Kochbücher und Kochrezepte gelten als Anleitungstexte (s. z. B. Brinker / Pappert / Cölfen 2024 oder „Bedeutungsverwandte Ausdrücke“ im Eintrag „Kochrezept“ im DWDS). Das lässt sich damit erklären, dass bei der Funktionsbestimmung des Texttyps in der Regel nur Kochrezepte herangezogen werden, die für den öffentlichen Gebrauch bestimmt sind. Das sind vor allem Kochrezepte, die in Kochbüchern, Zeitschriften und anderen Massenmedien veröffentlicht werden. Kochrezepte, die für den privaten oder beruflichen Gebrauch notiert werden, werden dagegen in Texttypdefinitionen, ‑klassifikationen und ‑charakteristika nur selten erwähnt. Gleiches gilt für ihre Funktionen. Ausnahmen sind z. B. Gloning 2002 und Wolańska-Köller 2010.
Auch ein Teil von Kochbüchern und Kochrezepten aus dem Bereich der privaten Schriftlichkeit entstand, um andere (in der Regel weibliche) Personen zur selbständigen Zubereitung von Speisen anzuleiten. Neben der anleitenden Funktion können handschriftliche Kochbücher und Kochrezepte aber auch andere kommunikative Funktionen erfüllen, z. B. das eigene Gedächtnis entlasten, bestimmte Zubereitungsarten dokumentieren oder jemanden an eine bestimmte Person und/oder einen bestimmten Anlass erinnern. Gegenstand dieses Beitrags ist die Erinnerungsfunktion von handschriftlichen Frauenkochbüchern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, zu zeigen, dass Kochbücher und Kochrezepte aus dem Bereich der privaten Schriftlichkeit einen Teil der Erinnerungskultur darstellen.
Handschriftliche Frauenkochbücher
Handschriftliche Frauenkochbücher, d. h. Kochbücher, die von oder für Frauen geschrieben wurden, haben eine lange Tradition, die sich bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt.1 Aus dieser Zeit stammen das Kochbuch der Philippine Welser (Hayer 1983) und das Kochbuch der Sabina Welser (Stopp 1980), die als die ersten in deutscher Sprache handschriftlich verfassten Frauenkochbücher gelten (s. Glaser 2002: 512).
Schon in der Frühen Neuzeit war das Ausstatten von jungen Frauen mit einem für sie zusammengestellten handschriftlichen Kochbuch eine gängige Praxis.2 Diese Aufgabe übernahmen Mütter, Tanten oder andere in der Kochkunst erfahrene Personen. Die von ihnen aus dem eigenen Erfahrungsschatz kompilierten, in der Regel in einem Zuge geschriebenen Kochbücher waren ein beliebtes Konfirmations- und Hochzeitsgeschenk für Töchter, Nichten und andere weibliche Familienmitglieder, besonders für solche im heiratsfähigen Alter (s. Wolańska 2007 und Wolańska-Köller 2010: 74–76). Das bekannteste handschriftliche Geschenkkochbuch ist das Kochbuch von Anna Justina Margaretha Lindheimerin, Großmutter von Johann Wolfgang von Goethe, das 1724 vermutlich anlässlich ihrer Konfirmation von einer erfahrenen anonymen Wetzlarer Hausfrau verfasst wurde (Lemmer 1981, s. auch Liepsch / Beck 2018: 23).
