Wörter haben nicht nur eine Bedeutung, sie haben auch eine Geographie. Was ein Wort meint, ist keine feste Größe. In der Kommunikation wandern Wörter und Bedeutungen in neue Regionen, breiten sich aus, ziehen sich zurück und bilden dabei regionale Muster. Die Dialektlexikographie hat für das Deutsche einen enormen Schatz an regionalen Wörterbüchern zusammengetragen. Allerdings sind diese Werke bislang kaum daraufhin befragt worden, welche größeren semantischen Strukturen in ihnen verborgen liegen. Genau hier setzt eine aktuelle Studie an, die das Verb SCHMECKEN durch 30 große Dialektwörterbücher des frühen 20. Jahrhunderts hindurch verfolgt und dabei zeigt, dass sich hinter einem scheinbar alltäglichen Wort ein fein gegliedertes, räumlich geordnetes Bedeutungsnetz verbirgt.
Ein Verb mit vielen Sinnen
Der Ausgangspunkt ist eine sprachliche Merkwürdigkeit, die schon im 18. Jahrhundert für Verwunderung sorgt. Leibniz berichtet im Jahr 1717, dass süddeutsche Sprecher schmecken auch im Sinne von ‘riechen’ verwendeten und dass man ihnen deshalb nachsagte, sie hätten „wegen dieser Sache nur vier Sinne“. Was für die Standardsprache befremdlich klingt, ist im Süden bis heute lebendig. Im Elsässischen etwa kann man sowohl sagen Der Win schmeckt sür (‘Der Wein schmeckt sauer’) als auch Schmeck emol an die Bluemen (‘Riech mal an den Blumen’). Ein und dasselbe Verb deckt hier gustatorische und olfaktorische Wahrnehmung ab, was man sprachwissenschaftlich als Kolexifikation bezeichnet.
Bemerkenswert ist daran, dass diese Verbindung von schmecken und riechen typologisch eine ausgesprochene Seltenheit ist. In einer groß angelegten Untersuchung von 100 Sprachen fanden Norcliffe und Majid (2024) heraus, dass die Kolexifikation – also der Zusammenfall von Bedeutungen in einem Wort – von GERUCH und GESCHMACK weltweit fast durchgängig vermieden wird. Unter allen untersuchten Sprachen führten nur zwei ein Wort, das beide Bedeutungen wirklich vereint, nämlich das Mittelhochdeutsche und das fast ausgestorbene Nordjukagirische in Nordostsibirien. Dass ausgerechnet oberdeutsche Dialekte dieses global gemiedene Muster bis heute bewahren, macht den Fall zu einem Fenster in die Dynamik sensorischer Bedeutung. Es lässt sich beobachten, wie eine kognitiv robuste Tendenz in der Geschichte des deutschen Sprachsystems ausgehebelt wird.
Wie man Bedeutungen sortiert
Um die vielen Verwendungsweisen von SCHMECKEN nicht bloß aufzulisten, sondern ihre innere Ordnung sichtbar zu machen, greift die Studie auf zwei Bausteine zurück. Der erste ist die proximal-distale Anordnung der Sinne. Geschmack ist ein Nahsinn, d.h. er verlangt direkten Körperkontakt mit dem Stoff. Der Geruch nimmt eine Zwischenstellung ein, denn er vermittelt zwischen Körper und Umwelt über luftgetragene Teilchen und erlaubt Wahrnehmung auf geringe Distanz. Schmecken und Riechen gehören dabei als chemische Sinne eng zusammen, sie unterscheiden sich vor allem im Grad des Kontakts. Hingegen erschließen z.B. sehen und hören fern Gelegenes, ohne dass ein direkter Kontakt oder eine Partikelaufnahme erforderlich wären.
Der zweite Baustein ist die Unterscheidung von vier semantischen Konstruktionsweisen (Konstrualmodi), die danach fragen, wie eine Wahrnehmung perspektivisch gerahmt wird. Zwei davon rücken den Wahrnehmenden in den Vordergrund: der agentive Modus (aktives, absichtliches Probieren: Peter schmeckt das Essen) und der experienzielle Modus (passives Registrieren: Peter schmeckt Knoblauch im Essen). Die beiden anderen rücken den Reiz in den Vordergrund: der emissive Modus (der Reiz als Quelle des Eindrucks: Das Essen schmeckt nach Knoblauch) und der evaluative Modus (das bewertende Urteil: Das Essen schmeckt gut). Diese vier Modi bilden das analytische Raster, mit dem sich jede Attestierung im Wörterbuch einordnen lässt.
