerke, die überwie­gend aus Litera­tur­kom­men­ta­ren bestanden, aber auch Lieder­bü­cher, Dialekt­ana­ly­sen und einige heimat­kund­li­che Werke umfassen. Zu Beginn seiner Karriere schrieb er eine lingu­is­ti­sche Abhand­lung über den Satzbau: „Allgemeiner Mechanismus der Periodenkonstruktion, nebst dem Versuch, damit eine Kritik der deutschen Periode zu verbinden“ (Lehmann 1833). Dieses Werk hatte im 19. Jahrhun­dert einen erheb­li­chen Einfluss auf die deutsche Sprach­theo­rie, ist heute jedoch weitge­hend vergessen.

Im Titel seines Buches verwendet Lehmann den Begriff „Periode“, der ursprüng­lich aus der Rhetorik stammt und grob eine zusam­men­hän­gen­de und struk­tu­rier­te Äußerung bezeich­net. Lehmann versteht unter Periode einen komplexen Satz, der aus mehreren Teilsät­zen besteht. Er schlägt eine umfas­sen­de Visua­li­sie­rung der Struktur solcher Sätze vor, die er als „Perioden­bild“ bezeich­net. Jedem Teilsatz wird dabei ein Buchstabe zugeord­net. Zur Visua­li­sie­rung eines Perioden­bil­des unter­schei­det Lehmann drei verschie­de­ne Arten der Unterordnung:

  • In der ersten Notation verwendet Lehmann eine horizon­ta­le Klammer, die anzeigt, dass der Nebensatz (unter der Klammer) dem überge­ord­ne­ten Satz (über der Klammer) folgt. Dies bezeich­net er als Anfügung oder Nachperiode.
  • In der zweiten Notation kommt ein Doppel­punkt zum Einsatz, der anzeigt, dass der Nebensatz (vor dem Doppel­punkt) vor dem Hauptsatz steht. Dies wird als Vorder­satz, Vorder­pe­ri­ode oder Voraus­schi­ckung bezeichnet.
  • In der dritten Notation verwendet er runde Klammern, die anzeigen, dass der Nebensatz (in Klammern) innerhalb des überge­ord­ne­ten Satzes steht. Dies nennt er Einschal­tung. Die abgetrenn­ten Teile des überge­ord­ne­ten Satzes werden dabei durch die Wieder­ho­lung desselben Buchsta­bens gekenn­zeich­net. Solche Wieder­ho­lun­gen des Buchsta­bens deuten also nicht auf mehrere Teilsätze hin, sondern auf verschie­de­ne Teile desselben Teilsatzes.

Lehmanns Ansatz konzen­triert sich also auf die Bezie­hun­gen zwischen den Satztei­len, während viele andere Aspekte der gramma­ti­ka­li­schen Analyse eines Satzes unbeach­tet bleiben. Dies ermög­licht es ihm auch, sehr komplexe Sätze zu analy­sie­ren. Ein Beispiel für einen solchen Satz finden wir in Beispiel (4), einem Satz aus Immanuel Kants „Anthro­po­lo­gie in der Pragmatik“ (Lehmann 1833: 125–126).

(4)a Daß ferner, ɑ wenn es (das Kind) nun zu sprechen versucht, a das Radbre­chen der Wörter es für Mütter und Ammen so liebens­wür­dig macht, es beständig zu herzen und zu küssen und es auch wohl durch Erfüllung alles Wunsches und Willens zum kleinen Befehls­ha­ber zu verziehn: A diese Liebens­wür­dig­keit des Geschöpfs im Zeitraum seiner Entwick­lung zur Mensch­heit, muß wohl auf Rechnung seiner Unschuld und Offenheit aller seiner noch fehler­haf­ten Aeuße­run­gen, b wobei noch kein Hehl und nichts Arges ist, A einer­seits, andrer­seits aber auf den natür­li­chen Hang der Ammen zum Wohlthun an einem Geschöpf, c welches einschmei­chelnd sich der Willkür eines andern überläßt, A geschrie­ben werden, d da ihm eine Spielzeit einge­wil­ligt wird, die glück­lichs­te unter allen, β wobei der Erzieher dadurch, 𝔄 daß er sich selber gleichsam zum Kinde macht, β diese Annehm­lich­keit nochmals genießt.