Andere namhafte Frauen, die ein eigenes handschriftliches Kochbuch oder eine Lose-Blatt-Sammlung mit handgeschriebenen Kochrezepten besaßen, waren u. a. Ottilie von Goethe, Schwiegertochter von Johann Wolfgang von Goethe (s. Liepsch / Beck 2018: 53–55),3 Erdmuthe Dorothea Nietzsche, Großmutter von Friedrich Nietzsche (s. Liepsch / Beck 2018: 73–76), Claudine von Arnim, Schwiegertochter von Bettina und Ludwig Achim von Arnim (s. Liepsch / Beck 2018: 69–72), Henriette Dorothea Grimm, Ehefrau von Wilhelm Grimm (Sollner 2013) und Johanne Wilhelmine Cotta, Ehefrau von Johann Friedrich von Cotta, dem Verleger von Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe (Beck 1984).4
Im 19. Jahrhundert war das Besitzen eines eigenen handschriftlichen Kochbuchs Mode. Ein Großteil handgeschriebener Frauenkochbücher aus dieser Zeit wurde in privaten Haushalten geschrieben. Aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind auch handschriftliche Frauenkochbücher erhalten geblieben, die im beruflichen (z. B. in Hotel- und anderen Großküchen, s. z. B. Koch 1900 und Straub 1905) oder schulischen (v. a. in Koch- und Haushaltungsschulen, s. z. B. Grom 1914 und Schneider 1920) Kontext entstanden. Eine Auswahl von Digitalisaten handschriftlicher Frauenkochbücher der vergangenen zwei Jahrhunderte aus meiner Kochbuchsammlung, darunter die genannten Hotel- und Schulkochbücher, kann unter www.kochbuchbibliothek.de abgerufen werden.
Im privaten Bereich gehörten nicht nur das Führen eines handschriftlichen Kochbuchs und das Sammeln von Kochrezepten, sondern auch der Rezeptaustausch unter Frauen zum guten Ton. Kochrezepte von Familienmitgliedern, Freundinnen, Bekannten, Wirtinnen, Personal etc. wurden auf- und abgeschrieben, weitergegeben, per Post verschickt, über Dritte übermittelt. Belege dafür finden sich in Form von Herkunftsvermerken in Rezepttiteln oder unter den Kochrezepten (s. Zitat (1)), Angaben dazu, wo die Speise gegessen wurde (s. Zitat (2)), losen Blättern, Briefen und Postkarten mit handschriftlichen Kochrezepten sowie diversen Vermerken für die Adressaten (s. Zitat (3)).
(1) „Hasenpastete von Frau Marie Brentano“ (Eintrag im Kochbuch von Claudine von Arnim, zit. nach Liepsch / Beck 2018: 21)
(2) „dieser Auflauf schmeckt sehr gut, ich habe ihn gestern Abend hier gegessen. Bonn. D. 2ten August 1821.“ (Grimm 1821–1847, Einlageblatt mit Kochrezept für „Zitronenauflauf“)
(3) „Guten Appetit und angenehme Tischgesellschaft dazu wünscht Dir Ottilie.“ (Einlageblatt mit Kochrezept für „Fisch mit Parmesankäse“ von Ottilie von Goethe, zit. nach Liepsch / Beck 2018: 16)
Das Kochbuch als Erinnerungsbuch
Stand beim Verfassen von frühen Geschenkkochbüchern die Intention im Vordergrund, junge Frauen zur selbständigen Speisenzubereitung anzuleiten und sie damit auf die Führung eines eigenen Haushalts vorzubereiten oder sie bei dieser zu unterstützen, gewann mit der Zeit immer mehr der Wunsch an Bedeutung, die Beschenkten an die Schenkenden und den Anlass zu erinnern, zu dem das Kochbuch verfasst wurde. Um diesem Wunsch Rechnung zu tragen, wurden handgeschriebene Geschenkkochbücher mit einer Widmung versehen, in der der Schenkanlass, der Name oder der Verwandtschaftsgrad der schenkenden, ggf. auch der beschenkten Person, das Entstehungsdatum und der Entstehungsort genannt wurden. Ein Zeugnis dieser Praxis ist z. B. das handschriftliche Kochbuch, das Philomena Pichler (Pichler 1861, s. Abbildung 1) zum Namenstag von ihrer Schwester erhielt. Neben 100 Kochrezepten enthält das in einem Zuge, in Schönschrift geschriebene Kochbuch für Philomena Pichler eine Erklärung von Gewichts‑, Maß- und Stückabkürzungen und ein Register. Auf dem Vorsatzblatt wurde vermerkt
(4) Koch-Buch
geschrieben
für meine liebe Schwester
Philomena Pichler.