30 Wörterbücher als ein Korpus
Das methodische Herzstück der Studie liegt darin, die Dialektwörterbücher nicht als isolierte Sammlungen zu lesen, sondern als ein verteiltes semantisches Korpus. Für jedes der 30 Großraumwörterbücher – sie decken den deutschen Sprachraum von Ostfriesland bis Kärnten, vom Elsass bis Schlesien ab – wurden sämtliche Einträge unter dem Lemma schmecken systematisch ausgewertet, das sind insgesamt rund 400 Verwendungsbelege. Da die Wörterbücher in ihrer Ausführlichkeit stark schwanken, wurde jede Bedeutung als binäre Größe behandelt: vorhanden oder nicht. So lässt sich die räumliche Verteilung als An- oder Abwesenheit einer semantischen Option kartieren, ohne durch die ungleiche Dokumentationsdichte verzerrt zu werden.
Der Nord-Süd-Unterschied
Das auffälligste Ergebnis ist eine ausgeprägte räumliche Zweiteilung (s. Abb. 1). Die gustatorische Bedeutung ‘schmecken’ ist überall belegt, sie bildet den stabilen Kern. Die olfaktorische Bedeutung ‘riechen’ hingegen ist auf das Oberdeutsche und das südliche Mitteldeutsche beschränkt, einschließlich Schlesiens. Die nördlichen Dialekte kennen praktisch nur den Geschmackssinn im Wort schmecken. Dieses Bild ist historisch aufschlussreich, da es das Ergebnis eines Sprachwandels anzeigt. Im Mittelhochdeutschen und auch im Mittelniederdeutschen war die olfaktorische Verwendung von SME©KEN weithin verbreitet (Harm 2000). Erst mit dem Aufstieg von RIECHEN als spezialisiertem Geruchsverb zog sich die olfaktorische Bedeutung von SCHMECKEN allmählich zurück, in der Standardsprache verschwand sie ganz. Der heutige Norden ist also nicht semantisch „arm“, sondern „fortgeschritten“. Er hat die lexikalische Ausdifferenzierung vollzogen, die der Süden in den Wörterbüchern noch nicht abgeschlossen hat. Zwei Belege aus Hamburg und Hinweise aus Vorläufern des „Hessen-Nassauischen Wörterbuchs“, die einst noch „nach Fäulnis schmecken und riechen“ verzeichneten (Kehrein 1891: 356), verraten, dass sich der Geruchssinn erst in jüngerer sprachgeschichtlicher Zeit nach Süden zurückgezogen hat.

Abb. 1: Verteilung der gustatorischen und olfaktorischen Bedeutung von SCHMECKEN. Rote Farbe: Bedeutung wurde im Wörterbuch identifiziert; blau: Bedeutung wurde nicht identifiziert.
Bedeutung wandert nicht wahllos
Über die beiden Kernbedeutungen hinaus dokumentieren die Wörterbücher eine kleine, aber systematische Palette von Übertragungen: taktile Lesarten (rheinfränkisch Gleich kreste de Gaasel mal z‘schmacke „gleich bekommst du die Peitsche zu schmecken“), visuelle (badisch hesch ins Brune Lade geschmeckt: „du hast in Brunes (= Familienname) Laden geschaut“), affektive (Ich kann en net schmecke: „ich kann ihn nicht ausstehen“) und epistemische (Schmeckst eppes!?: „merkst du was?“).
Der entscheidende Punkt ist nun, dass diese Ausweitungen nicht durch die Sinnesmodalität allein bestimmt werden, sondern durch den Konstruktionsmodus hindurchgeschleust werden. Affektive und epistemische Bedeutungen – jemanden nicht schmecken können, etwas schmecken im Sinne von wittern – setzen zwingend die olfaktorische Bedeutung und deren emissive Rahmung voraus. Nur wenn der Reiz als Quelle eines Eindrucks in den Vordergrund tritt, werden jene Eigenschaften verfügbar, die eine metaphorische Übertragung erlauben: die im Geruch angelegte automatische Wertung (Anziehung/Abstoßung) und seine hinweisende, evidentielle Struktur. Aus dem bloßen Geschmackssinn heraus entstehen diese abstrakten Lesarten nicht. Das reduzierte Bedeutungsschema (Abb. 2) macht diese Abhängigkeiten sichtbar. Diese strukturelle Abhängigkeit erklärt zugleich, warum die abstrakten Bedeutungen areal beschränkt sind. Sie können nur dort entstehen, wo die olfaktorische Bedeutung nicht nur vorhanden ist, sondern auch in reizorientierten Konstruktionen realisiert wird. Wo der Norden den Geruchssinn im Wort schmecken verloren hat, sind diese Pfade von vornherein versperrt. Die visuelle Lesart wiederum – ‘einen Blick hineinwerfen’ – hängt am agentiven, also erfahrungsorientierten Modus und tritt bezeichnenderweise nie unabhängig von der olfaktorischen Bedeutung auf. Erst wenn über SCHMECKEN kontaktlose Wahrnehmung möglich ist, wird eine visuelle Umdeutung denkbar.

