Minister Ingmar Jung (v. l.) überreicht den Hessischen Mundartpreis 2025 an Reiner Wagner und Barbara Stremel. Foto: Bernd Hartung
Der Projektname „GOGS“ ist eine Wortspielerei. In den Dialekten des hessischen Hinterlandes bedeutet dies ‘rülpsen, aufstoßen’ und steht hier als Abkürzung für die Anfangsbuchstaben von Geschwasde On Geschrewene Sproche (Gesprochene und Geschriebene Sprache). Da es bei den Dialekten hauptsächlich um Aussprache und Betonung geht, lassen sich Dialekte nur schwerlich durch Schreiben und Lesen weitergeben. Vielmehr ist für eine nachhaltige Bewahrung der Dialekte die gesprochene Sprache unerlässlich. Mit digitaler Technik soll die gesprochene Mundart mit der geschriebenen hochdeutschen Übersetzung verknüpft werden. Dadurch werden die korrekte Aussprache und die hochdeutsche Bedeutung der Wörter gleichzeitig wahrnehmbar. Mit dieser Verknüpfung können die Dialekte nachhaltig gesichert werden, so dass sie nachfolgenden Generationen „eins zu eins“ zur Verfügung stehen.
Das Projekt „GOGS“ besteht aus zwei Teilprojekten. Für die Umsetzung des ersten Teils des Projektes hat der Verein von Beginn an mit der Philipps-Universität Marburg — Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas (DSA) — zusammengearbeitet. Im Sommersemester 2013 wurde im Rahmen des Seminars „Die Dialekte des Hinterlandes im Licht der modernen Regionalsprachenforschung“ das Konzept für die Sprachaufnahmen erarbeitet, die dann in standardisierter Form in den Orten des Hinterlandes erfolgen sollten. Aufgenommen wurden u. a. die 40 Wenkersätze, die Wochentage, die Zahlen von 1–20, die Schilderung des Tagesablaufs sowie eine umfangreiche und repräsentative Auswahl von einzelnen Wörtern. Bei Sprachaufnahmen in sechs Ortschaften hat das Konzept seine „Praxistauglichkeit“ bewiesen. Nachdem mit Hilfe der jeweiligen Ortsvorsteherinnen und Ortsvorsteher Dialektsprecherinnen und Dialektsprecher gefunden waren, sind nach diesem Muster die Dialekte aller Orte des Altkreises Biedenkopf vor Ort von Studierenden des DSA aufgenommen worden.
Für diesen ersten Teil des Projektes „GOGS“ ist der Dialektverein am 21. Februar 2025 mit dem Hessischen Mundartpreis 2025 ausgezeichnet worden. Eine neunköpfige Jury aus Sprachwissenschaftlern, Journalisten und Dialektexperten war beeindruckt von der Sorgfalt, mit der sich der Verein um wissenschaftliche Exaktheit bemüht habe. Mit den umfangreichen Sprachaufnahmen liege nun ein flächendeckender Bestand vor, der in seiner Dichte in Deutschland seinesgleichen suche.
Barbara Stremel und Reiner Wagner vom Vorstand des Vereins Dialekt im Hinterland e.V. nahmen in Rüsselsheim den Preis von Minister Ingmar Jung entgegen. Mit dieser Ehrung hatten beide nicht gerechnet. „Bei 65 tollen Bewerbungen, wer denkt da an das Hinterland“, sagte Barbara Stremel. „Es war eine beeindruckende Atmosphäre im Saal. Auf dem Weg zur Bühne gab es viel Applaus, die Besucher haben uns zugejubelt und uns beglückwünscht. Es war unglaublich“, so Reiner Wagner. Beide betonen, dass der Mundartpreis nicht nur eine große Ehre für den Verein sei, sondern zugleich auch Verpflichtung, sich weiter verstärkt für die Förderung und den Erhalt der Hinterländer Dialekte einzusetzen.
Mit dem zweiten Teil des Projektes „GOGS“ sollen nun die gesprochenen Dialekte mit der geschriebenen hochdeutschen Übersetzung digital verknüpft werden. Aufgrund der umfangreichen Sprachaufnahmen wird dies sehr zeitaufwändig sein. Wie schon beim ersten Teilprojekt hofft der Dialektverein, auch diesmal Studierende des DSA für die Umsetzung gewinnen zu können. „Das zweite Teilprojekt ist eine große Herausforderung für uns und ohne die Unterstützung der Uni wird es nicht gehen“, erklärt Reiner Wagner. Mit der Umsetzung wurde im Herbst 2025 begonnen. Trotz des zu erwartenden hohen Zeitaufwandes soll die digitale Verknüpfung von Sprache und Schrift bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Anschließend soll „GOGS“ der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden und dürfte dann auch für die Sprachwissenschaft interessant sein.
Das Projekt „GOGS“ belegt, dass die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Ehrenamt sehr gut funktionieren kann, wenn beide Seiten offen aufeinander zugehen und auch bereit sind, etwas Neues auszuprobieren. Zudem zeigt sich, dass Dialekt und digitale Technik richtig gut zusammenpassen, was den Erhalt und die Weitergabe der Dialekte enorm erleichtert.
Diesen Beitrag zitieren als
Wagner, Reiner. 2025. Das Projekt „GOGS“ – Dialekte im Hinterland e. V. erhält Hessischen Mundartpreis. In: Sprachspuren: Berichte aus dem Deutschen Sprachatlas 5(12). https://doi.org/10.57712/2025-12