1861
Zum Nahmensfeste. (Pichler 1861: 1r, s. Abbildung 1)

Abb. 1: Widmung im Kochbuch der Philomena Pichler (Pichler 1861: 1)
Spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Schenken von leeren oder angelegten Blankokochbüchern zum Andenken eine Mode. Das Kochbuch wurde zum Erinnerungsbuch. Vermutlich nach dem Muster der damals sehr verbreiteten Praxis des Führens und Schenkens von (Blanko‑)Stammbüchern und Poesiealben (vgl. Angermann 1971: 22) trugen Frauen (seltener auch Männer, s. Abbildung 3 und 4) in vorgedruckte Blankokochbücher Widmungen, formelhafte Gedenkempfehlungen und Zuneigungsbeteuerungen ein und schenkten diese Frauen aus dem eigenen sozialen Umfeld. Auch Schenkanlass, ‑datum und ‑ort wurden vermerkt. Die Zitate (5)-(7) und die dazu gehörigen Abbildungen 2–4 zeigen drei Beispiele für Widmungen in Blankokochbüchern:
(5) „Zur freundlichen
Erinnerung gewidmet
von Ihrer
Herta Klöpfel.
Gera den 1. Augut 1919.“ (Klöpfel 1919: Rückseite des Vorsatzblattes, s. Abbildung 2)

Abb. 2. Widmung von Herta Klöpfel (Klöpfel 1919: Rückseite des Vorsatzblattes)
(6) „Dies Erinnerungsbuch zur Sammlung guten Rathes
für Hausmannskost, (...)
für meine liebe Tochter
Helene am 24. Dezember 1852 übergeben von
Benjamin Kretz.“ (Kretz 1856–1909: Vorderseite des Vorsatzblattes. s. Abbildung 3)

Abb. 3: Widmung im Kochbuch für Helene Kretz (Kretz 1856–1909: Vorderseite des Vorsatzblattes).
(7) „Als
Namenstag-Präsent
von Deinem Papa.
Den 11. August 1896.“ (Mayer 1986: 4, s. Abbildung 4)

Abb. 4: Widmung im Kochbuch für Mina Mayer (Mayer 1896: 4)
Gelegentlich wurden das Schenken von Blankokochbüchern und das Zusammenstellen eines eigenen Kochbuchs aus Kochrezepten von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten explizit thematisiert. Am 2. Mail 1891 trug Ruth de Looper in ein hochwertige Blankogeschenkkochbuch mit Kunstledereinband, Metallbeschlag, Metallschließe und Goldschnitt die folgenden Zeilen ein:
(8) „Zum 2. Mai 1891
(...)
„Ach man kauft doch heutzutage
Ganz gedruckt ein Kochbuch schon,
Und es ist die große Frage,
Ob einʾs schreiben sich noch lohn.“
(...)
Und zu meiner großen Freude
Hört ich sagen hier und dorten,
Allerliebst ein leeres Kochbuch
Zum Geschenk sei allerorten.
Alles muß man sich notieren
In das eigne Kochbuch fein,
Und dann öfters selbst probieren
Das wird ein Vergnügen sein.
Hier hat eine gute Tante
Ein Recept für Pfeffernüsse;
Dort ein Bäschen sendet eins
Für „baisers“ – im Deutschen Küsse!
Und Mama selbst hat bekanntlich
Auf die Küchʾ ein Monopol,
Sie macht viele guten Sachen
Die man ihr abspicken soll. -
Drum soll ein willkommʾnes Zeichen
Dir dies Buch sein von der Ruth,
Daß sie auch in fernen Reichen
Immer an dich denken thut.