Abb. 2: Reduziertes Bedeutungsschema der Bedeutung von SCHMECKEN
Was am Ende herauskommt
Zusammengenommen ergibt sich ein Bild, in dem sich die Mehrdeutigkeit von SCHMECKEN aus der verkörperten Ordnung der Sinne entlang der Nah-Fern-Achse sowie der regional gemusterten Arealdynamik speist (s. Abb. 3). Dieses Netz differenziert sich räumlich aus. Der Süden – am ausgeprägtesten das Alemannische – aktiviert nahezu das gesamte Netz und bewahrt das typologisch seltene gustatorisch-olfaktorische Cluster. Der Norden beschränkt sich auf den Geschmackskern und folgt damit der cross-linguistisch üblicheren Tendenz, Geschmack und Geruch lexikalisch getrennt zu halten.
Die Studie zeigt, dass nicht nur einzelne Bedeutungen eine räumliche Verteilung haben, sondern das semantische Netz selbst räumlich organisiert ist. Regionen unterscheiden sich nicht bloß darin, was SCHMECKEN bedeuten kann, sondern auch darin, wie die Bedeutungen zusammenhängen und welche Pfade der Bedeutungsausweitung sie überhaupt zulassen. Damit wird ein Begriff greifbar, den man eine Geographie der Bedeutung nennen kann: die räumlich gemusterte Organisation semantischer Strukturen innerhalb eines Bedeutungsfelds.

Abb. 3: Semantik des Verbs SCHMECKEN in den deutschen Dialekten
Nicht zuletzt liefert die Arbeit einen methodischen Ertrag. Die großlandschaftlichen Dialektwörterbücher erweisen sich als reiche Korpora, aus denen sich die innere Logik lexikalischer Bedeutung rekonstruieren lässt (siehe schon Reichmann 2022). SCHMECKEN steht dabei als Musterfall dafür, wie verkörperte Kognition, perspektivische Rahmung und Arealdynamik gemeinsam die Bedeutungsarchitektur eines Verbs formen. Dass man im Süden bis heute an Blumen schmecken kann, ist so gesehen kein sprachlicher Zufall, sondern die sichtbare Spur einer alten, in bestimmten Regionen längst geschlossenen Durchlässigkeit zwischen zwei Sinnen.
Literatur
Harm, Volker (2000): Regularitäten des semantischen Wandels bei Wahrnehmungsverben des Deutschen. Stuttgart: Steiner.
Kehrein, Joseph (1891): Volkssprache und Wörterbuch von Nassau. Leipzig: A. Lesimple.
Lameli, Alfred / Matthias Hahn (2026): The Geography of Meaning: Investigating Semantic Differences Across German Dialects. Languages, 11(3), 56.
Leibniz, Gottfried Wilhelm (1717): Godofr. Guilielmi leibnitii collectanea etymologica illustrationi linguarum, veteris celticae, germanicae, gallicae aliarumque inservientia. 1 (J. G. Eckhart, Hg.). Hannover: Nicolai Förster.
Norcliffe, Elisabeth / Asifa Majid (2024): Verbs of perception: A quantitative typological study. Language, 100(1), 81–123.
Reichmann, Oskar (2022): Dimensionen der Wortbedeutung und historische Lexikographie. In: Diehl, Gerhard / Volker Harm (Hg.): Historische Lexikographie des Deutschen. Perspektiven eines Forschungsfeldes im digitalen Zeitalter. Berlin / Boston: De Gruyter, 229–254.
Diesen Beitrag zitieren als
Lameli, Alfred. 2026. Bedeutung im Raum: Warum man in Süddeutschland Blumen schmecken kann. In: Sprachspuren: Berichte aus dem Deutschen Sprachatlas 6(9).