Lehmann fasst den inneren Aufbau dieses langen und komplexen Satzes in einem relativ übersicht­li­chen Perioden­bild zusammen, wie es in Abb. 4 darge­stellt ist. Zum besseren Verständ­nis sind die Buchsta­ben aus diesem Perioden­bild in Beispiel­satz (4) eingefügt.

Abb. 4: Lehmanns (1833: 126) Analyse des Satzes von Immanuel Kant aus Beispiel (4).

Der Hauptsatz wird durch einen Großbuch­sta­ben A gekenn­zeich­net, der zweimal durch mit Klein­buch­sta­ben b und c gekenn­zeich­ne­te Neben­sät­ze unter­bro­chen wird. Vor dem Hauptsatz steht ein weiterer Nebensatz a, der wiederum durch eine Unter­ord­nung zweiter Ordnung unter­bro­chen wird, die mit dem griechi­schen Buchsta­ben α bezeich­net wird. Nach dem Hauptsatz folgt noch ein Nebensatz d, dem eine sekundäre Einbet­tung β folgt, die durch eine tertiäre Einbet­tung unter­bro­chen wird, die durch einen Fraktur-Großbuchstaben 𝔄 gekenn­zeich­net ist.

Ausblick

Die in diesem Beitrag vorstell­ten Beispiele stellen lediglich eine kleine Auswahl an Fällen der Benutzung grafi­scher Methoden für gramma­ti­sche Analysen zwischen 1830 (Diester­weg) und 1957 (Chomsky, Tesnière) dar. Die Vielzahl der Ansätze, manche prakti­ka­bler als andere, ist beein­dru­ckend und kann Inspi­ra­ti­on für alle sein, die in der Lehre oder Forschung eine grafische Illus­tra­ti­on gramma­ti­scher Struk­tu­ren nutzen wollen. Der aktuelle Stand des Projekts kann jederzeit online im Manuskript einge­se­hen werden. Neben einem Überblick über alle Autor*innen und ihre grafi­schen Methoden wird das Buch auch eine Dokumen­ta­ti­on der unter­schied­li­chen Visua­li­sie­rungs­me­tho­den enthalten.

Literatur

Chomsky, Noam (1957): Syntactic struc­tures (Janua Linguarum, Series Minor 4). The Hague: Mouton. doi:10.1515/9783112316009.

Diester­weg, Friedrich Adold Wilhelm (1830): Prakti­scher Lehrgang für den Unter­richt­der deutschen Sprache. Ein Leitfaden für Lehrer , welche die Mutter­spra­chena­tur­ge­mäß lehren wollen. Zweiter Theil. Die Wortfor­men und die Satzlehre. Crefeld: Funke. https://cysouw.github.io/graphicalgrammar/scans/diesterweg1830.pdf.

Lehmann, August (1833). Allge­mei­ner Mecha­nis­mus des Perioden­bau­es, nebst einem Versuche, an ihn eine Kritik der deutschen Periode anzuknüp­fen. Danzig: Anhuth. doi:10.3931/e-rara-73094.

Lyman, Rollo La Verne. 1922. English grammar in American schools before 1850. Chicago, IL: Univer­si­ty of Chicago Library. https://archive.org/details/englishgrammarin00lymarich.

Moritz, Carl Philipp (1782): Deutsche Sprach­leh­re für die Damen in Briefen. Berlin: Arnold Wever. https://mdz-nbn-resolving.de/bsb10584078.

Tesnière, Lucien (1959): Éléments de syntaxe struc­tu­ra­le. Paris: Klinck­sieck. https://archive.org/details/LucienTesniereElementsDeSyntaxeStructurale.

Wander, K. F. W. (1856): Satzbil­der­schu­le. Aufga­ben­schatz zur Uebung im Entwerfen von Satzbil­dern und Anleitung zum Verständ­niß und Bau aller Arten zusam­men­ge­setz­ter Sätze und Perioden. Leipzig: Möller. https://cysouw.github.io/graphicalgrammar/scans/wander1856.pdf.

Diesen Beitrag zitieren als

Cysouw, Michael. 2025. Grafische Grammatik. In: Sprach­spu­ren: Berichte aus dem Deutschen Sprach­at­las 5(8). https://doi.org/10.57712/2025-08

Michael Cysouw
Michael Cysouw arbeitet am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas zur weltweiten Sprachvielfalt und zu quantitativen Methoden mit denen sprachliche Vielfalt analysiert werden kann.