Brauch es oft und mit Erfolg,
Denn ich hörte neulich sagen,
Daß der Weg zum Herz des Mannes
Sicher führe durch den Magen!“
Jumet (Belgien)
im Mai 1891
Ruth de Looper“
(Krämer 1891–1953: 2r–3v)
Eine 1944 von einer anderen Hand stammende Widmung zeigt, dass das Blankokochbuch ein Hochzeitsgeschenk war und über mindestens drei Generationen von Mutter auf Tochter vererbt wurde:
(9) „Meiner lieben Ilse zum 27. Juni 44
zur Erinnerung an ihre Großeltern
Krämer, die am 2. Mai 1891 geheiratet
haben
von ihrer Mutti.“ (Krämer 1891–1953: Rückseite Vorsatzblatt, s. Abbildung 5)

Abb. 5: Zwei Widmungen im Kochbuch für Frau Krämer (Krämer 1891–1953: 1v–2r).
Weitere Charakteristika von Blankogeschenkkochbüchern, die handschriftliche Einträge der Schenkenden enthalten, sind gereimte Verse, Zitate aus der Literatur sowie Poesiekochrezepte mit Hinweisen auf die bürgerlichen Tugenden einer Haus- und Ehefrau (s. z.B. Riedel 1916 ff.: 1v und Manz 1921 ff.: Rückseite des Vorderdeckels, s. Zitat (10) und Abbildung 6).
(10) „Gericht für Sonn= u. Wochentage.!
Nimm 20 Liter Heiterkeit und rühre sie nach Kräften
Dann zeige Lust und Fröhlichkeit bei allen Hausgeschäften
Ein volles Maß Zufriedenheit, bring stets dem Mann entgegen
Und schaffʾ zeigt er Verdrießlichkeit, stets Sonnenschein auf Regen.
Hüllʾ alles fein in Sauberkeit und würze es mit Scherzen
Vergiß auch nicht die Sparsamkeit und gib mit frohen Herzen.
Das Essen halte stets bereit, dann bleibst Du zweifelsohne
Des Gatten Stolz zu aller Zeit, des Hauses schönste Krone.
Reichtum - Rezept.
10 Tropfen concentrierten Fleiß
Und ebensoviel sauren Schweiß
10 Tropfen alte Redlichkeit
10 Tropfen strenge Sparsamkeit
Dies alles mische mit Verstand
So hast Du das Mittel zum Reichtum zur Hand.
Wenn Sie diese Rezepte recht fleißig benützen
denken Sie hoffentlich auch manchmal
Ihrer Marie Riedel.“
Tinz, d. 28. März 1916. (Riedel 1916 ff.: Rückseite des Vorsatzblattes, S. Abbildung 6)

Neben Widmungen sollten handschriftlich eingetragene Kochrezepte an die Rezeptgeberinnen und den Schenkanlass erinnern. Zum einen wurden oft einige Kochrezepte für einzelne Speisengruppen bei der Anlage des Kochbuchs von der/dem Schenkenden eingetragen. Zum anderen wurde das Eintragen von Kochrezepten in bereits bestehende handschriftliche Frauenkochbücher durch Familienangehörige, Freundinnen und Bekannte der Kochbuchbesitzerinnen praktiziert.5 Zeugnisse dieser Praxis finden sich z. B. im handschriftlichen Kochbuch von Tante Elwira (Elwira 1878–1938: 2r), einem „Geschenk von Frau v. Engelmann“ (ebd.: 2r), in dem mehrere Kochrezepte von verschiedenen Händen notiert wurden. An einige dieser Kochrezepte schließen sich Widmungen, Freundschaftsbeteuerungen und Erinnerungsempfehlungen der Eintragenden an (s. Zitate (11)-(13) und Abbildungen 7–9).
(11) „Nur, wenn der Creme Ihnen
schmeckt, gedenken Sie freundlichst
Ihrer
Sie herzlich liebenden
Marie Schneider.“ (Elwira 1878–1938: 29v, Widmung unter dem Rezept für „Kräftige[n] Weincreme; Unterstreichung aufgehoben [AW], s. Abbildung 7)

Abb. 7: Kochrezept für „Kräftige[n] Weincreme“ mit Widmung im Kochbuch von Tante Elwira (Elwira 1878–1938: 29v).
(12): „Möchten Sie bei Zubereitung dieses Geleeʾs sich
stets freundlich erinnern
Ihrer
Sie aufrichtig liebenden
Antonie Schneider.
Geb: von Wunsch.“ (ebd.: 29r, Widmung unter dem Kochrezept für „Wein-Gelée“, s. Abbildung 8)

Abb. 8: Kochrezept für „Wein-Gelée“ mit Widmung im Kochbuch von Tante Elwira (Elwira 1878–1938: 29r).
(13) „Bei Durchlesung dieser Zeilen
bittet um ein freundliches Erinern
Ihre
Sie sehr verehrende Lida von Lüttnitz.“ (ebd: 41v, Widmung unter dem Kochrezept für „Hobelspäne“; Geminatenkürzung aufgelöst [AW], s. Abbildung 9)

Abb. 9: Kochrezept für „Hobelspäne“ mit Widmung im Kochbuch von Tante Elwira (Elwira 1878–1938: 41v).
Das Eintragen von Kochrezepten in handschriftliche Kochbücher anderer Frauen aus dem eigenen sozialen Umfeld ist im Zusammenhang mit dem zeittypischen, regen Rezeptaustausch zu sehen. Auch ein Zusammenhang mit oder sogar die Musterrolle von den ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert beliebten Frauenstammbüchern und Poesiealben liegt nahe. Für die Nutzung handschriftlicher Kochbücher als Erinnerungsbücher nach dem Vorbild von Frauenstammbüchern und Poesiealben und die Übernahme stammbuch- bzw. poesiealbumartiger Textmuster sprechen v. a. zwei Punkte: 1. die Tatsache, dass die Erinnerungsfunktion und die formelhaften Widmungen, die für Frauenstammbücher und Poesiealben typisch sind, sich in diesen deutlich früher nachweisen lassen als in handschriftlichen Frauenkochbüchern,6 2. die Standardisierung und der nahezu gleiche Wortlaut von Widmungen, Gedenkempfehlungen und Freundschaftsbeteuerungen in den beiden Textarten (s. Tab. 1).
| Widmungen in Frauenkochbüchern | Widmungen in Poesiealben |
| „Bei Durchlesung dieser Zeilen bittet um ein freundliches Erinnern Ihre Sie sehr verehrende Lida von Lüttnitz.“ (Elwira 1878–1938: 41v; Geminatenkürzung aufgelöst [AW]) | „Beim durchlesen dieser Zeilen erinnere dich oft und gern deiner teuren Freundin Hedwig Stenger Erfurt d. 13 Juli 1884“ (Sander 1880–1886: 30r) |
„Möchten Sie bei Zubereitung dieses Geleeʾs sich stets freundlich erinnern Ihrer Sie aufrichtig liebenden Antonie Schneider. Geb: von Wunsch.“ (Elwira 1878–1938: 29r) | „Zur freundlichen Erinnerung an Deine Dich liebende Tante Sophie Sander. Wittenberg d. 13 April 1880.“ (Sander 1880–1886: 12r) |
„Zur freundl. Erinnerung an die gemeinsam schön verlebten Stunden in Offenbach im Frühjahr 1921 Frau Else Drews.“ (Manz 1921 ff.: Rückseite des Vorderdeckels) | „Zur Erinnerung an die zusammen verlebten Tage in unserem geliebten Storenz. Im Mai 1852 Elisa Bohse.“ (Aderkas 1846–1858: 24r) |
Tab. 1: Widmungen in handschriftlichen Kochbüchern und Poesiealben (Zeilentrennung aufgehoben [AW]).
Auch für das Betiteln von handschriftlichen Kochbüchern als „Küchen-Album“ (z. B. Anonym [1880]), den darin enthaltenen Seitenschmuck (z. B. Krämer 1891–1953) und die gelegentlich vorkommenden Perlenstickereien (z. B. Crolow 1850–1904) können Poesiealben als Vorbild fungiert haben.
(Text-)Linguistischer Wert
Handschriftliche Erinnerungskochbücher des 19. und frühen 20. sind für die (text-)linguistische Forschung in mehrfacher Hinsicht interessant. Als Dokumente älterer Sprachstufen geben sie Einblicke in historische Ausprägungen der deutschen Sprache, insbesondere im Bereich des Wortschatzes, der Syntax und der Textorganisation. Als Zeugnisse privater Schriftlichkeit geben sie Aufschluss über die schriftsprachliche Kompetenz und verschiedene Aspekte (z. B. die regionale Prägung, s. das Genus von Creme im Titel dieses Beitrags) des Sprachgebrauchs von Frauen, die Textnutzung und die Verbreitungswege von Kochrezepten in den vergangenen zwei Jahrhunderten. Als Vertreter des Texttyps Kochrezept und der Textgattung Kochbuch zeigen sie, dass Kochrezepte und Kochbücher neben der für sie prototypischen Anleitungsfunktion und anderen eingangs genannten Funktionen auch die Erinnerungsfunktion erfüllen und damit zu den Zeugnissen schriftlicher Erinnerungskultur von Frauen gehören können. Sie sind ebenso Belege dafür, dass ein Kochrezept oder ein Kochbuch gleichzeitig oder zu verschiedenen Zeitpunkten mehr als eine Funktion erfüllen kann. Zwar fehlen Nachweise (so etwa in Form von Gebrauchsspuren, Vermerken zur Qualität der Gerichte oder Kochrezepte) dafür, dass die in Erinnerungskochbüchern beschriebenen Zubereitungsweisen von den Beschenkten in die Praxis umgesetzt wurden. Die in den Widmungen enthaltenen Bedingungen wie in Zitat (11), Wünsche wie in Zitat (12) und Bitten wie in Zitat (13) lassen aber darauf schließen, dass diese Kochrezepte nicht nur als Andenken bzw. zur „Durchlesung“ (Elwira 1878–1938: 41v), sondern auch als Anleitungen zur Speisenzubereitung gedacht waren. Das Eintragen von Kochrezepten, Widmungen, Zuneigungsbeteuerungen, Erinnerungsempfehlungen und Poesiekochrezepten in handschriftliche Kochbücher für oder von andere(n) Personen ist auch ein Beleg für die Übernahme bzw. texttypübergreifende Verwendung von Text- und Handlungsmustern.
Moderne Kochbücher und Kochrezepte als Zeugnisse der Erinnerungskultur
Die Tradition des Schenkens von selbst geschriebenen Kochbüchern und Kochrezepten zur Erinnerung an bestimmte Anlässe und Personen besteht auch noch heute. Anders als historische handschriftliche Geschenkkochbücher werden ihre modernen Pendants nicht nur von und für (junge) Frauen, sondern von und für Personen verschiedener Geschlechter und Altersstufen verfasst. Selbst erstellte oder zusammengestellte Kochbücher sind immer noch ein beliebtes Hochzeits‑, Geburtstags- oder Abschiedsgeschenk für Familienmitglieder, Freund:innen, Arbeitskolleg:innen und Lehrer:innen. Anders als in früheren Jahrhunderten werden Kochrezepte in der Regel nicht mehr in Blankokochbücher, sondern auf einzelne Blätter eingetragen, die zu einem Kochbuch gebunden werden, auf einer zu einem Schenkanlass angelegten Internetseite veröffentlicht (s. z. B. Geburtstagskochrezepte für Waldek) oder in Form von einem individuell für das Hochzeitspaar konzipierten Fotobuch (s. z. B. Hochzeitsportal24) gedruckt. Kochrezepte mit Erinnerungs- (und vermutlich auch anleitender) Funktion können auch in Festschriften vorkommen. In der „Festgabe für Heinz Dieter Pohl zum 70. Geburtstag“ (Bergmann / Unterguggenberger 2013) wurde jedem Beitrag ein Kochrezept beigefügt.
Diesen Beitrag zitieren als
Wolańska, Anna. 2026. „Nur wenn der Creme Ihnen schmeckt, gedenken Sie freundlichst…“ Handschriftliche Kochbücher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Zeugnisse der Erinnerungskultur von Frauen. In: Sprachspuren: Berichte aus dem Deutschen Sprachatlas 6(1). https://doi.org/10.57712/2026-01
Literatur
Aderkas, Julie von (1846–1858): Poesiealbum der Julie von Aderkas, geb. Transehe. Herderinstitut Marburg DSHI 190 Livland FA Transehe 016.
Angermann, Gertrud (1971): Stammbücher und Poesiealben als Spiegel ihrer Zeit: nach Quellen des 18.–20. Jahrhunderts aus Minden-Ravensburg. Münster: Aschendorff.
Anonym [ca. 1880]: Küchen-Album. Museum Europäischer Kulturen zu Berlin 62 H 39.
Beck, Eva (Bearb.) (1984): Kochbuch für Johanne Wilhelmine Cotta d: 2 Mey 1792. Faksimile, Kommentar, Transkription und Glossar von Eva Beck. Leipzig: Edition.
Bergmann, Hubert / Unterguggenberger, Regina M. (Hg.) (2013): Linguistica culinaria. Festgabe für Heinz-Dieter Pohl zum 70. Geburtstag. Wien: Praesens.
Brinker, Klaus / Pappert, Steffen / Cölfen, Hermann (2024): Linguistische Textanalyse: eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. 10., neu bearbeitete Auflage. Bern: Schmidt.
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Gloning, Thomas (2002): Textgebrauch und sprachliche Gestalt älterer Kochrezepte (1350–1800). Ergebnisse und Aufgaben. In: Simmler, Franz (Hg.): Textsorten deutscher Prosa vom 12./13. bis 18. Jh. und ihre Merkmale. Bern [u. a.], 517–550.
Göhmann-Lehmann, Christine (1994): Freundschaft – ein Leben lang… Schriftliche Erinnerungskultur für Frauen. Herausgegeben von Stiftung Museumsdorf Cloppenburg: Museumsdorf Cloppenburg. Niedersächsisches Freilichtmuseum.
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Lemmer, Manfred (Hg.) (1981): Anna Justina Margaretha Lindheimerin. Das Kochbuch von Goethes Großmutter. Faksimile. Herausgegeben von Manfred Lemmer. Kommentar & Transkrition von Eva Beck. Frankfurt am Main: Insel.
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Manz, Lotta (1921 ff.): Koch=Buch. Sammlung Wolańska und Köller G 02. Ditigale Fassung verfügbar unter https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hk/content/titleinfo/5471769.
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Schneider, Lina (1920): [Backbuch]. Neustadt a. d. Hdt. Sammlung Wolańska und Köller S 03. Digitale Fassung verfügbar unter https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hk/content/titleinfo/5469082.
Sollner, Gerd (Hg.) (2013): Grimms Kochbuch. Märchenhafte Rezepte aus dem Hause Grimm. Reprint. Leipzig: Reprint-Verlag.
Stopp, Hugo (Hg.) (1980): Das Kochbuch der Sabina Welserin. Heidelberg: Winter.
Straub, Theresia (1905): Koch-Recepte für Theresia Straub. Urach. Sammlung Wolańska und Köller GA 02. Digitale Fassung verfügbar unter https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-hk/content/titleinfo/5472981.
Wolańska, Anna (2007): Vom persönlichen Rezeptheft zum Kommerzprodukt. Geschenkkochbücher im Wandel der Zeit. In: Mitteilungen des Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens. Dr. Rainer Wild-Stiftung. Heft 14, 62–64.
Wolańska-Köller, Anna (2010): Funktionaler Textaufbau und sprachliche Mittel in Kochrezepten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Ibidem.
Digitalisate meiner Kochbuchsammlung: www.kochbuchbibliothek.de, abgerufen am 24.08.2025.
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Geburtstagskochrezepte für Waldek: www.dlawaldka.eu, abgerufen am 24.08.2025.
Hochzeitsportal24: https://www.hochzeitsportal24.de/ratgeber/hochzeitsgeschenk-kochbuch/, abgerufen am 24.08.2025.
- Zwar beginnt die deutschsprachige (Koch)Rezeptüberlieferung mit dem sog. „Buoch von guoter spîse“ (Hajek 1994) bereits um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Die frühen Rezepthandschriften sind aber entweder anonym überliefert oder auf männliche Autoren zurückzuführen. ↩︎
- Bereits bei dem Kochbuch der Philippine Welser, das offenbar auf einer langjährigen Erfahrung basierte, vermutet Hayer (1983: 11), dass es nicht von der etwa 18-jährigen Philippine selbst, sondern für sie im Auftrag ihrer Mutter erstellt wurde. ↩︎
- Auch August von Goethe, der Sohn von Johann Wolfgang von Goethe, besaß eine Sammlung von Kochrezepten (GSA 37/XXII), die er in einem blauen Kuvert aufbewahrte (s. Liepsch/Beck 2018: 56–60). ↩︎
- Die Kochbücher von Anna Justina Margaretha Lindheimerin (GSA 37/1), Erdmuthe Dorothea Nietzsche (GSA 100/216), Ottilie von Goethe (GSA 40/XXXI) und Claudine von Arnim (GSA 03/859) werden im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar aufbewahrt. Von Henriette Dorothea Grimm werden im Stadtarchiv Marburg zwei Kochbücher archiviert: „Kochbuch für die junge Frau Dorothea Grimm, Jena 1847“ (Grimm 1821–1847) (HStAM, 340 Grimm, P 114) und „Kochbuch“ mit dem handschriftlichen Vermerk von Jacob Grimm „Allerhandsbuch für Dortchen Wild den 31. März 1821…“ (Grimm 1821) (HStAM, 340 Grimm, P 129). ↩︎
- Auf diese Praxis weist auch Müns (1990) hin. Das von ihm edierte handschriftliche Kochbuch der Lisette Reuter von 1827 enthält mehrere Kochrezepte, die von verschiedenen Händen stammen, allerdings ohne Herkunftsvermerke. Laut Münsʾ Recherche wurden die betreffenden Kochrezepte auf Wunsch von Lisette Reuter aufgeschrieben. (vgl. Müns 1990: 13 im Nachwort). ↩︎
- Nach Angermann (1971: 16) lassen sich die ältesten Stammbücher bis in etwa 1500 zurückverfolgen. Die zunächst von männlichen Adeligen geübte Praxis des Stammbuchführens wurde später von Studenten (vgl. ebd.: 16) übernommen. „Ebenso intensiv wie von Studenten, wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts auch von jungen Mädchen aus den bürgerlichen Schichten die Stammbuchsitte gepflegt“ (ebd.: 18 mit Verweis auf Hesse-Freilinghaus (1940: 72). Ende des 19. Jahrhunderts besaßen auch Mädchen auf dem Lande ihr eigenes Poesiealbum (vgl. Angermann 1871: 21). Nach 1850 kam das Poesiealbum im Querformat in Mode. (s. ebd.: 23 und Göhmann-Lehmann 1994: 8). ↩︎

